Nicht grübeln

Das Glück ist selbst dann nicht dauerhaft, wenn der Trainer seinen Club zuletzt glücklich machte.

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Der Berner Mundartrocker Kuno Lauener steht mit seiner Band Züri West auf der Bühne, er singt einen Song aus dem neuen Album «Love», es ist ein Album mit viel Melancholie und über ausweglose Beziehungen. In der ersten Reihe im Zürcher Volkshaus halten zwei einen Stoffschal in die Höhe, gelb-schwarz ist er, etwas vergilbt, «BSC Young Boys» steht drauf. Kuno singt diese Textzeilen:

«I hätt aues gmacht für di, aber du hesch gäng meh wöue aus das, aber mir wei nid grüble – es isch scho rächt. I hoffe, du fingsch dis Glück u chasch es bhaute, i säuber bi no nid ganz dert.»

Ich denke an die Young Boys, an die vielen Namen, die kamen und gingen, seit vielen Jahren nun, immer wieder mit der neuen Hoffnung, sie würden endlich das Glück zurück­bringen und wieder einmal Meister werden, 1986 waren es die Berner zum letzten Mal. Grip, Andersson, Csernai, Trümpler, Challandes, Conz, Smajic, Ryf, Weber, Schällibaum, Zaugg, Rohr, Andermatt, Petkovic, Gross, Känzig, Rueda, Bickel, Forte, noch einige andere, sie blieben alle nur eine gewisse Zeit, die eine Seite kam ins Grübeln, zweifelte, ob es noch Sinn macht, aneinander festzuhalten und auszuharren – man trennte sich, manchmal nach kurzer Zeit schon.

Wenn es zur Trennung kommt, hat man sich innerlich meist schon längst auseinandergelebt, das ist im Fussball so und auch im richtigen Leben. Dort glaubt man aber, die nächste Liebe bleibe und sei für ewig und damit die letzte, im Sport weiss man schon am Anfang, dass die Beziehung auch immer ein Ende haben wird, irgendwann. Es sind stets Begegnungen auf Zeit, auch wenn man zuvor ganz ­anders redet und sagt, es sei das ­Richtige – das einzig Richtige im ­Moment. Zweckehen.

So war es in Basel, so war es auch in Dortmund. Und die beiden Trainer, Urs Fischer und Thomas Tuchel, werden das Gefühl haben, wie es Kuno Lauener in seinem Lied besingt: Sie hätten alles gemacht, aber die anderen haben noch mehr gewollt. Mehr als nur Erfolge. Am Rhein sind Neue gekommen, die meinen, alles müsse neu sein, im Ruhrgebiet gab es einen Scheidungskrieg, in dem zuletzt alle irgendwie Verlierer waren, die Schuldfrage ist gar nicht zu klären.

Zuletzt wurden beide von den Fans gefeiert. Fischer, der Bodenständige, der am Anfang als Zürcher in Basel keiner von ihnen war, für den FCB in dieser Saison gleich zwei Titel holte; und Tuchel, der Intellektuelle, der in Dortmund fremd blieb, zuletzt Pokalsieger wurde und den Club auch wieder in die Champions League führte. Und so denken die beiden inzwischen und mit etwas Abstand vielleicht, wie es Kuno Lauener an diesem Abend in einem anderen Lied gesungen hat, «Schattenboxen» heisst es, der YB-Schal hing im Volkshaus immer noch in der Luft:

«I probieres z akzeptiere, so wies isch, u grad aues wird i sicher nid ­vermisse.»

Das Glück ist selbst dann nicht dauerhaft, wenn der Trainer seinen Club zuletzt glücklich machte. Und es ist offen, wer bald wen mehr vermissen wird.

fredy.wettstein@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 23:14 Uhr

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