«Es wird kein Kulturschock mehr sein»

Der Kanadier Marc Crawford betrachtet es als Vorteil, dass Bob Hartley beim ZSC schon vorgespurt hat.

Des Trainers neue Kleider: Marc Crawford probiert den Anzug, in dem er die ZSC Lions coachen wird.

Des Trainers neue Kleider: Marc Crawford probiert den Anzug, in dem er die ZSC Lions coachen wird. Bild: Dominique Meienberg

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Er sei froh, endlich Kleider zu bekommen, scherzt der neue ZSC-Coach Marc Crawford, als er an diesem Donnerstag im Herren-Globus mit einem Anzug eingekleidet wird. Zusammen mit seinem Assistenten Rob Cookson und dem neuen US-Stürmer Ryan Shannon. «Denn mein Koffer ist noch nicht angekommen.» Der Kanadier landete am 1. August in Kloten, nach einer beschwerlichen Reise aus Vancouver, und wirkt noch gezeichnet vom Jetlag. In Flipflops probiert er die Schale und zeigt sich zufrieden damit. Beim Gespräch im Café beim Globus gibt sich der 51-Jährige eloquent, selbstbewusst und voller Vorfreude.

Wie feierten Sie den 1. August?

Ich sang die Schweizer Nationalhymne.

Wirklich?

Ja. Rob (Cookson) und ich gingen zum Dorfplatz in Winkel und genossen die Festivitäten. Sie verteilten Zettel mit dem Text der Hymne, so sangen wir mit. Aber ich weiss nicht, wie gut unsere Aussprache war. Wir tranken dort ein Bier und assen eine Wurst. Das Feuerwerk verpasste ich, weil ich zu müde war.

Wie kam Ihr Engagement bei den ZSC Lions zustande?

Ich war nahe dran, einen Job in der NHL zu bekommen. Ich hatte vier Jobinterviews in Montreal. Und zwei in Washington. Während dieser Gespräche wurde mir immer klarer, wie sehr ich wieder coachen will. Ich war letzten Winter TV-Analyst für TSN in Kanada. Es war ein guter Job. Aber ich musste zurück an die Bande. Als ich am Spengler-Cup coachte, fragte mich meine Frau, ob ich mir vorstellen könnte, jemals hier zu arbeiten. Sie war sehr beeindruckt von diesem Land. Ich antwortete, ich würde versuchen, einen NHL-Job zu kriegen. Als das nicht klappte und mich Edgar Salis anrief, erinnerte ich mich an jenes Gespräch mit meiner Frau.

Waren Sie am Spengler-Cup erstmals in der Schweiz?

Nein, das zweite Mal. 1994 war ich als Coach Québecs mit General Manager Pierre Lacroix nach Freiburg gereist. Wir trafen Slawa Bykow und Andrei Chomutow, deren NHL-Rechte bei uns lagen. Ihr Sturmpartner Waleri Kamenski spielte ja schon für uns. Aber sie wollten nicht kommen, hatten sich in der Schweiz schon zu gut eingelebt. Ich erinnere mich an den Gruyère-Käse, den wir dort assen. Der war ausgezeichnet.

War es nicht schwierig, sich für den ZSC zu begeistern, nachdem Sie fast Montreal-Coach geworden sind?

Nicht wirklich. Die NHL ist wunderbar. Aber das Wichtigste ist für mich die Qualität der Menschen. Als ich hierher kam, war ich sehr beeindruckt. Vom Materialwart, dem Teamleiter, den hilfsbereiten Sekretärinnen, Edgar Salis und Peter Zahner bis hin zu Mister Walter Frey. Wenn man erfolgreich sein will, muss man sich mit guten Menschen umgeben. Davon hat es hier viele. Zudem reizt mich die Herausforderung dieser Liga. Die Schweizer haben das Richtige getan, indem sie die Anzahl Ausländer begrenzten. 20 meiner 23, 24 Spieler werden Schweizer sein. Ich freue mich, in ihre Kultur einzutauchen. Ich weiss, dass ich Qualitäten habe, von denen sie profitieren. Aber ich bin auch gespannt, was sie mitbringen.

Wie gut kennen Sie Ihren Vorgänger Bob Hartley?

Er war der Minor-League-Coach, als ich bei Québec und Colorado war. Ich kenne ihn schon lange. 20, 25 Jahre. Aber noch besser kenne ich Jacques Cloutier, er war fünf Jahre mein Assistent. Er sagte mir, ich würde Zürich lieben. Und er sagte auch, es werde mir nützen, dass ich auf Hartley folge. Nun hätten die Spieler den kanadischen Stil schon kennen gelernt. Es wird kein Kulturschock mehr sein für sie wie vielleicht anfangs bei Hartley.

Sind Sie ähnlich wie Hartley?

