«Für mich ist es hier beim FC Basel wie im Paradies»

Matias Delgado, Captain des Serienmeisters, wird im Dezember 35. Er spricht über die Lust an anstrengenden Trainings, seine Schwäche, nicht Nein sagen zu können – und sagt, warum er Messi über Maradona stellt.

«Fussball spielen ist schön – aber den Ort zu finden, an dem du glücklich bist, ist schwierig»: Matias Delgado hinter der Muttenzerkurve des  Basler St.-Jakob-Parks

«Fussball spielen ist schön – aber den Ort zu finden, an dem du glücklich bist, ist schwierig»: Matias Delgado hinter der Muttenzerkurve des Basler St.-Jakob-Stadions. Foto: Reto Oeschger

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Wie viel Überwindung kostet Sie die Vor­bereitung auf die neue Saison?

Gar keine.

Tatsächlich? Wir dachten, dass ein Spieler, der im Dezember 35 wird, genug davon hat.

Die körperliche Arbeit ist unser Job, ich trainiere gern und kann ­sagen: Im Alter geniesse ich diese Zeit mehr als früher. Wenn der Ball dabei ist, bin ich sowieso zufrieden. Ausserdem ist das Klima so perfekt wie die Rasenplätze, auf denen wir uns bewegen. Als ich jung war, hatte ich in Argentinien nie so schöne Trainingsplätze. Für mich ist es wie im Paradies hier.

Hat die Leidenschaft für den Beruf nie nachgelassen?

Sie ist sogar noch viel grösser geworden! Wenn du jung bist, denkst du leider: Es ist normal, was du erlebst. Erst mit dem Alter wird dir bewusst, dass es nicht so ist. Wir ­haben die Möglichkeit, ein tolles Leben zu führen, wir dürfen das machen, was wir lieben. Und wir werden gut dafür bezahlt. Das können nicht alle von sich sagen.

Fällt es vor diesem Hintergrund leichter, mit Druck umzugehen?

Ich bin es gewohnt, mit hohen Erwartungen umzugehen, nicht erst heute. Druck gab es schon mit 13, 14, als ich Profi werden sollte, um vom Fussball leben und den Eltern ein Haus kaufen zu können. Natürlich war das anfänglich ein Traum, aber irgendwann wurde er realistisch. Und dann machte ich mir automatisch selber Druck, es zu schaffen.

Hat auch Ihr Vater, ein ehemaliger Profi, Sie angetrieben?

Nein, er hat mich in Ruhe gelassen. Ich spürte den Druck einfach wegen unserer familiären Situation. Aber so eine Geschichte habe nicht nur ich, die haben wohl 50 000 andere Spieler auch. Ich hatte das Glück, Leute an meiner Seite zu haben, die an mich glaubten, und die wussten, was es braucht, um nach oben zu kommen. Ich stamme aus einer Fussballerfamilie. Also wussten alle, was es heisst, gesund zu essen, genügend zu schlafen, viel zu trainieren. Später hat mir auch meine Frau geholfen.

In welcher Hinsicht?

Manchmal reicht es schon, wenn einem eine nahestehende Person ein gutes Wort sagt.

Welche Erfahrung geben Sie heute vor allem weiter?

Dass alles sehr schnell geht in einer Karriere. Für mich ist es so, als ob meine Ankunft in Basel 2003 gestern gewesen wäre. Und wenn es in einer Phase nicht gut läuft, bleibt keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Das lässt dieses Geschäft nicht zu. Wir haben in der vergangenen Saison das Double geholt. Nach drei Wochen Ferien war die Situation die: ein neuer Trainer, Start bei null. Ich sage meinen Kollegen, dass jeder Tag der Tag sein muss. Sie sollen nicht daran denken, was morgen sein wird, sondern nur an die Gegenwart. Unsere Karriere endet mit 35, 36 Jahren. Wir sind dann immer noch jung und haben ein neues Leben vor uns.

Heute zeigen Sie grösste Lust am Job. Vor eineinhalb Jahren überlegten Sie sich ernsthaft, ob es weitergehen soll. Welche Fragen stellten Sie sich?

