«Ein Outing hätte für Profis fatale Folgen»
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 22.10.2008
Unter dem Druck zusammengebrochen: Der schwule Fussballer Justin Fashanu beging Selbstmord. (Bild: Keystone)
Litt unter dem Tabu: DDR-Talent Marcus Urban.
Marcus Urban galt Anfang der Neunzigerjahre als grosses Talent in der ehemaligen DDR. Ihm wurde eine grosse Karriere vorausgesagt. Den Sprung in den Profi-Fussball schaffte der junge Mann aber nie. Ihm stand die Angst, als Schwuler erkannt zu werden, im Weg.
Homosexuelle gibt es im Fussball genauso häufig wie sonstwo, auch hierzulande. Doch wohl nirgends sonst ist das Thema noch derart tabu. Der Autor Ronny Blaschke hat in einem Buch den Leidensweg des Fussballers Urban nun in einem Buch festgehalten. Homosexualität im Fussball wird darum wieder vermehrt diskutiert.
In der Bundesliga...
Ein trauriges Schicksal erlebte Justin Fashanu. Der einst lebensfrohe Profi von Nottingham Forest entschied sich 1990 als Erster der Premier League, öffentlich zu seiner sexuellen Orientierung zu stehen. Nach einer wahren Hetzkampagne flüchtete der Brite in die USA, kehrte später aber zurück in seine Heimat. 1998 erhängte er sich in einer Garage in London, nachdem der 37-Jährige mit dem Druck in der Öffentlichkeit, aber auch im privaten Bereich nicht mehr fertig geworden war. «Schwul und eine öffentliche Person zu sein ist hart», hiess es in seinem Abschiedsbrief.
Vor drei Jahren befassten sich zwei Redakteure des Fussballmagazins «Rund» mit Homosexualität und Homophobie im Profi-Fussball. Sie sprachen mit einem prominenten Bundesliga-Spieler, der in der ständigen Angst lebte, geoutet zu werden. «Ich bin nur ein verdammter Schwuler. Ein Superstar aus Scheisse», sagte der populäre Star den Journalisten. Und er vertraute ihnen an, dass er sehr verzweifelt sei. Es falle ihm auch schwer, sich auf den Sport, notabene seinen Job, zu konzentrieren. Den Mitspielern habe er erklärt, er habe sich von seiner Freundin getrennt. Der Verein sei nun seine Geliebte. Er fühle sich allein und traue nicht, mit jemandem darüber zu reden, dass er homosexuell sei.
... wie in der Schweizer Nati
Inzwischen sind seit Fashanus Selbstmord zehn Jahre vergangen. Im Showbusiness haben die Stars kaum mehr Mühe, sich zu outen. Im Tennis übernahmen grosse Spielerinnen wie Billie Jean King oder Martina Navratilova Vorreiterrollen, später stand auch Amélie Mauresmo zu ihrer sexuellen Orientierung. Im Fussball, einem so genannten Macho-Sport, fehlen diese Bekenntnisse aber.
Auch in der Schweiz. Piero Vecchioli, Sprecher des Coming-Out-Day äusserte sich tags zuvor im «Blick am Abend» wie folgt: «Ich spiele selber Fussball und weiss, dass es in vielen Super-League-Klubs schwule Spieler gibt – sogar in der Schweizer Nationalmannschaft. Ich kann hier natürlich keine Namen nennen.»
Kampagne für Schwule im Sport
Die Schweizer Schwulenorganisation Pink Cross hat dieses Jahr die Kampagne «Lesben und Schwule im Sport» lanciert. Ziel ist es, dass in den Vereinen eine Umgebung geschaffen wird, in der sich homosexuelle Sportler und Sportlerinnen outen können, sofern sie das wollen.
Adrian Mani, Vorstandsmitglied von Pink Cross, gibt zu, dass es schwierig sei, gegen Ende Jahr ein Fazit dieser Aktion zu ziehen. «Aber das Medienecho war im Euro-08-Jahr erfreulich gross. Das Thema ist diskutiert worden und schafft so eine Sensibilisierung. Doch die Nachhaltigkeit einer solchen Kampagne ist erst nach einer längeren Phase ersichtlich.»
Netzer: Fatal für den Spieler
Mani ist Realist, er weiss, dass es in den letzten Monaten keineswegs einfacher geworden ist, sich im Spitzensport, speziell im Fussball, zu outen. Mani erinnert an Aussagen von Trainer Otto Baric, der einst sagte: «Ich erkenne einen Schwulen innerhalb von zehn Minuten und möchte ihn nicht in meinem Team haben. Meine Spieler müssen echte Kerle sein. Also können Homosexuelle bei mir nicht spielen, sondern höchstens gegen mich.»
Solche Aussagen, aber auch das Klima auf den Zuschauerrängen und in den Garderoben machen es für homosexuelle Fussballer heute nicht einfacher, zu ihrer Orientierung zu stehen. Mani zitiert Experte Günter Netzer, der 2004 im TV erklärte: «Ein Outing für einen Fusballprofi hätte fatale Folgen.» Mani ist sich bewusst, dass «der gesellschaftliche Rahmen noch nicht gegeben ist, dass ein homosexueller Fussballer danach ohne Einschränkungen leben könnte.»
Schwule Fanclubs
Mani erkennt in der Welt des Fussballs aber auch Fortschritte, was das schwulenfreundliche Klima betrifft. So stören sich Vereine nicht an homosexuellen Fangruppen, die ja einfach Freude an diesem Sport haben. So gibt es inzwischen auch in der Schweiz Fanclubs - etwa Queerpass, der Fanclub für schwule, lesbische, bi- und heterosexuelle Fans des FC Basel.
Und in England können die Klubs seit dem Jahr 2001 homophobe Zurufe der Fans ähnlich hart bestrafen wie rassistische Ausdrücke. Bis homosexuelle Fussballer in der Gesellschaft und im Stadion vollumfänglich akzeptiert werden, dürfte jedoch noch einige Zeit vergehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.10.2008, 12:20 Uhr







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