Der nackte Penaltyschütze

Im konservativen US-Bundesstaat Idaho wurde ein Junioren-Eishockeyteam verurteilt, weil es sich eine Blösse gab. Die Polizei ordnete eine formelle Untersuchung an.

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Tor – oder ein Stück Kleidung weg: Vorbild Martin St. Louis.


Das abschliessende Penaltyschiessen gehört fast zu jedem Training bei den Eishockeyteams aller Altersstufen und Güteklassen. Wer trifft, darf sich zum Duschen verabschieden; wer scheitert, versucht es weiter. In Boise sorgten die Idaho Junior Steelheads mit einer bekannten Abwandlung dieses alltäglichen Rituals, dem sogenannten «Strip Shootout», für Aufregung – zumindest im Nordwesten der USA nahe der kanadischen Grenze.

Bei jedem missglückten Versuch entledigten sich die Spieler dieser neuen Junioren-Mannschaft der Western Hockey League eines Teils der Montur. Eine zufällig anwesende Zuschauerin, deren Tochter auf einem andern Rink der städtischen Anlage beschäftigt war, wurde von Spielern in Unterhosen und einem nackten Hintern eines 17-jährigen Novizen derart geschockt, dass sie über eine Hotline der Stadt Ordnungshüter alarmierte. Angestellte des Stadions bestätigten den Vorfall. Es wäre allerdings nie dazu gekommen, wären die Sitten in diesem konservativsten US-Staat nicht so streng. Oder der Goalie der Steelheads nicht so stark.

Harte Strafen

Nacktheit in öffentlichen Gebäuden Idahos sei ausdrücklich nur bei hochkulturellen Veranstaltungen wie Ballett oder Drama erlaubt und das Eishockey-Training gehöre nicht dazu, schreibt die Agentur AP, die die Story verbreitete. Der im letzten Teil des Trainings nicht mehr anwesende Klubbesitzer und Headcoach John Olver verurteilte die Aktion scharf, schloss die Mannschaft für vier Tage vom Stadion aus und sperrte den offensichtlich schwächsten Penaltyschützen bis Ende Monat. Die Polizei ordnete eine formelle Untersuchung an, ob beim Vorfall eine Verletzung von öffentlichem Recht und Ordnung vorlag.

Die jugendlichen Stahlköpfe brachen unterdessen zu den drei Gastspielen im kalifornischen Long Beach auf. Sie hatten ihren Aussagen zufolge nur das NHL-Team der Tampa Bay Lightning kopiert, dessen «Strip Shootout» nach einem Training seit Tagen auf der Videoplattform «Youtube» zu bewundern ist. Der NHL-Superstar Martin St. Louis nimmt dort unter dem Gelächter der Kollegen wieder und wieder vergeblich Anlauf, ohne sich wirklich schon eine Blösse zu geben. Am Ende bezwingt er den Goalie doch noch, ziemlich erschöpft und auf den Duschlatschen rutschend.

Trick statt Strip

Der Einfluss von Youtube ist nicht nur in solchen Szenen überwältigend. Die ganze Eishockeywelt bewunderte dort schon den neunjährigen kanadischen Knaben, der diesen Herbst in einem Spiel einen Penalty mit einem fast unglaublichen technischen Kunststück verwandelt. Er dürfte in vielen Stadien zusätzliche Wettkämpfe in den internen Penaltyschiessen nach den Trainings ausgelöst haben – eher in Richtung Trick als Strip.

Die anderen Vorbilder für das Naked Hockey der Spieler in Idaho stammten offensichtlich aus dem Eishockey-Kultfilm «Slapshot» von 1977. Die Helden der fiktionalen Charlestown Chiefs, einer drittklassigen Profimannschaft unter der Regie von Spielertrainer Reggie Dunlop (Paul Newman), haben das Meisterschaftsfinale gegen die Syracuse Bulldoggs erreicht und sind wie üblich in eine frenetisch gefeierte Massenschlägerei verwickelt, als der Star, der nicht spielen darf, weil er kein Bösewicht sein will, einen Eistanz zelebriert und sich langsam der Montur entledigt. Er zieht die Aufmerksamkeit der Prügelnden und des (weiblichen) Publikums auf sich. Der blutüberströmte Newman strahlt, sein wütender Gegner schlägt den Schiedsrichter nieder, der zum sportlichen Happy End den Abbruch des Spiels und den Forfaitsieg der Chiefs verfügt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2009, 04:00 Uhr


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