Spielt mal schön

Die Fifa feiert die Weltfussballer des Jahres – und vor allem sich selbst. Über das, was falsch gelaufen ist, schweigt man eher. Über die Könige eines verkommenen Gewerbes.

Spassfussball auf dem Zürichberg: Diego Maradona (l.) kickt mit dem neuen Fifa-Chef Gianni Infantino und Míchel Salgado (r.). Foto: Philipp Schmidli (Getty Images)

Spassfussball auf dem Zürichberg: Diego Maradona (l.) kickt mit dem neuen Fifa-Chef Gianni Infantino und Míchel Salgado (r.). Foto: Philipp Schmidli (Getty Images)

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Wenn Menschen auf dem Weg zu Galas sind, haben sie kaum Gelegenheit, intensiver über den Grund und Boden nachzudenken, auf dem sie sich gerade bewegen. Hauptsache, er trägt. Der Weltfussballverband Fifa hatte anlässlich der Wahl der Weltfussballer des Jahres einen grünen Teppich vor den TPC-Studios in Zürich-Leutschenbach verlegen lassen. Einerseits naheliegend, weil jeder bessere Fussballer und Weltfussballer auf Rasen zu Hause war, der dem Teppich dieser Art sehr ähnelt. Andererseits haben natürlich Menschen, die für Zeremonien im Showgeschäft Fussball verantwortlich sind, ein gutes Gespür für die Wirkung von Symbolen, und so war der neue Untergrund auch ein Zeichen des Aufbruchs.

Fort von den roten Teppichen. Der Fussball muss wieder näher an die Leute, die ihn so lieben. In den vergangenen Jahren schien der Fussball auf dem Weg zu sein, sich vom Publikum zu entfernen. Skandale in der Fifa, Razzien in Zürcher Hotels, Ermittlungen des FBI. Zuletzt waren die Football-­Leaks-Recherchen veröffentlicht worden, eine Studie über Masslosigkeit und Gier im Business. Der weltbeste Fussballer Cristiano Ronaldo war auf dem Cover des «Spiegels», er trug Eurozeichen auf den Pupillen. Das sah so verstörend aus wie eine schon ältere Momentaufnahme des ehemaligen Fifa-Fürsten Joseph Blatter, der gegen Ende seiner Regentschaft den Fotografen der Weltpresse den Gefallen getan hatte, mit einem gewaltigen Pflaster im Gesicht aufzutreten.

Pfeifen? Buhen? Wegbleiben?

Der eine Fussballherrscher notdürftig geflickt, der andere Fussballherrscher vielsagend gephoto­shopt. Die Lage des Weltfussballs, verdichtet in zwei Bildern.

Was hätte man vom Publikum also erwarten können zu Beginn dieser Gala für die Könige eines verdorbenen Gewerbes? Pfeifen, Buhen? Dass keiner kommt?

So war es natürlich nicht, der «Blick» hatte auf seiner Internetsite den Schauplatz des Ereignisses sicherheitshalber noch mal vermeldet, mit Uhrzeit und Ortsangabe. Und so waren viele Fans mit dem 11er-Tram herausgeruckelt, um am grünen Teppich Selfies und Autogramme abzugreifen. Die Fifa hatte als Presenter die weltweit bekannte Schauspielerin Eva Longoria und den weltweit unbekannten Moderator Marco Schreyl aufgeboten, vor allem aber als Ehrengäste eine enorme Zahl von noch aktiven und vor allem ehemaligen Spitzenfussballern, die nach der Karriere eine Zweitexistenz als Trainer führen, oder wenigstens als Legende.

Für Diego Maradona wurde gebrüllt

Praktisch jeder, der in einem wichtigen Spiel mal etwas Erstaunliches mit dem Ball angestellt hat, war nach Zürich gekommen, der Holländer Marco van Basten, der Argentinier Gabriel «Batigol» Batistuta. Der Brasilianer Roberto Carlos, inzwischen ein wenig stämmiger als früher. Der Brasilianer Ronaldo: wie ein Taschenbär mit Zahnlücke. Der schlank gebliebene Cafu. Der noch aktive Dani Alves trug ein Kettenhemd, das sich bei näherem Hinsehen als Lederjacke mit Eisblumenmuster herausstellte. Es war sehr kalt.

