«Das ist auch ein Vorwurf an mich»

ZSC-Sportchef Edgar Salis gibt sich nach der Blamage gegen Bern selbstkritisch. Und kündigt einen Stilwechsel an.

Zürcher Einsamkeit in der Niederlage: Goalie Flüeler mit Seger und Siegenthaler. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Zürcher Einsamkeit in der Niederlage: Goalie Flüeler mit Seger und Siegenthaler. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Wie hätten Sie als Spieler reagiert nach einem 0:4 im Viertelfinal? Mit einer durchzechten Nacht?
Sehr wahrscheinlich, ja.

Und jetzt als Sportchef?
Mit einer unruhigen, kurzen, mehr oder weniger schlaflosen Nacht.

Die ZSC Lions waren in Bern im Spiel der letzten Hoffnung chancenlos. Vermissten Sie da nicht etwas den Stolz beim Team?
Mit Stolz hat das nichts zu tun. Die Spieler merkten bald: Dieser SCB ist bereit. Dieser Zug ist abgefahren. Natürlich wünscht man sich das nicht. Aber wenn man 0:3 zurückliegt und der Match schlecht beginnt, kann das passieren.

Was hätten Sie getan, wenn Sie auf dem Eis gestanden wären, als Blindenbacher nach dem krachenden Check Rüfenachts liegen blieb?
Es ist irrelevant, was ich getan hätte.

Anders gefragt: Hätten Sie sich keine Reaktion vom Team gewünscht?
Doch, die hätte ich mir gewünscht. Nicht unbedingt, dass es eine Schlägerei gibt. Aber dass die Mannschaft zeigt, dass sie damit nicht einverstanden ist. Das zeigte sie nicht. Das ist auch ein Vorwurf an meine Adresse. Man muss sich fragen: Hat der Sportchef die Spieler geholt, die das auch tun können?

Hand aufs Herz: Hätte es nicht etwas auslösen können, wenn Crawford nach Spiel 3 entlassen worden wäre?
Ich glaube es nicht. Möglich wäre es gewesen. Aber ich glaube nicht daran.

Der ZSC wurde im Playoff auf die 2-Mann-Show Matthews/Nilsson reduziert. Widerspricht das nicht Ihrer Philosophie?
In der Overtime von Spiel 1 wurden gewisse Spieler zu sehr forciert, das stimmt. Aber was, wenn Nilsson das Siegestor schiesst? Dann wird das nie zum Thema. Natürlich, ich finde es auch besser, wenn man das Gewicht auf mehr Schultern verteilt. Aber ich kenne keinen Trainer, der nicht gewisse Spieler mehr spielen lässt als andere. Wurde es zu stark gemacht? Vielleicht. Oder besser: Ja.

Man hatte das Gefühl, Crawford entglitt die Kontrolle im Playoff. Sind Sie enttäuscht von ihm?
Natürlich bin ich enttäuscht. Aber nicht nur von ihm. Auch vom Team. Und von mir. Wir haben alle Fehler gemacht.

«Jeder Trainer lässt gewisse Spieler mehr spielen. Wurde es zu stark gemacht? Ja.»

Ihr Job als Sportchef ist es auch, negative Strömungen zu erkennen. Was haben Sie im Vorfeld des Playoffs übersehen?
Wie gesagt: Ich nehme einen Teil der Schuld auf mich. Ich wusste, dass gewisse Dinge im Raum stehen.

Welche?
Dass einige Spieler ein Problem haben mit dem Trainer.

Wichtige Spieler.
Auch wichtige Spieler. Aber ich habe noch nie erlebt, dass alle den Trainer gut fanden. Es entscheidet immer die Garderobe, was passiert. Wir hatten schon zu meiner Zeit als Spieler Diskussionen über den Trainer. Wenn das einmal im Raum steht, kann ein Team sagen: Egal, wer an der Bande steht, jetzt spielen wir einfach! Das gelang uns diesmal nicht.

Es war auch die Matthews-Saison. Es gab Bedenken, es sei heikel, einen 18-Jährigen als Star zu haben. Lange ging es gut. Im Playoff nicht mehr. Würden Sie ihn nochmals holen?
Matthews würde ich jederzeit und immer verpflichten. Problematisch war, dass wir sehr viele Mittelstürmer hatten. Und er war gleich Center Nummer?1. Das gab Verschiebungen im Team. In der Qualifikation war das kein grosses Thema, weil wir viele Verletzte hatten. Im Playoff hatten wir dann, so blöd es klingt, zu viele Spieler. So war es nicht möglich, allen die geeignete Rolle zuzuteilen.

