Machen die Chinesen den Fussball kaputt?

Mit unmoralischen Summen werden Fussballstars nach Asien gelockt. Wir stellen uns dieser Frage. Und: Was halten Sie davon?

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Ja

Als ich im Herbst 2015 ein Meisterschaftsspiel in Shanghai besuchte, wurde ich im Stadion eine halbe Stunde lang angelächelt. Und von jedem dienstbaren Geist in eine falsche Richtung geschickt. Mein Mandarin und ihr Englisch, es war keine kompatible Kombination. Als ich meinen VIP-Platz, für den ich umgerechnet 25 Franken bezahlt hatte, doch noch gefunden hatte, konnte ich auf dem Rasen immerhin einen Isländer ausmachen, weil unverkennbar blond, zudem war da noch Trainer Sven-Göran Eriksson. Ihn kannte ich aus der Serie A. Ich langweilte mich derart, dass ich mein Experiment nach einer Halbzeit abbrach.

Ich bin heute besorgt, wenn ich fast jeden Tag eine neue Meldung, immer ähnlichen Inhalts, vernehme: Spieler XY, im besten Fussballalter, wechselt von einem europäischen Spitzenclub mit einem Mehrjahresvertrag nach China. Immer gleich auch die Begründung: Es sei die neue Herausforderung in einem unbekannten Land, die reize.

Es sei eine lehrreiche Zeit gewesen, wird es nach ihrer Rückkehr heissen, die kulturellen Unterschiede seien aber halt doch sehr gross.

Natürlich. Und morgen kommt der Weihnachtsmann... Zu den wenigen ehrlichen Seelen zählt Axel Witsel. Der Belgier, der dieser Tage trotz eines Angebots von Juventus Turin bekannt gab, zu einem Aufsteiger ins Reich der Mitte zu wechseln, sagte, die 66 Millionen in drei Jahren könne er nicht ausschlagen, er müsse schliesslich auch an seine Familie denken. Ich kann es ihm nicht verdenken; sein ganzer Clan wird sich nie mehr fragen müssen, ob es für eine warme Mahlzeit pro Tag reicht. Dass er dafür auch seine sportlichen Ambitionen aufgibt, lässt sich angesichts dieses Fallschirms verkraften.

Seit der Präsident proklamierte, man wolle mittelfristig eine WM ausrichten und dort auch noch glänzen, ist der Fussball Staatspriorität. Ein erfolgreiches Team bedeutet soziales Prestige, und dafür ist keine Geldinvestition zu gross. Die Rechnung wird ähnlich einfach gemacht wie in anderen Bereichen. Dank westlichem Know-how soll das Niveau ansteigen. Dass davon die Nationalmannschaft nicht ansatzweise profitiert, wird grosszügig ausgeblendet.

Leidtragende der chinesischen Ambitionen sind in erster Linie die europäischen Clubs, die viele Aushängeschilder verlieren, und die gemeinen Fussballfans, die viele ihrer Lieblinge künftig in einem ungewohnten Ambiente verfolgen müssen. Glücklich, das ist für mich klar, werden die Oscars, Hulks und wie sie alle heissen, in China nicht. Es sei eine lehrreiche Zeit gewesen, wird es nach ihrer Rückkehr heissen, die kulturellen Unterschiede seien aber halt doch sehr gross. Auf mein Mitleid werden sie verzichten müssen.

Nein

Diese bösen Chinesen. Zuerst bezahlen sie 66 Millionen Franken für Chelseas Bankdrücker Oscar, dann dem 32-jährigen Carlos Tévez 44 Millionen Franken Salär, und nun schnappen sie Juventus Turin also auch noch Mittelfeld-Ass Axel Witsel weg.

Und dann war da dieses angebliche 165-Millionen-Angebot für Aubameyang. Auf Facebook kommentierten diverse englische Fussballfans erbost: «Diese Chinesen zerstören den Fussball.» Stimmt, dafür braucht es ja die Chinesen. Es ist ja nicht so, dass die Topclubs Europas unter Federführung von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge die Champions League regelmässig so reformieren lassen, dass die Kluft zwischen den Grossen und den Kleinen immer eklatanter wird.

Und vor allem: Sind es ja nicht genau die Engländer, die diese «Zerstörung» gleich selber eingeleitet haben? Oder aus welcher Liga stammen die Clubs, die 105 Millionen Euro für Paul Pogba bezahlten, 62,5 Millionen für Raheem Sterling, 50 Millionen für Leroy Sané? Oder 41 Millionen für (Achtung Trommelwirbel) Andy Carroll! Angeleitet werden die Clubs von russischen Ölmagnaten oder Scheichs von Golfstaaten.

Aber da war ja noch dieses wunderbare Fussballmärchen mit dem kleinen Leicester? Stimmt, das war schön. Dachte auch der thailändische Boss und schenkte allen Helden des 100 Millionen teuren Kaders einen brandneuen BMW im Wert von 150’000 Franken.

Woher nehmen wir Europäer uns also das Recht, den Spitzenfussball alleine für uns zu beanspruchen?

Und die Tradition? Nun ja: Chelsea, einer der Grossen im aktuellen Weltfussball, hatte vor dem Engagement von Roman Abramowitsch weniger Meistertitel als beispielsweise die Zweitligisten Preston North End, Huddlersfield Town oder Sheffield Wednesday. Klar, die Angst ist da, dass in absehbarer Zeit die grossen Fussballstars in Asien spielen – und zwar nicht wegen des bunten Neujahrsfests von China.

Aber wo war der Aufschrei, als die europäische Elite begann, südamerikanische Traditionsclubs leer zu kaufen? An dieser Stelle sei angefügt, dass der Sieger des von 1960 bis 2004 durchgeführten Weltpokals (also jenes mit Tradition) 22-mal aus Südamerika kam – und 21-mal aus Europa.

Woher nehmen wir Europäer uns also das Recht, den Spitzenfussball alleine für uns zu beanspruchen? Weil er in England erfunden wurde? Es lässt mich also kalt, wenn die Chinesen uns mit unseren eigenen Waffen (Geld) schlagen. Schliesslich dürfen auch sie sich ihre Tradition aufbauen. Ob es moralisch in Ordnung ist? Heute fragt auch keiner mehr danach, wie Real Madrid zum erfolgreichsten Verein Europas wurde. Kleiner Hinweis: Diktator Franco half damals nicht nur bei der Verpflichtung von der heutigen Real-Legende mit.

Und auch wenn die chinesische Fussballblase irgendwann platzen sollte, haben sie den Fussball immer noch nicht zerstört. Denn kaputt ist dieser wunderbare Sport schon lange.

Erstellt: 06.01.2017, 14:31 Uhr

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