Vor allem aber beim Erscheinen von Diego Maradona wurde gebrüllt. Maradona bekam Trikots, Poster, Bälle über die Absperrung gereicht, er unterschrieb und unterschrieb, was bei ihm sehr lange dauert: Maradonas Signatur ist ein abstraktes Kleinkunstwerk, oben ein wie eine Bergkette aussehendes M, darunter der Vorname in Grossbuchstaben. Und schliesslich, in bescheidenen Klammern, die Zahl, von der eh alle wissen, dass es seine Zahl ist. Maradona spielte mit der heiligen 10, und im Bewusstsein der Fans ist sie auf alle Hemden und sogar Smokingjacken aufgebügelt, die Maradona trägt und jemals noch tragen wird.

«Am Beispiel Maradona kann man sehen, wie die Fifa ihre Erneuerung nach dem Ende der Blatter-Jahre verkauft.»

Am Beispiel Maradona kann man sehen, wie die Fifa ihre Erneuerung nach dem Ende der Blatter-Jahre verkauft. Sie stellen ihre alten Helden noch mal ins Fenster, sie haben sie frisch gemacht und die Mechanik neu aufgezogen. Alte Fussballer als Imagekampagne des neuen Fussballs, der so streng nach Geld riecht.

Bei alten Fussballern, Legenden, Helden hat man eher vergessen oder verdrängt, dass auch sie mal sehr nach Geld gerochen haben, inzwischen erinnert man sich vor allem an die grossen Momente auf dem Platz. Maradonas Tor gegen England 86, das nicht er geschossen hat, sondern Gott. Roberto Carlos’ Wunderfreistoss. Rijkaards Spuckanfall gegen Völler 1990. Mit dem Auge der Erinnerung gesehen, gerinnt jeder Skandal zur Anekdote, auch der Moment, als Zidanes Schädel 2006 den Brustkorb Materazzis suchte und fand.

Jeder dieser alten Fussballer hat den Leuten einen Moment für die Ewigkeit geschenkt, mindestens einen. Und die Ewigkeit wirkt intensiver als eine gerade kritische Phase der Gegenwart.

Ranziger Charme, zu grosser Klunker im Ohr

Diego Armando Maradona, einer der weltbesten Fussballer aller Zeiten, ist eine Projektionsfläche, wie man sie kein zweites Mal findet. Das M, das er den Fans in Zürich auf die Bilder kritzelt, ist in seinen auf- und absteigenden Linien tatsächlich eine Kurzzusammenfassung seines Lebens. Maradona, der Junge aus Villa Fiorito. König der Bombonera in Buenos Aires, verkauft nach Barcelona, dort zusammengetreten. Verkauft nach Neapel, dort zum Gott geworden, allerdings auch zum Bekannten der ehrenwerten Männer der Camorra. Mit einigen von ihnen liess er sich in einer Muschelbadewanne fotografieren.

Maradona ist Weltmeister gewesen, Doper, wuschelköpfiger Teenager früher und später volltatöwiertes, vollgefressenes, vollgepumptes Grenzwesen. Maradona ist schon mal für tot erklärt worden, in der Hölle hat die Belegschaft die Bälle aufgepumpt, aber er lebt immer noch. Ist wieder recht schlank, grauer Mehrtagebart, etwas zu ranziger Charme, etwas zu grosse Klunker im Ohr, aber kein schlechter Humor. Bei der WM 2014 hat er, in seiner Rolle als Experte, festgestellt, der deutsche Stürmer Thomas Müller sehe aus wie ein Hosenverkäufer. Nicht Rosenverkäufer, Hosenverkäufer. Aus dem Mund eines Unsterblichen klang das fast wie ein Kompliment.

Weil der unverwüstliche Maradona nicht bei den Geldvereinen Juventus oder Milan gespielt hat, sondern bei den Schmuddelbrüdern in Napoli, gilt er – Camorra hin, Muschelbadewanne her – irgendwie auch als Revoluzzer. Was malten seine Fans in Neapel damals auf ihre Transparente? «Es ist schöner, mit Maradona zu hungern als ohne ihn.» Maradona hat es hinbekommen, Teil des Establishments zu sein und gleichzeitig immer auch Teil jener Menschen, die das Establishment herausfordern. Er war, das ist ein Element seiner Legende, zur Regeneration und zur Entgiftung mehrmals auf Kuba, Fidel Castro und er zeigten sich gegenseitig ihre schönsten Trainingsanzüge. Maradona ist Kuba dankbar und verbunden, er trägt, als Tattoo, das Porträt von Che Guevara auf seinem Oberarm und das Porträt von Fidel Castro auf seinem Bein.

Dass Fussballer in Wahrheit Revolutionäre wären, ist die Sehnsucht vieler Fans. Günter Netzer zum Beispiel galt als Revolutionär, hatte sich aber mit politischer Theorie nicht auseinandergesetzt. Allerdings hatte er sich in einem Pokalendspiel selbst eingewechselt, das qualifizierte ihn, in der Fantasie des Publikums, zum Rädelsführer.

