Der Stolz, ein Bösewicht zu sein
Von Simon Graf, Davos. Aktualisiert am 29.12.2009
Shawn Heins ist ein zuvorkommender Mensch - solange er nicht Eishockey spielt. Wenn er seine Schlittschuhe schnürt, legt er den Schalter um. Sein wuchtiger Check gegen Berns Roman Josi spaltete die Szene, im Playoff wurde er wegen eines ausgestreckten Mittelfingers in Davos gesperrt, zweimal schon war er der «Böseste» der Liga - mit 193 und 205 Strafminuten. Der Freiburger Verteidiger, der am Spengler-Cup zum Stammpersonal der Kanadier zählt, ist eine der markantesten Figuren im Schweizer Eishockey geworden. Und er ist stolz darauf.
«So bin ich eben», sagt Heins. «Auch im Training bin ich intensiv. Ich bin nicht so talentiert wie ein Travis Roche oder ein Micki DuPont. Ich weiss, dass ich körperbetont und mit Emotionen spielen muss. Oder auch mal einen Gegner einschüchtern muss. Und das tue ich gern.» Eine Eishockeykarriere sei kurz, und er wolle sich danach nicht vorwerfen müssen, nicht alles dafür gegeben zu haben.
Gratulation eines Referees
Unlängst hat er seinen Vertrag bei Gottéron um zwei Jahre verlängert, bis er 38 ist. «Einige sagen, ich sei schon etwas alt. Aber das kümmert mich nicht. Ich musste während meiner Laufbahn Kritiker Lügen strafen.» Überzeugen müssen habe er in der Schweiz etwa die Schiedsrichter, die anfänglich gedacht hätten, er sei ein Prügler, der nicht Eishockey spielen könne. Inzwischen würden sie ihm einen gewissen Respekt entgegenbringen. Nach dem Check gegen Josi habe ihm einer sogar dafür gratuliert. Es sei alles sauber gewesen. Gestört hat sich Heins daran, dass die Szene am Fernsehen immer wieder in Zeitlupe gezeigt wurde. «So schaut es aus, als ob ich gedacht hätte: Jetzt kriege ich dich, jetzt kriege ich dich. Dabei geht im Eishockey alles so schnell. Da hat man keine Zeit zu denken, da wird man von den Instinkten gesteuert.» Er habe Josi stoppen wollen, aber nicht verletzen.
Ein SMS für Josi
Heins wünschte dem SCB-Verteidiger per SMS eine schnelle Genesung und sagt: «Ich bin froh, dass er wieder okay ist. Er ist ein guter Spieler, ich hoffe, er lernt daraus. Denn wenn er nach Nordamerika geht, wird ihm das jeden Tag passieren.» Die Aktion hat Heins’ Status als Hassfigur in der Hauptstadt weiter zementiert. Doch das scheint ihn nicht zu beunruhigen. Er hat sich an die Pfiffe ausserhalb der Patinoire St-Léonard gewöhnt, sagt sogar: «Ich geniesse die Pfiffe. In Bern ist es am lautesten, das ist wunderbar. Wir arbeiten im Unterhaltungsbusiness, und da braucht es einen Bösewicht genauso wie einen Helden. Wenn alle still sitzen, während wir Hockey spielen, stimmt doch etwas nicht.» Folgerichtig wünscht er sich, im nächsten Playoff wieder auf die Berner zu treffen. Die Viertelfinalserie 2008, als Gottéron den grossen SCB stürzte, ist seine schönste sportliche Erinnerung in der Schweiz: «Die Ambiance war unglaublich. Und auch das Drumherum war speziell, wie die Polizisten im Kampfanzug vor dem Stadion patrouillierten.»
Ein neues Zuhause in Florida
Heins’ Wunsch spricht auch für ein gesundes Selbstvertrauen. Es sei viel passiert bei Gottéron in den letzten Jahren, blickt er zurück. «Als ich kam, war es noch akzeptabel zu verlieren. Jetzt ist es das nicht mehr. Und das ist gut so. Denn wer sich nicht über Niederlagen aufregt, ist ein Verlierer.» Heins spricht wie jemand, der besessen ist vom Eishockey. Wie ein typischer Kanadier eben. Zuletzt gesteht er dann aber auch noch eine kleine Schwäche ein: Er sei mit den Jahren etwas soft geworden - was das Wetter betrifft. Die langen und kalten Winter in Kanada müsse er nicht mehr unbedingt erleben, sagt er. Deshalb hat er für sich und seine Familie unlängst ein Haus in Florida gekauft, dank tiefem Dollar und Immobilienkrise war es recht günstig. Man kann ihn sich allerdings noch nicht so recht vorstellen, wie er ruhig am Strand liegt, an einem Drink nippt und wartet, was der Tag so bringt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.12.2009, 10:35 Uhr
