«Es ist fantastisch, einfach unglaublich»
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«Es ist fantastisch, einfach unglaublich», sprudelt es aus Nino Niederreiter heraus, «das kann man gar nicht beschreiben, was hier gerade passiert ist.» Drei Stunden ist es her, dass der 17-Jährige im NHL-Draft von den New York Islanders an fünfter Stelle ausgewählt wurde, aber seine Stimme überschlägt sich noch immer fast. «Dass mich die Islanders geholt haben», bei denen er neulich einen Tag lang zu Gast war; «dass ich ins Team von Mark Streit komme», dem Schweizer NHL-Pionier schlechthin; «dass direkt vor mir Ryan Johansen gezogen wurde», sein Freund und Center bei den Portland Winterhawks; «dass ich als erster Europäer gedraftet wurde», vor sämtlichen Russen und Nordländern. Und, last but not least, «dass ich den Rekord von Michel Riesen gebrochen habe». All das macht den 25. Juni nicht nur für Niederreiter zu einem aussergewöhnlichen Datum.
«Ich würde gut aussehen in diesem Leibchen»
Am Anfang stand eine Frage. «Warum sollten wir dich draften?», hatte Garth Snow, der General Manager der Islanders, zum Teenager aus Chur gesagt, als die beiden sich Ende Mai in einem Hotelzimmer in Toronto gegenübersassen. Der 17-Jährige antwortete, wie er jedem der 24 Klubvertreter antwortete, die das damals wissen wollten: «Ich würde gut aussehen in diesem Leibchen.» Seit Freitag ist der Konjunktiv Vergangenheit: Um fünf Uhr Ortszeit streifte sich Niederreiter in Los Angeles das weisse Dress der Islanders über.
Der Anlass erinnert an die Oscar-Verleihung: Vor grossem Publikum beugt sich ein stattlicher Herr über ein Podium und spricht in ein Mikrofon, Applaus brandet auf. Dann geht die Kamera ins Publikum. «Ich habe gerade kurz aufs Handy geschaut, als ich plötzlich meinen Namen hörte», beschreibt Niederreiter den Moment, als die Ereignisse sich überschlugen. Nino blickte auf, erhob sich, umarmte Mutter Ruth, dann Vater René, dann Agent André Rufener und schliesslich Nationalverteidiger Luca Sbisa, der seine vier Landsleute dieser Tage in seinem Haus in Newport Beach beherbergt. Dann ging er zum Podium, um sich das Islanders-Trikot mit der Jahrgangszahl 10 überzuziehen. Sein Jackett blieb am Platz zurück.
Nicht nur wegen spektakulärer Länderspiele gedraftet
Dabei ist auch das kein beliebiges Kleidungsstück: Das Jackett gehört zum offiziellen Anzug der Schweizer Nationalmannschaft, den Niederreiter vor seinem Debüt an der A-Weltmeisterschaft in Deutschland vom Verband erhielt. Dass er es jetzt zurücklässt, passt zu einem, der mit 16 vom Karrierepfad in der Heimat abkam, um Kanadas Juniorenligen zu erobern. «Ich hätte ihn gerne behalten, er wäre bei uns als Center der vierten Linie gesetzt gewesen», sagte Davos-Trainer Arno Del Curto letzten Sommer, als der Abgang seines Schützlings feststand.
Niederreiter wollte mehr. «Nach Nordamerika zu gehen, war die beste Entscheidung meines Lebens», sagt er heute. In der Tat dürfte er im Gegensatz zu seinen Landsmännern Michel Riesen – bis Freitag als 14. der am frühesten gedraftete Schweizer – und Luca Cereda nicht allein aufgrund seiner spektakulären Auftritte in Länderspielen in der 1. Runde gezogen worden sein. Sondern auch, weil die Entwicklung des wuchtigen Flügels in 78 Ligaspielen mit den Portland Winterhawks für die Talentspäher jederzeit überprüfbar blieb.
Seit zwei Tagen ist der Bündner nun eine Investition der New York Islanders. Für sie soll er ein Vielfaches der 12 NHL-Spiele bestreiten, auf die Riesen und Cereda insgesamt gekommen sind; in ihren Farben wird er als künftiger Star präsentiert. «Welcome to the Island, Nino Niederreiter», heisst es schon am Abend des Drafts in grossen Lettern auf der Klub-Website. Ein riesiges Porträt des Neuen leuchtet vor schwarzem Hintergrund. Dass New York ausserdem der Arbeitsort von Mark Streit ist, verdeutlicht nur noch mehr, dass Niederreiter im Schweizer Massstab eine neue Ära einläutet. Streit war schon 27 Jahre alt und genoss in Übersee kaum Kredit, als er in der NHL debütierte. Seinen Vertrag bei den Islanders, wo er heute 4,1 Millionen Dollar im Jahr verdient, unterschrieb er mit 30.
Die Versuchung, Niederreiter nächste Saison einzusetzen
Niederreiters Weg zum Ruhm wird direkter sein. Seit über einem Jahrzehnt gibt es keinen Top-TenPick mehr, der es nicht zu NHLEinsätzen gebracht hat; der Durchschnittslohn der aktiven Nummer-5-Drafts beträgt 2,8 Millionen. Diese Zahl wäre noch höher, wenn das Salär der jüngsten Jahrgänge nicht auf 875 000 pro Jahr begrenzt wäre. Auch Niederreiter wird einen solchen Standardvertrag über drei Jahre unterschreiben – die Frage ist nur, wann. «Eigentlich ist geplant, dass ich die Saison in Portland spiele», sagt Niederreiter zwar. Doch Konkurrenz herrscht bei den notorisch erfolglosen New Yorkern wenig, die Versuchung, den neuen Top-Pick so bald wie möglich den Fans zu präsentieren, wird gross sein. Gut möglich, dass Niederreiter das Islanders-Trikot dieses Jahr auch im Winter trägt. (SonntagsZeitung)
Erstellt: 27.06.2010, 13:32 Uhr

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