«Was zynisch ist: wenn Deals als Wohltat verkauft werden.»

Jetzt in Zürich hat der Revolutionär Maradona eine Bewegung angeführt, die offenbar zum Ziel hat, den zuletzt so korrupten Laden Fifa umzudeuten in eine Zentrale zur Schaffung von Chancengleichheit in der Welt. Maradona sprach in jedes Mikrofon, schon am Mittag hatte er mit anderen Legenden und dem neuen Fifa-Chef Gianni Infantino auf dem Zürichberg ein Spassfussballspiel gemacht. Auf dem Rücken trug Maradona die 4, die Nummer der Ausputzer und Grätscher, und auch danach grätschte er alle ab, die der neuesten Idee des Fifa-Chefs kritisch gegenüberstehen.

Weil die Bekenntnisse eines Fussballfunktionärs sowieso blechern klingen und nach den Skandalen der Vergangenheit regelrecht hohl, wurden die Legenden nach vorn geschickt, über Fussball reden alte Fussballer am besten selbst, das war der Sinn des Events von Zürich. Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften? Maradona sagte: «Eine wunderbare Idee. So haben Länder die Möglichkeit zur Teilnahme, die normalerweise nie eine WM spielen dürften.»

Irgendwas ist zerbrochen

Weltmeisterschaften waren Ereignisse, auf die die Meister in aller Welt so hinfieberten wie die Lehrlinge, Weltmeisterschaften wurden verklärt und idealisiert, aber irgendwas ist zerbrochen in den vergangenen Jahren. Wenn man an Weltmeisterschaften denkt und nicht gerade einen Ball als Kopf mit sich herumträgt, denkt man immer auch an die Schatten, die die Welt wirft. Teure Stadien in Südafrika und Brasilien, tote Arbeiter in Katar, Korruption in Russland. Und wenn man schon mal bei Schatten angekommen ist, ist man schnell beim Weltfussballverband Fifa. Dem Kürzel Fifa stellen Graffiti-Schmierfinken gern den Zusatz Fuck voran, die Fifa hat sich das Kurzwort Fuck als weltweit verstandenen Vornamen eingehandelt. Und ihre Antwort ist: alles noch grösser machen, alles weiter dehnen und das Ganze so verkaufen, als ginge es in Wahrheit um das Glück der Kleinen in der Welt. Die aber natürlich bei Abstimmungen in der Fussballweltregierung zum Dank das Kreuzchen richtig ­setzen.

Was zynisch ist: wenn Deals – die man ja durchaus und ehrlicherweise Deals nennen könnte – als Wohltat verkauft werden.

Die Aussicht, bei einer Weltmeisterschaft mitmachen zu können, gebe «den Kleinen Hoffnung», sagte also Maradona, Anwalt aller Kleinen. Ein Revolutionär, aber tatsächlich einer, der die Bedeutung des Fussballs grösser redet, als sie ist. Mal so gesagt: Wer die Teilnahme an einer WM-Endrunde als das höchste Glück einer Nation bezeichnet, baut sich sein Weltbild aus sehr bunten Klötzchen zusammen. Der glaubt auch daran, dass der Fussball Kriege verhindern kann oder Hungersnöte lindern.

Sie redeten und redeten

Den Kleinen Hoffnung geben, das ist vor allem eine Floskel. Wenn so etwas Ziel und Wesen und Philosophie der Fifa wäre, hätte diese Fifa nicht zugelassen, dass bei der WM in Südafrika Stadien gebaut werden, die danach keiner mehr so richtig braucht.

All dieses war kein Thema in Zürich, wo die Fussballer bewiesen, dass sie eine wahre Familie sind, die fest zusammensteht. Die alten Fussballer redeten und redeten in Zürich bei der Gala für die besten Spieler der Welt. Auf den Bildschirmen sah alles toll aus, perfekt und sehr inszeniert. Nur ein Moment war überraschend, als der Malaysier Mohd Faiz Subri den Puskás-Preis bekam für das schönste Tor des Jahres. Er suchte seine Dankesrede auf dem Smartphone, er wischte und wischte, fand die Einkaufslisten der letzten Wochen, Trainingspläne, To-do-Listen – und bestimmt auch freundliche Grüsse seiner Mutter. Nach Ewigkeiten erschien endlich die Rede, die der Mann mit runtergedimmter Begeisterung dann auch vorlas.

Diego Maradona, Anwalt aller Kleinen, sah leise lächelnd zu.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 11.01.2017, 10:27 Uhr

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