Ich habe grossen Respekt vor ihm. Er ist ein ausgezeichneter Coach. Seine Mannschaften sind immer sehr gut vorbereitet und physisch bereit. Ich verlange eine ähnliche Hingabe in diesen Bereichen. Aber als Person bin ich anders.

Man hört, Sie könnten ebenfalls sehr laut werden in der Garderobe.

Man kennt mich als fordernden Coach. Ich kann in der Tat sehr emotional sein. Man sollte sich nicht verstellen. Aber das Alter hat mich gelehrt, eine gewisse Balance zu suchen. Man kann seine Botschaft auf verschiedene Wege vermitteln. Es muss nicht immer mit dem Hammer sein. Ich werde abwarten, wie meine Spieler sind. Ich bin sicher, dass sie verstehen werden, was ich von ihnen erwarte.

Was ist schwieriger: den Titel zu verteidigen oder ein kriselndes Team zu übernehmen?

Ein kriselndes Team zu übernehmen ist schwieriger, weil man zuerst noch eine Kultur des Gewinnens etablieren muss. Wenn eine Mannschaft schon den Weg zum Sieg gefunden hat, hat sie ein Gefühl dafür, was es braucht. Auch wenn das Rezept immer ein bisschen anders ist. Wir sind also schon einen Schritt weiter.

Werden Sie den Spielern mehr taktische Freiheiten gewähren als Ihr Vorgänger?

Ich mag intelligente Spieler, die gute Entscheidungen treffen. Spieler, die kopflos übers Eis fahren, bereiten mir Kopfschmerzen. Wir werden daran arbeiten, was gute Entscheidungen sind.

Sie bezeichneten den Russen Alexander Semin auf TSN als charakterlos. Was ist für Sie Charakterstärke?

Meine Zitate zu Semin wurden falsch verstanden. Er wurde mit Zach Parise verglichen, der einer der Besten ist. Semin ist ein wunderbarer Spieler, aber er hat noch viel zu lernen. Und dabei wünsche ich ihm nur das Beste. Zu Ihrer Frage: Charakterstärke hat viel zu tun mit Konstanz, guten Gewohnheiten, Professionalismus. Als ich mir die Zürcher Playoff-Spiele auf Video anschaute, erkannte ich etwa sofort, wie charakterstark, wie smart unser Captain Mathias Seger ist. Er spürt das Spiel, die Situationen. Das sind Spieler, die mir Freude machen. Nicht jeder ist wie er. Aber bei jedem findet man etwas Gutes.

Wie nahe lassen Sie Spieler an Sie heran?

Ich bin mit den Jahren kommunikativer geworden. Als ich noch spielte, war es eine gute Sache, wenn der Coach nicht mit einem sprach. Denn sonst bedeutete das, dass es ein Problem gab. Die Gesellschaft hat sich verändert. Wir erleben nun die Youtube-Generation. Jeder will wissen und sehen, wieso dies und das so ist. Das zeigt sich auch bei den Spielern. Sie wollen viel mehr Informationen. Dem trage ich Rechnung. Man darf nicht nur die Fehler ansprechen, sondern muss auch das Positive herausstreichen. Man muss in die Spieler investieren.

Bob Hartley kehrte vorzeitig in die NHL zurück. Ist das auch Ihr Ziel? Haben Sie eine Ausstiegsklausel?

Über Vertragsdetails möchte ich mich nicht öffentlich äussern. Und ich denke auch nicht, dass der Club dies tun möchte. Aber ich sehe die Schweiz sicher nicht als Umweg in die NHL, sondern als wunderbare Gelegenheit. Ich denke nicht an die NHL, sondern nur daran, was hier vor mir liegt. Ich bin mit ganzem Herzen hier. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.08.2012, 11:04 Uhr)

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Marc Crawford

Stanley-Cup-Sieger, scharfzüngiger TV-Analyst

Mit 28 beendete Marc Crawford, der 196 Spiele für Vancouver gestürmt hatte, seine Spielerkarriere. Dafür wurde er 94/95, nach der Premierensaison bei Québec, mit 34 als Jüngster zum NHL-Coach des Jahres gekürt. Im folgenden Jahr gewann er mit Colorado den Stanley-Cup. Er blieb bis 1998 in Denver, coachte danach Vancouver (bis 2006), Los Angeles (06-08) und Dallas (09-11). Dazwischen und im letzten Winter wirkte er als scharfzüngiger TV-Analyst. Zuletzt wohnte er in Vancouver, er besitzt auch ein Sommerhaus bei Montreal. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder: Dylan (22) arbeitet für TSN in Toronto, Kaitlin (19) ist eine versierte Volleyballspielerin an der Universität of British Columbia.

Beim ZSC unterschrieb Crawford bis 2014. Heute stehen für ihn die ersten Gespräche mit den Spielern an. Bisher sind erst zwei Ausländer unter Vertrag (Tambellini, Shannon). Ab nächster Woche wird der US-Verteidiger Matt Lashoff (25) getestet. (sg.)

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