Habe ich Lust, jeden Tag ins Training zu fahren? Bin ich physisch und psychisch bereit, noch ein Jahr lang eine wichtige Rolle im Team einzunehmen? Ich konnte sie mit Ja beantworten. Und ich habe das Glück, beim FC Basel zu sein, da behandeln mich alle unheimlich gut. Dann habe ich den Vertrag eben doch verlängert. Ich habe immer gesagt: Fussball spielen ist schön – aber den Ort zu finden, an dem du glücklich bist, ist schwierig. Ich war nicht überall glücklich. In Basel bin ich es. Und darum ist es schwierig, wegzugehen.

War das 2003, als Sie das erste Mal nach Basel kamen, auch schon der Fall?

Nein, der Anfang war sehr schwierig, vor allem die ersten sechs ­Monate unter Christian Gross. ­Alles war neu, ich verstand nichts. Argentinische Coachs riefen mich an und versprachen mir, ich würde in ihren Clubs spielen. Mir ging es damals nicht gut, und ich dachte an eine Heimkehr. Zum Glück waren Julio (Rossi) und Jimmy (Christian Gimenez) meine Teamkollegen beim FCB, sie halfen mir.

Wie?

Sie erklärten mir, die Situation werde sich ändern. Ich müsse in Europa bleiben, hier sei der Fussball und das Leben. Sie haben mich damals gerettet. Wenn ich alleine gewesen wäre, dann wäre ich wohl wieder in meine Heimat gereist. Geprägt hat mich später mit Walter Samuel ein weiterer Landsmann. Er hat mir eine andere Art von Fussball gezeigt; die Einstellung, die er mit 38 noch an den Tag legte, war unglaublich – ein Musterprofi durch und durch.

Sie entwickelten sich beim FCB zu einem Spieler, dessen Qualität für einen Transfer in eine europäische Topliga hätte reichen müssen. Warum kam es nie so weit?

Offenbar genügte die Qualität eben nicht, es wollte mich niemand verpflichten. Ein einziges Mal war ich nahe dran. Als ich 2008 bei Besiktas Istanbul war, interessierte sich Espanyol Barcelona für mich. Ich hatte als Kind schon von Spanien geträumt, aber Besiktas liess mich nicht gehen. Das war für mich hart zu akzeptieren.

Hatten Sie nie den Eindruck, zu gut für die Super League zu sein?

Nie! Ich bin nach den Spielen ­jeweils ausgelaugt und gestresst.

Wirklich?

Ja, die anderen Teams spielen gut und sind physisch stark. Für mich ist es nie einfach.

Kennen Sie Selbstzweifel?

Nein, das nicht. Im Jahr mit Murat (Yakin) lief es mir zwar nicht besonders gut. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich das nicht kann. Als ich damals nach Abu Dhabi ging, wollte ich dort eigentlich meine Karriere beenden und entspannte mich mental. Auf einmal kehrte ich doch nach Europa zurück, zum FC Basel. Ich wusste, dass ich Zeit brauchen würde. Ein Jahr lang spielte ich wirklich nicht gut, und die Leute aus der Führung hätten mir sagen können: Hör zu, so geht es nicht. Such dir ein anderes Team. Aber das taten sie nicht, sondern behandelten mich immer mit Respekt. Und diese Menschlichkeit ist für mich so wichtig. Sie fehlt im Fussball aber oft. Ich sehe Spieler in anderen Clubs, die nach sechs Monaten weiterziehen, weil ihnen der Verein nicht die nötige Zeit gibt oder sie unter Druck setzt. Das gab es bei mir nie. Natürlich ist Fussball ein Business, aber in Basel kommt es mir vor wie in einer grossen Familie.

Offenbar können Sie schlecht Nein sagen . . .

… das ist so, fragen Sie meine Frau … (lacht)

… wenn ein junger Fan Sie um Ihr Shirt bittet, winken Sie selten ab.

Das stimmt.

Wie viele Trikots haben Sie schon verschenkt?

Sicher mehr als 100.

Werden Sie Nein sagen können, wenn Sportchef Marco Streller wünscht, dass Sie beim FCB noch um ein Jahr verlängern?

Wir schauen im Februar oder März. Wobei: Es ist wohl besser, wenn ich mich nicht in den kalten Wintermonaten entscheide. Aber Marco kennt meine Einstellung, er lässt mich in Ruhe.