Im Playoff wurde Matthews forciert und verzweifelte fast, weil er es nicht richten konnte. Tat er Ihnen da nicht ein bisschen leid?
Nein, er tat mir nicht leid. Die Leichtigkeit, die wir in der Qualifikation gehabt hatten, hatte ihm auch geholfen. Aber er machte im Playoff keine schlechte Falle. Er kämpfte, schoss, doch die Pucks gingen einfach nicht rein.

Was schmerzt mehr: Dieses 0:4 im Viertelfinal oder das letztjährige 1:4 im Final gegen Davos?
Mir tat der verlorene Final mehr weh. Zumindest am Tag danach. Weil der Titel zum Greifen nah gewesen war. Aber die Organisation schmerzt dieses Aus mehr.

Nach dem Final sagten Sie damals: «Was das Körperspiel betrifft, reagierten wir nur, anstatt zu agieren.» Das traf erneut zu, nicht?
Ja. Wir wussten, wir sind eine technisch, spielerisch versierte Mannschaft. Wir hofften, dem könnten wir mit dem Zuzug Herzogs etwas entgegenwirken.

Sind es die Spieler, die den Stil diktieren – oder ist es die taktische Marschrichtung?
Beides. Man kann nicht von einem wie Cunti erwarten, dass er das gleiche Hockey spielt wie Scherwey. Aber wir haben ein System, das der Trainer vorgibt. Crawford betonte das spielerische Eishockey. Ich bin aber überzeugt, dass wir auch ein anderes System spielen könnten. Wir haben physisch starke Spieler wie Chris Baltisberger, Herzog oder Künzle.

«Ein Kämpfertyp wie Picard hätte uns wahrscheinlich nicht schlechtgetan.»

Hätten Sie als zusätzlichen Ausländer nicht besser einen Kämpfer geholt wie Picard statt Rundblad?
Diesen Vorwurf verstehe ich. Ich finde, Rundblad ist ein exzellenter Spieler. Er passte in unser System, weil er den Puck laufen lässt, unser Hockey spielen kann. Aber klar: Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Ein Kämpfertyp wie Picard hätte uns wohl nicht schlechtgetan. Aber wir hatten schon viele Stürmer.

Die ZSC Lions waren unter Crawford so konstant wie noch nie, aber im Playoff hatten sie lediglich eine ausgeglichene Bilanz. Braucht es einen Stilwechsel?
Eine ausgeglichene Bilanz im Playoff ist für ein Spitzenteam zu wenig. Aber wir müssen nun zuerst schauen, wer unser Trainer wird. Dann sehen wir weiter.

Soll es wieder ein NHL-Trainer sein?
Nicht unbedingt. Es muss einfach die richtige Lösung sein. Ich finde es wichtig, dass er eine gewisse Autorität, Leadership hat. Er ist der Chef, muss immer fordern, die Spieler antreiben. Hartley und Crawford brachten uns gute Strukturen.

Wer wird nun Meister, da es der ZSC nicht mehr werden kann?
Das können Sie auch beantworten.

Davos?
Ja. Alles andere würde mich überraschen. Aber Überraschungen gibt es ja ab und zu, wie wir nun erfahren haben. Und so bitter das nun für uns ist, für den Sport ist es wunderbar. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.03.2016, 23:24 Uhr)

Stichworte

ZSC-Sportchef Edgar Salis (45).

ZSC und SCB: Trainerwechsel

Am Donnerstag spät in den Katakomben der Postfinance-Arena sagte Marc Crawford, es könne sein, dass er nächste Saison weiter ZSC-Trainer sei. Ein paar Stunden später war dieses Türchen geschlossen. Geschäftsführer Peter Zahner und Sportchef Edgar Salis teilten ihm mit, dass sie nicht mehr mit ihm planen. «Crawford hatte signalisiert, dass er zurück in die NHL und bis Ende Juni auf Angebote warten will», sagte Salis. «Das war für uns keine Option. Zumal sich die Situation in der letzten Woche zugespitzt hat.» Der Kanadier dankte Führung, Team und Staff via Twitter – und teilte darauf umgehend nordamerikanischen Journalisten mit, dass er wieder auf dem Markt sei.

Gleiches gilt für SCB-Coach Lars Leuenberger, der nach dem gewonnenen Viertel­final in die mediale Offensive ging und kundtat, dass man ihm schon vor dem Playoff mitgeteilt habe, dass er nicht bleiben dürfe. Neuer Berner Coach dürfte Kari Jalonen (56) werden, der aktuell das finnische Nationalteam betreut. Er würde den SCB übernehmen, selbst wenn ihn Leuen­berger zum Titel führen würde. (sg.)

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27.02.Zug - Biel3 : 1
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27.02.Fribourg-Gotteron - Bern5 : 3
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