Fifa-Kongress: Mehr Frauen, weniger Kumpanei

Der Chef wird entmachtet, Löhne werden öffentlich, Amtsdauern gekürzt: Die Fifa will sich heute im Hallenstadion neu erfinden. Was genau geplant ist – und warum.

Der neue Fifa-Rat soll grösser werden als das bisherige Exekutivkomitee, aber weniger mächtig.

Der neue Fifa-Rat soll grösser werden als das bisherige Exekutivkomitee, aber weniger mächtig.

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Angefangen hat es mit Männern wie ­Jared Randall. Der Amerikaner ist Fussballfan und arbeitet als FBI-Agent in New York, Spezialgebiet: organisierte Kriminalität in Europa und Asien. Randall und seine Kollegen waren es, die den Fall Fifa in den USA ins Rollen gebracht haben. Wie der Sender ESPN kürzlich berichtete, hatten die Fahnder vor über fünf Jahren Gerüchte gehört, dass Russland angeblich versuche, die Weltmeisterschaft mit Geldgeschenken nach Moskau zu holen. Sie begannen, im Geheimen zu ermitteln, nachdem Sepp Blatter im Dezember 2010 verkündet hatte, die WM 2018 finde in Russland und jene 2022 im Wüstenstaat Katar statt.

200 Millionen Schmiergeld

Inzwischen hat das FBI Schmiergeld­zahlungen von über 200 Millionen ­Dollar aufgedeckt. 41 Fussballfunktionäre und Geschäftsmänner sind angeklagt.

Der Fall Fifa ist zur grössten Korruptionsaffäre in der Geschichte des Sports geworden. Heute ist die Organisation in ihrer Existenz bedroht. Die US-Justiz fordert, der Verband müsse sich komplett wandeln. Sie setzt die Fifa mit einem ­Gesetz unter Druck, das eigentlich als Waffe gegen die Mafia geschaffen wurde. Die Regel ist einfach: Die Fifa soll kooperieren und gilt dafür als Opfer, das von kriminellen Offiziellen missbraucht wurde. Sollte sie sich weigern, riskiert sie, selbst als kriminelle Organisation eingestuft zu werden. Dann müssten ihre Partner die Kontakte zu ihr kappen. Oder kürzer: «Wenn die Fifa weitermacht wie bisher, läuft sie ins Messer», sagt ein Spezialist, der mit dem Dossier ­vertraut ist.

US-Anwälte am Steuer

Die Neuerfindung der Fifa ist deshalb in vollem Gang. Sie läuft auf zwei Gleisen. Einerseits hat der Verband die amerikanische Anwaltskanzlei Quinn Emanuel an Bord geholt. Diese steht im Kontakt zur US-Justiz und durchkämmt die Fifa-Archive. Bis zu ­einem Dutzend Spezialisten sollen daran arbeiten. Verdächtiges wird an die Schweizer Justiz gemeldet, die ebenfalls ermittelt. Via Rechtshilfe gehen die ­Beweismittel dann in die USA – wo Männer wie FBI-Agent Jared ­Randall sie aus­werten.

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Die zweite Schiene sind Reformen. Die Einsicht, dass die bisherige Organisation der Fifa Bestechung und Vetternwirtschaft begünstigte, hat sich inzwischen breit durchgesetzt, auch bei ­früheren Bremsern. Der Druck der USA wirkt. Das Exekutivkomitee, das Umbauten immer wieder abzublocken pflegte, hat am 3. Dezember 2015 ein Bündel von Erneuerungen einstimmig abgesegnet. Über dieses stimmt nun heute Freitag der Kongress ab. Und darum geht es:

  • Abschaffung des Exekutivkomitees: Das 24-köpfige Exco, die heutige Regierung der Fifa, gilt als fauler Kern des korrupten Fussballs: viel Macht verteilt auf wenige Köpfe; unqualifizierte Leute, die zu nahe an den Geldflüssen sind. Die Reformer wollen dieses Komitee nun abschaffen und stattdessen einen 36-köpfigen Fifa-Rat einsetzen, der keine operativen, sondern nur strategische Aufgaben übernimmt. Stattdessen soll der Generalsekretär mehr Macht erhalten und zum eigentlichen CEO werden.
  • Entmachtung des Präsidenten: Der oberste Chef soll künftig nicht mehr ins Tagesgeschäft eingreifen, sondern sich um die übergeordnete Fussballpolitik kümmern und die Fifa gegen aussen ­repräsentieren.
  • Amtszeitbeschränkung: Der neue Präsident und die Mitglieder des Fifa-Rats dürfen maximal 12 Jahre im Amt sein (drei Perioden à vier Jahre), dann müssen sie abtreten.
  • Leumundprüfung: Präsident, Generalsekretär und die Mitglieder des neuen Rats werden von Spezialisten auf früheres Fehlverhalten durchleuchtet, bevor sie ihr Amt antreten können.
  • Mehr Frauen in die Leitung: Mindestens 6 der 36 Sitze im neuen Rat sind Frauen vorbehalten.
  • Transparenz: Die Löhne des Präsidenten, des Generalsekretärs und der Mitglieder des neuen Rats sollen publik gemacht werden.
  • Weniger Bürokratie: Statt 26 soll es in Zukunft nur noch 9 ständige Fifa-Kommissionen geben. Die Botschaft lautet auch hier: mehr Profi-Arbeit, ­weniger Kumpanei.
  • Bekenntnis zu Menschenrechten: Neu soll es in den Statuten ausdrücklich heissen, dass der Verband die inter­nationalen Menschenrechte achtet und sich für deren Schutz einsetzt.
  • Druck auf die Landesverbände: Die Fifa will die 6 Konföderationen und ihre 209 Mitglieder verpflichten, ebenfalls Reformen in Angriff zu nehmen.

Die ganze Karriere für einen Fall

Die Vorschläge sind angenommen, wenn ihnen mindestens drei Viertel der im Hallenstadion anwesenden Landesverbände zustimmen. Bis heute ist von den Dele­gationen kaum Widerspruch zu ­hören, auch die fünf Präsidentschaftskandidaten geben sich erstaunlich reformfreudig. Kein Wunder – der Druck ist hoch: Hinter den Kulissen lobbyieren Fifa-Spezialisten für den Umbau. Und über allem schwebt die Drohung der US-Justiz.

Auch FBI-Agent Jared Randall und seine Kollegen werden den Kongress mit Spannung verfolgen. Sie sind mit ihrer Arbeit noch nicht fertig – bis heute verfolgen sie Schmiergeldspuren. Kürzlich soll Randall laut ESPN zu einem Kollegen gesagt haben: «Ich könnte meine ganze Karriere mit diesem einen Fall verbringen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.02.2016, 06:23 Uhr)

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