Kloten Flyers: Aufbruch mit Riesenverlust

Die Flyers-Eigentümer wünschen sich mehr Unterstützung und erwarten ein Minus von 7 Millionen Franken.

Auf Stippvisite in Kloten: Doug Piper von der Besitzergruppe der Flyers versucht, das Schweizer Geschäft anzukurbeln. Foto: Reto Oeschger

Auf Stippvisite in Kloten: Doug Piper von der Besitzergruppe der Flyers versucht, das Schweizer Geschäft anzukurbeln. Foto: Reto Oeschger

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Der Himmel draussen ist strahlend blau, drinnen in der Konditorei dampft eine Tasse Kaffee. Es könnte ein herrlicher Wintertag sein, den Doug Piper an diesem Donnerstag mitten in Kloten erlebt. Doch unbeschwerter Genuss ist derzeit rar für den 57-Jährigen. Denn Piper, seit Sonntag für eine Woche in der Schweiz, ist der Mann, der die Flyers wirtschaftlich stabilisieren soll. Irgendwann.

Oft ist er nicht hier. Als Chief Operating Officer der ASE Group hat er sein Büro in Portland an der Westküste der USA, neun Zeitzonen entfernt. Dort managt er unter anderem die Winterhawks, das Juniorenteam in der kanadischen WHL, das ebenfalls ASE gehört. Auf die Frage, was der grösste Unterschied zu den Flyers sei, erwidert Piper: «Bei den Winterhawks geben wir nicht 130 Prozent der Einnahmen für Spielersaläre aus.»

Das klingt so lange lustig, als es andere betrifft. Und so dramatisch, wie sich Klotens Jahresrechnung derzeit entwickelt, haben es sich die kanadischen Bosse wohl selbst nicht vorgestellt, als sie den Club im April von Philippe Gaydoul übernahmen. Weder der milliardenschwere ASE-Besitzer Bill Gallacher noch der neue Flyers-Präsident Ken Stickney noch Piper. «Wir werden 7 Millionen Verlust schreiben», weiss er, «das ist verrückt.»

«Sicher kein guter Start»

Er beugt sich vor, als er die Zahl ­ausspricht. Sie liegt nur eine halbe ­Million unter jener der letzten Saison – obwohl damals der Marketingertrag tiefer war und sich die Abfindung von Trainer ­Felix Hollenstein in der Bilanz niederschlug. Der Grund ist klar: Die Zuschauer­zahlen sind eingebrochen, ­erneut. 4713 beträgt der Saisonschnitt – gut 500 weniger als 2014/15, gut 1000 weniger als vor zwei Jahren.

Piper beugt sich vor, lehnt sich zurück. Seine Augen schweifen in die Ferne, suchen wieder das Gegenüber. Und so wechselhaft wie seine Körpersprache ist auch sein Fokus, wenn er versucht zu erklären, was mit den amerikanisierten Flyers im Premierenjahr passiert. Denn es sind ja nicht nur die Publikumszahlen, die zu den schlechtesten der Liga gehören, sondern auch der Tabellenrang: Platz 10 ist es derzeit, nur zwei Clubs sind schwächer.

Angefangen hat das Problem der fehlenden Zuschauer mit der Einführung ­eines Ticketingsystems, bei dem Playoff-Spiele extra bezahlt werden müssen. «Das war sicher kein guter Start», sagt Piper, betont aber, dass er noch einmal gleich handeln würde. Zu wichtig sei die Massnahme, um eine finanzielle Gesundung nur schon anvisieren zu können. Einen richtigen Zeitpunkt für einen solchen Schritt gebe es sowieso nicht. Und doch war die Reaktion auch ein Warn­signal. «Wir haben gemerkt, dass wir in einem Umfeld tätig sind, in dem man sich erst beweisen muss, bevor man ­Unterstützung erhält.»