Sie sagten einmal, von Streller hätten Sie viel gelernt. In ­welcher Hinsicht?

Er ist eine wunderbare Person. Ich habe von ihm gelernt, wie man an Teamkollegen denkt und wie man sich als Captain verhält. Wir haben die gleiche Mentalität und sind Freunde. Marco ist von hier, er kennt die Stadt, und er hat mir in vielen Situationen geholfen.

Und jetzt sind Sie in Basel so populär wie Streller.

Ist das eine Frage oder eine Feststellung?

Eine Feststellung.

Ich werde nie so populär sein wie Marco. Aber das ist mir auch nicht so wichtig. Ich möchte nicht anders sein, nur weil ich Fussballer bin. Im Gegenteil: Ich versuche, ein normales Leben zu führen wie alle anderen. Ich mag es nicht, mich zu verstecken. Wenn ich in die Stadt gehen möchte, tue ich das. Wenn ich das Tram nehmen muss, nehme ich es. Ich will nicht eine öffentliche Person sein, und die Leute verstehen das. Ein solches Leben würde mir nicht gefallen.

Auf dem Platz tragen Sie die ­Rückennummer 10. Klassische Spielgestalter gibt es kaum mehr. Bedauern Sie das?

Ja, natürlich. Klassische Nummern 10 wie Riquelme fehlen mir, solche Spieler, die wunderbare Pässe schlagen und die Zuschauer mit offenem Mund zurücklassen. Es ist aber auch schön, den modernen Nummern 10 zuzuschauen. Für mich ist Iniesta eine moderne Nummer 10. Er macht alles, er hat die Technik einer Nummer 10, er verteidigt aber wie eine Nummer 6. Er kann links spielen, rechts.

Wenn wir von klassischen argentinischen Nummern 10 sprechen, ist eine Frage zwingend: Maradona oder Messi?

Mir gefällt Messi besser. Vor allem, weil er seine Leistungen bei hohem Tempo bringt. Früher waren die Spieler nicht so gut vorbereitet. Wer besser Fussball spielte, gewann. Wenn heute die Nummer 6 den Ball nicht stoppen kann, aber physisch ein Tier ist, kommt man an ihm nicht mehr vorbei. Der Fussball ist viel schwieriger, weil alle hundertprozentig bereit sind, körperlich, nicht technisch. Was Messi macht, kann man nicht mit den Zeiten Maradonas vergleichen.

Heute müssen auch Sie als Zehner mehr laufen. Hat Ihnen Urs Fischer beigebracht, mehr Defensivarbeit zu verrichten?

Das habe ich schon unter Murat Yakin und Paulo Sousa gelernt, ­danach bei Fischer und nun bei ­Raphael Wicky. Sie sind moderne Trainer, die verstehen, wie man ohne Ball arbeiten muss.

Sie pflegten in den vergangenen zwei Jahren einen ­be­sonderen Draht zu Trainer Urs Fischer. Was hat die Zusammenarbeit mit ihm für Sie so angenehm gemacht?

Urs hat mir grosses Vertrauen geschenkt und zu verstehen gegeben, wie wichtig ich für die Mannschaft wirklich bin.

Wie hat die Kommunikation funktioniert?

Perfekt. Wir haben uns verstanden, ob auf Italienisch oder Englisch. Manchmal mussten wir einander nur anschauen und wussten, was Sache ist. Und wir haben sehr viel zusammen gelacht.

Wir unterhalten uns auf Italienisch. Ist es kein Handicap für Sie, dass Sie kaum Deutsch sprechen?

Natürlich wäre es in einem Land, in dem Spanisch gesprochen wird, viel einfacher für mich. Aber als Fussballer klappte es, weil ich mich vor allem auf dem Rasen ausdrücken durfte. Es ist besser, wenn ­­ich neben dem Platz nicht spreche, ich mache das auch nicht so gern.

Viele Spieler fallen nach dem Ende ihrer Karriere in ein Loch. Fürchten Sie sich davor?

Nein. Ich habe drei Kinder, und das bedeutet 24 Stunden Arbeit. Es ist wohl besser, wenn ich noch Fussball spiele, bis ich 40 bin. (lacht) Wenn ich nach Hause komme, ­beginnt die Arbeit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.07.2017, 22:12 Uhr

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