Eishockey, Hardrock und Horrorflüge
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Den 7. September 2011 wird Chris Holt nie mehr vergessen. Es war der Tag, an dem eine Maschine der russischen Fluggesellschaft Yak Service in der Nähe von Jaroslawl mit einer Antenne kollidierte, in der Luft zerbrach und in die Wolga stürzte. Ein Passagier überlebte schwer verletzt, alle anderen starben – darunter 37 Spieler, Trainer und Betreuer von Lokomotiv Jaroslawl, einem Spitzenteam der Kontinental Hockey League (KHL).
«Ein Nachbar hatte mir gesagt, bei meinem Wagen würde noch das Licht brennen», erinnert sich Holt, der Goalie von Dinamo Riga. «Als ich fünf Minuten später in die Wohnung zurückkam, weinte meine Frau hemmungslos – sie hatte gerade im TV vom Unglück erfahren.» Die Nachricht vom Absturz war weit über die KHL hinaus ein Schock. Eine Überraschung aber war sie nicht: «Wir sind mit Flugzeugen gereist, an denen noch Isolierband klebte», sagt Holt, «mit der Landung hatte man die härteste Prüfung bei Auswärtsspielen schon hinter sich.»
Das Leben in Russland ist hart
Der 26-Jährige weiss, wovon er spricht. Seit Sommer 2010 steht er im Tor von Dinamo Riga, einem von vier KHL-Klubs, die nicht auf russischem Boden beheimatet sind. Die Reisen sind lang – 12 Stunden bis Chabarowsk im äussersten Osten –, die Auswärtsreisen beinhalten nicht selten sechs Flüge in sechs Tagen. «Viele Städte sind schön, viele Stadien modern», sagt Holt, «doch das Reisen ist schwierig, und das Leben in Russland ist hart.» Es herrscht ein Klima der Unsicherheit: Einem Gerücht zufolge hätte die Unglücksmaschine von Jaroslawl nach ihrem ersten Ziel Minsk weiter nach Riga fliegen sollen – um dort Dinamo aufzunehmen.
Trotz alledem: Holt spricht in den höchsten Tönen von seinem transatlantischen Abenteuer. Aufgewachsen als Sohn eines Kanadiers und einer Amerikanerin, schaffte er es in vier Organisationen nicht, sich in der NHL zu etablieren. Im Farmteam von Ottawa hatte er mit Kaspars Daugavins einen lettischen Zimmergenossen, und als 2010 das Angebot von Dinamo kam, folgte er dessen Empfehlung. «Ich hätte Lettland auf keiner Landkarte gefunden», erinnert sich Holt, «aber Kaspars sagte, ich würde es nicht bereuen.»
Lettische Begeisterung
Heute schwärmt der Goalie von der Schönheit der Landes, von der Freundlichkeit der Menschen und der Begeisterung der Fans. 10 000 Zuschauer strömen regelmässig in die brandneue Arena am Stadtrand von Riga, wo Eishockey der Sport Nummer 1 ist. Unter Manager Normunds Sejejs, dem ehemaligen ChurVerteidiger, lebt die Tradition weiter, Dinamo als Stamm des Nationalteams zu führen. Riga ist das einzige KHL-Team ohne Russen im Kader.
Das kann nicht daran liegen, dass es schwierig wäre, sich hier zu integrieren. Holt jedenfalls ist schnell zum Publikumsliebling geworden. Er gehört nicht nur zu den besten Goalies der Liga, mit Ersatzmann Maris Jucers und Goalietrainer Sergejs Naumovs bildet er auch ein hervorragend harmonierendes Torhütergespann. Als Jucers sein Team gestern beim Spengler-Cup mit 38 Paraden zum 3:1 gegen Wolfsburg führte, war ein strahlender Holt bei den ersten Gratulanten. Und seit er systematisch Lettisch lernt, müssen sich die Einheimischen sogar vorsehen, wenn sie über den lebensfrohen Amerikaner Witze machen wollen.
Gitarrist bei den «Metallwölfen»
Anlass dazu gäbe es durchaus. Nicht so sehr auf, sondern neben dem Eis. Wer bei Youtube den Namen des DinamoSchlussmanns eingibt, der erhält als erste Ergebnisse keine Glanzparaden, sondern Musikvideos. Chris Holt singt nämlich auch und spielt Gitarre. Er tritt regelmässig in den Bars der lettischen Hauptstadt auf und hat vor einem Jahr ein Album mit der Hardrockband Dzelzs Vilks aufgenommen. «Das heisst Metallwölfe», klärt der zweifache Familienvater auf, «und so klingen wir auch.»
Holt liebt sein Leben. Zwar träumt er noch immer von der NHL, doch in Riga würde er gern noch lange bleiben. Er geniesst den Sport und die Stimmung in Davos, und auch die Reise in die Bündner Alpenwelt hat ihm gefallen. Das lag vielleicht auch am Charter: Dinamo hat einen Vertrag mit Lettlands nationaler Fluglinie, und die darf neuerdings auch innerrussische Flüge durchführen. Es bedeutet das Ende eines der wenigen Abenteuer, auf die Holt gerne verzichtet.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.12.2011, 11:27 Uhr
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