Der Mann, der Sepp Blatter seit 15 Jahren im Nacken sitzt

Andrew Jennings macht in seinem letzten Film noch eine letzte Enthüllung über den Fifa-Präsidenten.

«Er ist kein netter Mann», sagt Andrew Jennings über Sepp Blatter. Realisation: Lea Koch

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So unähnlich sind sich die beiden gar nicht: zwei Dickköpfe im Rentenalter. Beide haben eine Vorliebe für die grossen Gesten, beide sehen sich stets im Recht. Nur die Macht, die schien lange Zeit einseitig verteilt.

Stets sah es so aus, als wäre Andrew Jennings für Joseph Blatter nicht mehr als ein Störenfried, der sich mit gezieltem Einsatz von Geld, Anwälten und Sicherheitspersonal auf Distanz halten liess. Die Fifa verbannte Jennings gar von ihren Presseterminen. Der britische Journalist publizierte 15 Jahre lang Blatter-kritische Artikel, drehte Dokumentationen, schrieb ein Buch – es nützte alles nichts. Blatter wurde wiedergewählt, wiedergewählt, wiedergewählt.

Aber im Frühjahr 2015 kippte die Geschichte doch. Blatter trat ab und wurde suspendiert. Als die Polizei am 27. Mai im Hotel Baur Au Lac ein halbes Dutzend hohe Fussball-Offizielle verhaftet hatte, diktierte Jennings der «Washington Post» von seiner nordenglischen Farm aus: «Es ist schön, zu wissen, dass Herr Blatter diese Nacht nicht wird schlafen können.» Tags darauf veröffentliche er auf Twitter ein Statement: «Ich habe dem FBI die entscheidenden Dokumente gegeben, die zu den Verhaftungen von gestern führten. Da kommt noch mehr. Blatter ist ein Ziel.»

Die alte, hässliche Geschichte

Was er damit gemeint haben könnte, wurde gestern Abend um 21.30 Uhr klar, als die BBC Jennings’ jüngste TV-Dokumentation ausstrahlte. Der Reporter machte publik, dass die USA in der Schweiz die Strafakten der sogenannten ISL-Affäre angefordert haben. Das Bundesamt für Justiz bestätigt dem TA, dass die US-Behörden bereits am 6. März 2015 um das Dossier gebeten haben.

Hinter den Buchstaben ISL verbirgt sich eine alte, hässliche Geschichte – das grösste bekannte Schmiergeldsystem des Weltsports. Und die Fahnder des FBI wollen nun wissen, was der suspendierte Fifa-Präsident Blatter über dieses System gewusst hat.

International Sports and Leisure (ISL) aus Zug zahlte zwischen den Jahren 1989 und 2001 über ein verzweigtes Netz von Tarnfirmen fast 160 Millionen an Bestechungsgeldern an Exponenten des Weltsports. Im Gegenzug erhielt die ISL TV- und Marketingrechte. Ein riskantes Geschäft, bei dem immer grössere Summen im Spiel waren – zu grosse für die ISL: 2001 brach die Gesellschaft unter einer Schuldenlast von rund 300 Millionen Franken zusammen. Danach wurden die Details des Schmiergeldsystems nach und nach bekannt – auch dank Jennings’ Recherchen. Im Kanton Zug wurde ein Strafverfahren eröffnet, das die Staatsanwaltschaft allerdings 2010 einstellte, nachdem die wegen Bestechung angeschuldigten brasilianischen Funktionäre João Havelange und Ricardo Teixeira 3 Millionen Franken und die Fifa 2,5 Millionen an Wiedergutmachung gezahlt hatten.

Post vom Patriarchen

In der Schweiz muss Blatter deswegen nichts mehr befürchten, er selbst war in dem Verfahren nicht angeschuldigt. In den USA ist die Sache weniger eindeutig. Die FBI-Ermittler gehen aggressiv vor und nutzen jeden Anknüpfungspunkt, den sie finden können. Gemäss Jennings sind die Fahnder auf einen Brief von Blatters Vorgänger Havelange gestossen. Der inzwischen 99-Jährige ist einer der Funktionäre, an den ISL-Gelder geflossen sind. Havelange schreibt, ja, er habe Geld von ISL erhalten – aber diese Überweisungen seien keine Schmiergelder gewesen. Die Zahlungen seien «in Übereinstimmung mit den Fifa-Regeln» erfolgt. Und dann der Punkt: Blatter, damals noch Generalsekretär, habe «volle Kenntnis von allen Aktivitäten» gehabt und sei darüber «immer informiert» gewesen.

Der Brief von Havelange ist gemäss Jennings Teil der Anfrage um Rechtshilfe, welche die USA am 6. März an die Schweiz gestellt haben. Im Ersuchen heisse es, die Amerikaner interessierten sich für «die Aussagen von Havelange, die Blatter in die Sache hineinziehen». Der Anwalt des suspendierten Präsidenten reagierte gestern nicht auf eine Anfrage des TA.

Und Jennings? Der kündigte an, diese Doku sei seine letzte – und besuchte dann nochmals all die Orte, die ihn die letzten 15 Jahre umtrieben – den Fifa-Hauptsitz, das Baur Au Lac, den früheren ISL-Hauptsitz in Zug. Auch da gleicht er Blatter, der gerne noch den Fifa-Kongress im Februar 2016 leiten will, bevor er sich zur Ruhe setzt. Fragt sich nur, ob dessen Ehrenrunde ebenfalls gelingt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.12.2015, 23:16 Uhr)

Banken: 133 Verdachtsmeldungen

Nachdem die US-Justiz letzte Woche 16 Fussball-Offizielle formell angeschuldigt hat, übermittelten Schweizer Banken den Behörden nochmals über zehn Meldungen wegen Geldwäschereiverdachts. Damit steigt die Zahl der verdächtigen Finanzbeziehungen im Fall Fifa auf 133. Zudem kam es zu ­weiteren Festnahmen: Die US-Justiz hat den Generalsekretär des Verbands von Guatemala abgefangen, als er in Florida ein Kreuzfahrtschiff verliess. Hinzu kommen zwei Verhaftungen in Peru und Ecuador. (ms)

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