Weiter mit Crawford – bis zum bitteren Ende?

Trotz des 0:3 gegen Bern darf der ZSC-Coach bleiben. Für Marc Crawford ist entscheidend, dass das Team zusammenhält.

Er spürt den Druck, der mit seinen NHL-Ambitionen einhergeht: Marc Crawford hat im Playoff Beherrschung und Übersicht verloren. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Er spürt den Druck, der mit seinen NHL-Ambitionen einhergeht: Marc Crawford hat im Playoff Beherrschung und Übersicht verloren. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Als ein Spieler nach dem anderen vorbeischritt, nicht aber der Coach. Als einige sogar ein geheimnisvolles Lächeln auf ­ihren Gesichtern hatten, nebst der betrübt dreinschauenden Mehrheit, kam in der Trainingshalle Neudorf kurz Hektik auf unter den zahlreichen Journalisten. Zwei stürmten nach unten, um allenfalls noch einen Blick zu erhaschen, wie Marc Crawford mit einem Karton mit ­seinen Habseligkeiten die Szenerie verlassen würde. Doch dann tauchte er auf wie immer, im Trainingsanzug, mit Schlittschuhen an den Füssen und der Pfeife um den Hals. Bereit, das ZSC-­Training zu leiten. Um 11 Uhr vormittags war das also geklärt: Crawford wurde nicht entlassen, er wird auch heute in Spiel 4 in Bern an der Bande stehen.

Ob das eine gute oder schlechte Nachricht ist, wird sich weisen. Zu den Trainingsbeobachtern gesellte sich auch Sportchef Edgar Salis und umschrieb, was alle schon wussten: dass einiges falsch läuft beim ZSC. Dann schob der Bündner, der mit Kritik umzugehen ­gelernt hat, ins Gespräch mit den Journalisten ein: «Ihr seid hier, um Fragen zu stellen. Und ich, um alles abzustreiten.» Er lächelte. Ein bisschen Lockerheit, das würde auch anderen guttun, dachte man da. Doch zur entscheidenden Frage: Wieso hält der ZSC weiter an Crawford fest? «Ein Trainerwechsel war kein Thema», meinte Salis. Viel mehr mochte er dazu nicht sagen.

Liebe ist kein Erfolgsfaktor

Nur das noch: «Die Spieler müssen den Trainer nicht lieben. Ich wurde zweimal Meister, als die Mehrheit der Spieler ­gegen den Trainer war.» Er sprach von 2000 und 2001, von den Titeln mit Kent Ruhnke und Larry Huras. Bei Huras griff im Playoff-Final gegen Lugano sogar noch Sportchef Simon Schenk ein, ­indem er die Einwechslung von Morgan Samuelsson verfügte. Dann drehte der ZSC die Serie nach einem 1:3 noch.

Und jetzt? Natürlich spreche er mit Crawford über die Aufstellung, sagte ­Salis. Letztlich entscheide aber der Coach. Immerhin darf man annehmen, dass, nachdem die Zürcher nun mit zwei ausländischen Verteidigern dreimal verloren haben, endlich Matthews, Shannon und Keller gleichzeitig spielen.

«Die besten Spieler bekommen am meisten Eiszeit. Das ist beim SCB nicht anders.»Marc Crawford, ZSC-Coach

Dann war das Training nach einer ­guten halbe Stunde auch schon vorbei, Crawford machte sich vom Eis und wurde umringt von Kameras und Mikrofonen. Am Dienstagabend, im Schmerz der dritten Niederlage, hatte er noch Journalisten zusammengefaltet, die ihm kritische Fragen gestellt hatten. Nun war er beherrscht, wie man das von ­einem Mann erwartet, der über 1000 Spiele in der NHL gecoacht hat. Nicht einmal die Frage, ob er denke, noch der richtige Mann zu sein für dieses Team, brachte ihn aus der Fassung. «Jeder darf kritisieren. Ich bin der cleverste Coach, wenn wir gewinnen. Und nicht der ­cleverste, wenn wir verlieren. Ich bin schon lange im Business. Das kümmert mich nicht.»

Natürlich kam auch die Frage, wieso er Matthews und Nilsson so sehr forciere. «Sie sind unsere besten Spieler. Und die besten Spieler bekommen am meisten Eiszeit. Das ist beim SCB nicht anders. Nummer-1-Center wie Matthews spielen viel in dieser Liga.» Aber hat er nicht Angst, dass er seinen Jungstar müde coacht? «Er ist nicht müde», hielt Crawford fest. «Er ist ein 18-Jähriger, der unglaublich viel Energie hat und immer ein Lächeln auf seinem Gesicht.» Wobei das Zweite zumindest gestern nicht zutraf. Und dann noch das: «Halten die Spieler noch zum Coach?» Crawford nüchtern: «Sie halten zusammen. Das ist wichtiger, als dass sie zum Coach halten.»

Aussprache in der Kabine

Am späten Dienstagabend nach dem 3:4 sass die Mannschaft noch in der Kabine zusammen und besprach die kritische Situation. Es soll laut geworden sein, wobei vor allem Severin Blindenbacher, auch einer der Leader auf dem Eis, ­deutliche Worte fand. Dass Crawford nicht mehr der richtige Mann sei an der Bande, will natürlich keiner der spielenden Angestellten sagen. «Wir ­sitzen alle im gleichen Boot», hielt ­Captain Seger knapp fest. Chris Baltisberger betonte, man müsse nun endlich die Stärke der Kaderbreite ausspielen. Jetzt muss es Crawford nur noch zulassen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.03.2016, 20:17 Uhr)

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7. Runde

23.09.SC Bern - Lausanne HC2 : 3
23.09.Geneve-Servette HC - Fribourg-Gottéron3 : 2
23.09.EHC Kloten - HC Ambri Piotta3 : 4
23.09.SCL Tigers - ZSC Lions1 : 3
23.09.EV Zug - EHC Biel-Bienne3 : 2
25.09.HC Davos - HC Lugano4 : 3
Stand: 25.09.2016 18:03

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NameSpSU+U-NG:EP
1.Lausanne HC8610127:1220
2.ZSC Lions9511222:1518
3.EV Zug8501223:2116
4.EHC Biel-Bienne8500328:1515
5.EHC Kloten8322125:2315
6.SC Bern8311320:2112
7.Geneve-Servette HC8222222:2112
8.HC Davos8230324:2612
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Stand: 25.09.2016 18:03

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24.09.EHC Biel-Bienne - SC Bern4 : 1
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Stand: 24.09.2016 22:12

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