Ein bisschen anders haben sich die Männer von ASE das schon vorgestellt. Sie lernten eine Mentalität kennen, die weniger auf die Mühen der Besitzer reagiert als auf den Formstand der ersten Mannschaft. Er könne ein Publikum verstehen, das sich abwende, wenn eine Clubführung nichts investiere, nur Geld spare oder schlechte Spieler hole, sagt Piper. «Doch so ist es ja nicht.»

«Superhappy mit Sean»

Tatsächlich haben die Flyers kaum gezögert, das Kader teuer nachzurüsten. Der ungenügende Mark Olver wurde nach wenigen Wochen durch NHL-Stürmer ­James Sheppard ersetzt. CHL-Topskorer Mathis Olimb wurde geholt, der Vertrag mit Nationalverteidiger Patrick von Gunten verlängert, Tim Ramholt sowie Timo Helbling wurden für nächste Saison verpflichtet. «Wenn wir die richtigen Massnahmen ­ergreifen und es noch nicht geklappt hat, sollte die Unterstützung in ­unserem ­ersten Jahr nicht nur von der Klassierung abhängen», findet Piper.

Die mag ungemütlich sein – doch ­einer, dem Piper das nicht vorwirft, ist Sean Simpson. Als Trainer habe der eine Mannschaft geerbt, die sich noch finden müsse; als Sportchef brauche er die Möglichkeit, diese weiterzuentwickeln. «Phasen von Brillanz» und «perfektes Spiel» hat Piper bei den Flyers schon ausgemacht. «Wir haben ein talentiertes Team, und ich glaube, es steht kurz ­davor, sich zu finden», sagt er.

Piper ist der Erste, der zugibt, kein Eishockeyexperte zu sein. Aber wer beurteilt eigentlich die Arbeit von Simpson? Ist es Bob Strumm, der 69-jährige Chief Hockey Officer von ASE? Ja, gemäss Piper: «Doch ich sage das mit aller ­Vorsicht – Sean ist der Coach, und Sean ist der Sportchef. Bob lässt Sean die ­Entscheidungen fällen und berät ihn ­dabei.»

Das Nennen beim Vornamen gehört zur amerikanischen Businesskultur. Und doch ist es im Fall der Flyers mehr. Es zeigt die starke Verbindung der Besitzer zu einem Mann, den sie trotz dessen schweizerischer Sozialisierung als einen der ihren verstehen. «Wir mögen Sean sehr», sagt Piper, allerdings gehe es am Ende ohnehin nur darum, was Bill Gallacher wolle. Und wie findet der Club­besitzer seinen Trainer? «Ich denke, er ist superhappy mit Sean.»

Vermehrt Präsenz zeigen

Piper weiss, dass solche Sätze für manchen Kloten-Fan seltsam klingen. Doch er will die Aufbruchsstimmung, die er und seine Mitstreiter offenbar immer noch verspüren, um jeden Preis verbreiten. Ob er von der Klotener Juniorenbewegung spricht, die mit neuen Trainern wieder zur besten im Land werden soll. Ob vom langfristigen Projekt, das die Flyers für ASE seien. Ob von den Eintrittspreisen, die im Vergleich zu einem Abendessen in hiesigen Restaurants moderat seien. Oder davon, dass auch das Publikum ­seinen Beitrag leisten solle, indem es das Team mit seiner Anwesenheit moralisch und finanziell vermehrt unterstütze.

Piper wünscht sich für diese Rollenverteilung mehr Verständnis und vergleicht die Flyers mit einem vierbeinigen Stuhl: «Die Stadt, die Sponsoren und wir können uns noch so viel Mühe geben – wenn die Fans nicht kommen, fällt er um.» Zu wenig habe er sich bisher um diese Botschaft gekümmert, viel häufiger wolle er künftig nach Kloten reisen und Versäumtes nachholen.

Piper erhebt sich, legt Mantel und Schal um und tritt hinaus in die ­klirrende Kälte. Sein Stuhl wackelt kein bisschen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.01.2016, 23:18 Uhr)

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