Die Psychologie spricht für den ZSC

Den Bernern sind die Gedanken vorausgeeilt – ein wohl fataler Fehler.

Bild: Felix Schaad, Tages-Anzeiger

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Ich habe keine Kristallkugel in meinem Übergangsdomizil in Villars. Aber eine Szene vom Samstag hat mich überzeugt, dass die ZSC Lions nun die bessere Chance haben, Meister zu werden. Es passierte gut sieben Minuten vor Schluss. Nach einem gelungenen Forechecking fuhr Kenins mit dem Puck aufs Tor, Cunti kam dicht hinter ihm. Ein Gewitter von Crosschecks und Stockschlägen folgte, als der Puck irgendwo frei neben dem Berner Goalie lag. Fünf oder sechs Spieler warfen sich auf ihn. Doch damit war es noch nicht getan. Tambellini stiess dazu und buddelte nach dem Puck, als ob er nach Gold schürfen würde.

Aber es war kein Gold, das Tambellini antrieb. Vielmehr war es, als ob er wie ein guter Soldat eine Fahne einsteckte auf erobertem Terrain. Er forderte die Berner heraus, etwas dagegen zu tun. In den ersten vier Finalspielen hätten sie vehement eingegriffen. Da beherrschten sie die Zone vor ihrem Tor. In jener Szene schauten sie nun nur noch hilflos zu. Was war passiert? Jeder Athlet und jeder Geschäftsmann wird bestätigen, dass es das Schwierigste ist, einen Deal abzuschliessen. Und daran ist, vorerst, auch der SCB gescheitert.

Dämonen in den Berner Köpfen

Dieser Final erinnert mich an 2001, als Lugano gegen den ZSC zunächst klar das bessere Team war, 3:1 führte und noch verlor. Stühle und Flaschen flogen in der Resega, als die Zürcher ihren zuvor unvorstellbaren Triumph feierten. Das Gleiche passierte 2006, als der FC Zürich den Baslern in den letzten Sekunden ihr scheinbar gottgegebenes Privileg, Meister zu werden, noch entriss. Auch damals brachen Tumulte aus. Den Luganesi und den Baslern waren ihre Gedanken vorausgeeilt. Sie konzentrierten sich auf die Belohnung und nicht mehr auf ihr Spiel. Und aus meiner Erfahrung ist es in einer Serie fast nicht möglich, einen solchen psychologischen Fehler noch zu korrigieren. Ich bin sicher, die Dämonen kreisen nun in den Köpfen der Berner.

Die ZSC Lions starten im siebten Spiel aus der Poleposition. Der SCB machte zuletzt einen desorganisierten, zeitweise verwirrten Eindruck und fand in der Angriffsauslösung kein Rezept mehr. Sein Mittelzonen-System brach angesichts des Zürcher Tempos zusammen. Die Lions kamen so zu viel mehr Puckbesitz in der Offensivzone, und dort sind sie gefährlich. Und wenn sie den Puck hineinschossen, jagten sie ihm nicht nur nach, sie peinigten die Berner auch noch mit ihren Checks. Müde sind inzwischen beide Mannschaften. Das hat, so paradox es tönen mag, zu attraktiverem Eishockey geführt. Denn je müder die Spieler sind, desto mehr Räume öffnen sich.

Offensichtlich haben die Spieler das Vertrauen in das verloren, was sie tun

Ich war erstaunt, wie viele Fehler den beiden Teams am Samstag unterliefen. Unter anderem setzte es eine Strafe gegen die Zürcher wegen zu vieler Spieler auf dem Eis ab und fiel die Konfusion (oder Panik?) auf der Berner Bank auf, als es darum ging, den Torhüter herauszuholen. Bührer hatte Mühe, dem Puck mit den Augen zu folgen, und seine Verteidiger realisierten, dass ihre furchteinflössenden Bärte und mächtigen Körper nicht reichen, um die leichtfüssigen ZSC-Stürmer – allen voran Cunti – zu stoppen.

Was erwarte ich von Spiel 7? Ich kann mir gut vorstellen, dass die Zürcher Spieler beschwingt sind und kaum erwarten können, dass es beginnt. Bei den Bernern dürften gemischte Gefühle vorherrschen, eine Kombination aus düsterer Vorahnung und Hoffnung. Beide wissen um die enorme Bedeutung des ersten Tores. Erwarten Sie deshalb keine offensiven Feuerwerke, bis ein Team den ersten Fehler begangen hat. Oder müde wird. Der SCB muss sein System anpassen, denn offensichtlich haben die Spieler das Vertrauen in das verloren, was sie tun.

Der gute Rat von Tiger Woods

Die ZSC Lions haben das Momentum, was eigentlich nur ein anderes Wort für Selbstvertrauen ist. Und der Druck lastet auf den Bernern. Das ist eine schwere Last, die sie heute in der Postfinance-Arena herumtragen müssen. Sie müssen sich an die Worte von Stargolfer Tiger Woods halten, der, vor der letzten Runde eines grossen Turniers in Führung liegend, nüchtern festhielt: «Ich muss im Moment bleiben. Mich auf einen Schlag nach dem anderen konzentrieren.»

Der SCB schaffte es in den letzten beiden Spielen nicht, im Moment zu bleiben, und muss nun sofort zurück zur Realität finden. Doch auch die Zürcher können es sich nicht erlauben zu träumen. Dieses Spiel könnte durch einen Konzentrationsfehler oder einen verpassten Check entschieden werden.

Vor dem sechsten Spiel gegen Lugano im Final 2000 schrieb ich ein Zitat von Michael Jordan auf die Tafel: «Wenn du ein Champion sein willst, musst du es zuerst von dir erwarten!»Ich kann mir nicht vorstellen, dass vor dem Playoff jemand glaubte, dass die beiden Teams in die Lage kommen würden, dies von sich zu erwarten. Beide sind dem grossen Ziel so nah – und doch fern. Die Berner hatten über eine Woche Zeit, sich mit der Möglichkeit des Titels auseinanderzusetzen. Für die Zürcher sind diese Gedanken frischer. Genau das könnte die Entscheidung zu ihren Gunsten ausmachen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.04.2012, 08:48 Uhr)

Kent Ruhnke
Der 59-jährige Kanadier führte den EHC Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und den SC Bern (2004) zum Titel. (Bild: Keystone )

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