Aus dem Schwitzkasten befreit

Wieso verpassen es Athleten immer wieder, den K.-o.-Schlag zu setzen? Egal. Dank des Versäumnisses des SC Bern haben wir nun einen richtigen Playoff-Final.

Ein Fehlgriff als Wendepunkt? Bern-Goalie Leonardo Genoni unterlief in Spiel 3 erstmals ein Fehler – und erstmals gewann Zug. Foto: Pascal Muller (EQ)

Ein Fehlgriff als Wendepunkt? Bern-Goalie Leonardo Genoni unterlief in Spiel 3 erstmals ein Fehler – und erstmals gewann Zug. Foto: Pascal Muller (EQ)

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Tobias Stephan bestätigte am Dienstagabend das alte Sprichwort: «Du musst gut sein, um Glück zu haben, und Glück haben, um gut zu sein.» Der EVZ-Goalie schlug sich spektakulär und nahm alles zu Hilfe, was er hatte, auch Pfosten und Latte, um das 0:3 im Final zu vermeiden – und half damit seinem Team, sich aus dem Schwitzkasten des SCB zu befreien.

Sein Gegenspieler Leonardo Genoni hingegen hatte überhaupt kein Glück. Und brauchte lange auch keines, weil er nur sporadisch getestet wurde, seine Vorderleute keine Topchancen zuliessen. Es hätte nach zwei Dritteln 4:0 für die Berner stehen sollen, so überlegen waren sie. Aber ein Fehler Genonis bei Lino Martschinis Flatterschuss – und alles war anders. Es hatte sich in seiner Rüstung plötzlich ein Spalt aufgetan, seine Unverwundbarkeit war zerstört (zum Glück), womit wir nun einen richtigen Playoff-Final haben.

Wie der FCB gegen den FCZ

Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass es für den SCB nicht einfach ist, grosse Spiele in Bern zu gewinnen. Über 17'000 drängen sich in die riesige Arena und erwarten einen Sieg und eine Party. Natürlich wollte der SCB liefern, doch in den letzten zehn Minuten begnügte er sich damit, das 1:0 über die Zeit zu bringen. Die Berner hörten auf, zu laufen und Stephan unter Druck zu setzen – ein fataler Fehler, den wir im Sport immer wieder sehen.

Es erinnerte mich an den FC Basel in der Endphase des entscheidenden Spiels um die Meisterschaft 2006 gegen den FCZ. Die Basler hörten auf zu spielen und sehnten das Ende herbei. Man konnte den FCB-Spielern förmlich ansehen, was durch ihre Köpfe schoss, als sie sich selbst zerstörten, den Titel noch aus der Hand gaben. Auch der grosse Roger Federer hat es schon getan. Oder Rafael Nadal im dies­jährigen Australian-Open-­Endspiel. Wieso verpassen es Athleten immer wieder, den K.-o.-Schlag zu setzen?

Die Meistkritisierten als Helden

So werden immer wieder schöne ­Geschichten von Auferstandenen geschrieben. Stephan, Martschini und Reto Suri waren bis zur späten Wende in Spiel 3 die am meisten kritisierten Figuren des Finals. Stephan griff daneben oder wischte den Puck sogar ins eigene Tor, Martschini hatte noch kein Playoff-Tor erzielt, Suri eines. Am Dienstag waren sie die Zuger Helden. Mein Teleclub-Kollege Morgan Samuelsson hatte vor dem Spiel zu mir gesagt: «Zug muss irgendetwas Verrücktes tun, um zurück in diese Serie zu finden.» Er hatte recht.

Denn Stephans Paraden gegen Simon Moser und Simon Bodenmann im zweiten Drittel waren verrückt. In jeder Liga der Welt würden sie in den Highlights gezeigt werden. Und so glich Martschini aus und lenkte Suri ab zum Sieg. Es wird oft gesagt, dass Spielerkarrieren daran gemessen werden, ob man Meister wurde oder nicht. Diese drei haben immer noch eine Chance. Ich erwarte von ihnen besonders inspirierte Auftritte in den nächsten Spielen.

