«Ich will der beste Verteidiger sein»
Von Simon Graf. Aktualisiert am 11.08.2009
Der prominente Gast ist auf den ersten Blick zu erkennen: Mark Streit sticht beim Trainingsauftakt der ZSC Lions mit seinem weissen (statt blauen) Helm und den bunten Stulpen in den Farben der New York Islanders (Blau, Orange und Weiss) heraus. Und der frühere Zürcher Captain fällt auch mit seiner Pucksicherheit und seiner Übersicht auf. Als zum Schluss alle fürs Penaltyschiessen antreten müssen, trifft er gleich im ersten Versuch und darf danach zuschauen, wie sich viele seiner Kollegen Mal für Mal abmühen. Die Stimmung auf der Kunsteisbahn Oerlikon ist fröhlich; manch einer keucht, doch alle scheinen sie sich einig zu sein: Zum Glück herrscht wieder Eiszeit.
Die Vorfreude auf die Winterspiele
Streit bereitet sich traditionell bei den ZSC Lions auf seinen NHL-Winter vor. Gut drei Monate, nachdem die Heim-WM in Bern abrupt zu Ende ging, man kaum mehr Zeit hatte, sich voneinander zu verabschieden, weil man sofort die Garderobe räumen musste, sprüht der 31-Jährige bei seinem ersten Eistraining wieder vor Tatendrang. Seine Augen leuchten, wenn er auf die Olympischen Spiele in Vancouver vorausblickt: «Eishockey in Kanada, das wird das Highlight der Spiele», ist er überzeugt. Er glaubt auch, dass er die New York Islanders diesmal ins Playoff führen kann. Und er sagt, ganz unbescheiden: «Ich will einer der besten Verteidiger der NHL sein. Am liebsten der beste.»
Die Position faszinierte ihn schon immer, wegen ihrer Vielseitigkeit: «Zum einen will ich defensiv verlässlich sein, zum anderen will ich von hinten die Fäden ziehen. Wie ein Quarterback im American Football.» In Montreal hatte er immer wieder im Sturm aushelfen müssen, bei den Islanders, die ihn mit einem Fünfjahresvertrag über 20,5 Millionen Dollar gelockt hatten, durfte er im vergangenen Winter erstmals so spielen, wie er wollte. Und er zeigte, dass er sich nicht zu viel zugetraut hatte: Er war mit 56 Punkten nicht nur der mit Abstand beste Skorer des Teams, sondern auch mit Plus 6 der mit der besten Bilanz. Obschon er im Schnitt über 25 Minuten pro Spiel und oft gegen die gegnerischen Toplinien auf dem Eis stand. Das zeigte: Auf ihn ist auch defensiv Verlass.
Zusammenhalt wie beim ZSC
«Es war ein sehr lehrreiches und intensives Jahr», blickt Streit zurück. So intensiv, dass er, als alles vorbei war, aufpassen musste, dass er nicht in ein Loch fiel. Er bedauert das vorzeitige Aus an der WM, wo die Stimmung so fantastisch gewesen sei. «Wir hatten auch gute Spiele, es ist nicht so, dass wir völlig versagt hätten. Aber wir haben nicht zum richtigen Zeitpunkt die Tore geschossen.» Bei den Islanders kontrastierte sein persönlicher Erfolg mit dem sportlichen Kriechgang des Teams. Er sagt: «Wenn man von einem Roadtrip nach Hause kommt und nur verloren hat, denkt man manchmal schon: Mein Gott, was geht denn hier ab?»
Doch er wäre nie so weit gekommen, wenn er sich entmutigen liesse. «Wir haben bei den Islanders eine gute Truppe», ist er überzeugt. «Unser Zusammenhalt im Team erinnert mich an jenen beim ZSC. Die Jungen sind nun ein Jahr erfahrener. Und wir werden sicher nicht mehr so viel Verletzungspech haben.» Vor allem der Ausfall von Stargoalie Rick Di Pietro, den Streit zu den Top 5 der Liga zählt, schmerzte. Damit so etwas nicht mehr passiert, hat General Manager Garth Snow gleich zwei Stammtorhüter der letzten Saison verpflichtet - Martin Biron (von Philadelphia) und Dwayne Roloson (Edmonton). Die neue Attraktion im Sturm soll der 18-jährige Nummer-1-Draft John Tavares werden.
Poweryoga und Thai-Massage
Streit spricht über die Islanders wie früher über die ZSC Lions. Er fühlt sich für den Erfolg dieser Mannschaft verantwortlich. Und inzwischen kommt es ihm auf dem Eis gegen die NHL-Topstars auch nicht mehr anders vor als früher in der Nationalliga A: «Am Anfang war ich überwältigt», erinnert er sich. «Aber mit der Zeit verliert man die Ehrfurcht. Jetzt freue ich mich, wenn ich gegen Owetschkin und Co. spiele. Ich will mich mit den Besten messen.» Mit 31 fühlt er sich im besten Verteidigeralter: «Die Erfahrung ist unbezahlbar. Man hat mehr Ruhe, fährt nicht mehr wild auf dem Eis herum wie früher. Mit 24 kann man gar noch nicht so weit sein.» Er nennt als Vorbild Nicklas Lidström, den 39-jährigen Verteidigungsminister von Detroit, der mit dem Alter nichts an Souveränität eingebüsst hat.
Die Voraussetzung, dass man in diesem Winter einen noch besseren Streit sieht, ist aber, dass er gesund bleibt. Nach seiner körperlich anstrengendsten Saison spürte er die Adduktoren, während der WM musste er täglich stundenlang behandelt werden. Streit weiss, dass der Körper sein Kapital ist. Deshalb pflegt er sich im Sommer mit seinem persönlichen Fitnesstrainer Harry Andereggen in Zürich akribisch vorzubereiten. Seit zwei Jahren nimmt er auch Privatlektionen in Poweryoga bei dessen Partnerin Corinne Graber. Zudem unterzieht er sich bei ihr nun einmal pro Woche einer Thai-Massage, um die Muskeln zu lockern.
Abstecher ans US Open
Der Einstieg ins Eistraining sei auch für ihn nicht leicht, versichert er. Auch ein NHL-Star braucht eben seine Zeit, um den Rhythmus zu finden. Zwei Wochen wird Streit mit den ZSC Lions auf dem Eis trainieren, dann vielleicht noch ein paar Tage im Raum Bern. Ende August kehrt er in den Grossraum New York nach «Garden City» zurück, wo er in einem Apartmentkomplex wohnt und Teamkollegen als Nachbarn hat. Die Idee, ein Haus zu kaufen, hat er vorderhand verworfen: «Mir genügt meine Wohnung. Wenn ich verheiratet wäre und Kinder hätte, wäre das etwas anderes.» Am 13. September beginnt dann das Camp mit den Islanders, die Zeit bis dann will er auch zu einem Besuch des US Open nutzen - und vielleicht zu einem ersten Treffen mit Roger Federer.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.08.2009, 10:46 Uhr
