Zürcher Kampfansage an die Grossclubs

Wieso Piero Bauert, Präsident von YF Juventus, ausgerechnet einen ­Konkurrenten in der ­Promotion League übernimmt.

«Wir sind nicht mehr abhängig von GC»: YF-Präsident Piero Bauert. Foto: Reto Oeschger

«Wir sind nicht mehr abhängig von GC»: YF-Präsident Piero Bauert. Foto: Reto Oeschger

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Die Nachricht machte die meisten Beobachter des Zürcher Regionalfussballs ­perplex: Piero Bauert, langjähriger ­Präsident von YF Juventus, wird neuer ­Besitzer von United Zürich, einem «Mitstreiter» in der Promotion League, wie er selbst sagt. Es war zwar schon länger ein offenes Geheimnis, dass United-Chef Gabriel Zeyrek den Verein aus beruflichen Gründen nach nur drei Jahren wieder ­abgeben wollte, mit Bauert als Käufer hatte aber wohl niemand gerechnet.

«Warum auch nicht?», entgegnet der 56-Jährige, nach seinen Beweggründen gefragt. Dabei lacht er, weil auch er die Antwort auf seine rhetorische Frage weiss: Zwei Clubs in der Promotion League zu führen, ist finanziell wie auch organisatorisch nahezu unmöglich. ­Dennoch betont Bauert: «Eine Fusion ist vorerst nicht geplant.» So scheint das Hauptaugenmerk nicht auf den Fanionteams zu liegen, sondern auf der Ausbildung. «United hat eine hervorragende Juniorenabteilung aufgebaut», sagt er und schiebt nach: «Wenn zwei Vereine mit solch einem starken Nachwuchs zusammenspannen, dann ermöglicht uns das mehr Mitspracherecht – und wir sind nicht mehr abhängig von GC.»

Damit spricht Bauert die Kooperation von YF Juventus mit dem Schweizer ­Rekordmeister an, wobei: «Das Ganze ist mir zu einseitig. Unter einer Partnerschaft verstehe ich etwas anderes.» Man müsse sich als «kleiner Club» wehren, auch wenn er Verständnis dafür habe, dass «Grossclubs wie GC oder der FCZ uns die guten Spieler wegnehmen». Aber: «Von 5000 Talenten schafft es nur eines in die 1. Mannschaft. Was passiert mit dem Rest? Ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist.»

Durch sein Engagement bei United sieht Bauert eine grössere Chance, ein Talent zuerst in ein eigenes Fanionteam zu integrieren, bevor es verkauft werden kann. Hinzu kommt: Weil Juve ebenfalls ein U-15-Team stellt, findet ein überdurchschnittlicher United-Junior nun unkomplizierter den Weg in den Junioren-Spitzenfussball – und YF kann seine Jugendteams einfacher verstärken.

«Den Gürtel enger schnallen»

Dafür ist Bauert offenbar bereit, Uniteds Platz in der Promotion League zu opfern. «Sie werden den Gürtel enger schnallen müssen», sagt Bauert. «Das Team wird zu einem Grossteil neu formiert. ­Gestandene Spieler werden sich verabschieden, dafür dürfen junge und hungrige Talente für 13 Partien Erfahrungen in dieser Liga sammeln.» Dass er explizit die Zahl der Spiele bis Saisonende erwähnt, lässt erahnen, dass er nicht mit einem ­Ligaerhalt rechnet – aktuell liegt United nur dank dem besseren Torverhältnis als Bavois nicht auf einem Abstiegsplatz.

Eine Relegation dürfte auch Markus Hundsbichler, dem Ligaverantwortlichen, nicht ungelegen kommen. Auf ­Anfrage des TA bezeichnete er das neue Konstrukt um United und YF als «nicht unproblematisch» und sorgte sich um eine mögliche Wettbewerbsverzerrung. Eine rechtliche Hürde gebe es allerdings nicht, bestätigte SFV-Jurist Robert Breitner gegenüber Regional-fussball.ch.

Obwohl der scheidende United-Besitzer Gabriel Zeyrek in einem Interview mit dem Onlineportal seinen Nachfolger als «eine der erfolgreichsten und erfahrensten Personen in diesem Bereich» lobte und das Verhältnis trotz der zuletzt entstandenen Rivalität mit den Worten «sehr gut und respektvoll» umschrieb, waren die Reaktionen aufseiten von United nicht nur positiv. Trainer ­Salvatore Andracchio, dem ein eher schlechtes Verhältnis zu Bauert nachgesagt wird, verliess den Verein per sofort – er wird durch den bisherigen Horgen-Coach Jérôme Oswald ersetzt.

«Natürlich waren ein paar Leute überrascht, wir waren ja Gegner», sagt Bauert, der aber davon ausgeht, dass die Übernahme bald kein Thema mehr sein wird. Und wenn, dann nur als Vorbild: «Ich bin fest davon überzeugt, dass die Amateurclubs mehr miteinander statt gegeneinander arbeiten sollten.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.12.2016, 23:02 Uhr)

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