Ein fast undurchlässigesSystem

Ob es reicht? Denn der SCB ist ein bemerkenswertes Team. Coach Kari Jalonen hat ein System installiert, das fast undurchlässig ist. Die Berner üben Druck aus, wenn sie können – und wenn nicht, machen sie die Mittelzone zu. In drei Finalspielen haben sie noch keinen Angriff der Zuger zugelassen, bei dem diese in der Übermacht waren. Man hat das Gefühl, die Berner seien ständig in Überzahl, weil sie den Puckführenden sofort einkreisen. Und dann schalten sie, wenn sie den Puck erobert haben, mit einem schnellen Pass auf Angriff um.

Die Zuger bewegen sich auf einer steil aufsteigenden Lernkurve – ich habe den Eindruck, dass sie sich langsam ans Berner Spiel angepasst ­haben. Der SCB spielt ja ein 2-3-System, was bedeutet, dass immer drei Spieler hinten warten und zumachen. Zug spielt ein 1-2-2, checkt also mit einem Mann vor. Für die Berner ist es ein Leichtes, den einen Forechecker ins Leere laufen zu lassen, indem der Puckführende einen Rückpass spielt – das tun sie immer wieder, wenn sie die eigene Zone verlassen.

Am Dienstag reagierten die Zuger im Schlussabschnitt darauf, indem der Forechecker Unterstützung erhielt und so den Berner Rückpass verhinderte. Dieses kleine taktische Detail hat grossen Einfluss aufs Spiel. Auch der SCB ist nicht gefeit vor Fehlern, wenn er unter Druck gesetzt wird. Da sollten die Zuger auch heute Abend ansetzen.

Geste der Verzweiflung und der Hoffnung

Kann ein Goalie sein Team zum Titel führen? Vielleicht war ja die Szene nach dem Berner Führungstor in Spiel 3 der Anfang der Zuger Wende. Der Puck war von Thomas Rüfenachts Hintern auf den Stock von Andrew Ebbett gesprungen, der ihn nur noch ins leere Tor einschieben musste. Und da reichte es Stephan. Er versetzte Rüfenacht einen Stockschlag, als dieser die Arme zum Jubel hochriss.

Jeder auf der Zuger Bank sah das. Es war eine Botschaft an die eigene Mannschaft, eine Geste der Verzweiflung und Hoffnung gleichermassen. Stephan signalisierte seinen Team­kollegen: «Das ist genug, Jungs! Das lasse ich mir nicht mehr gefallen! Wer unterstützt mich?»

Mit jeder Faser des Körpers

Jemand hatte bei den Zugern aufstehen müssen. Fortan spielten sie für ihren Torhüter und er für sie. Das verheisst Gutes. Der EVZ hat seinen vorgetäuschten Orgasmus schon hinter sich. Was meine ich damit? Nachdem meine ZSC Lions im ersten Finalspiel 2000 gegen ­Lugano 2:5 verloren hatten, sagte ich zu ihnen: «Boys, ihr täuscht es nur vor. Ihr seid dabei, aber nicht mittendrin. Ihr seid nicht bereit, alles zu geben, um diesen einen Moment der Ekstase zu erreichen. Wenn ihr es wirklich wollt, müsst ihr es mit jeder Faser des ­Körpers spüren.»

Bis jetzt schienen die Zuger happy, im Final zu stehen. Aber sie sind daran, als Team zu wachsen. Haben Sie nach dem Siegestor in ihre Augen geschaut? Sie funkelten. Die Berner sollten sich vorsehen. Nie mehr dürfen sie die wichtigste Regel eines Kampfes vergessen: Wenn dein Gegner am Boden ist, lass ihn nicht mehr aufstehen. Denn dann ist er noch gefährlicher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2017, 00:11 Uhr

Kent Ruhnke

Er führte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und Bern (2004)
zum Meistertitel.
Das Playoff begleitet er für Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit seinen Kolumnen.

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