Ambrìs Angst um ein Wunder

Dem HC Ambrì-Piotta droht der Abstieg. Das lässt weder den Gemeindepräsidenten noch den Anhang unberührt – und die Altmeister schlagen kritische Töne an.

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Das Schaufenster in Piotta wirkt wie ein stummer Hilfeschrei eines verlotterten Museums. Ur­alte Schlittschuhe sind ausgestellt, ein werbefreies Trikot hängt an einem Bügel, ein Plakat erinnert an 1962 und den Cupsieg des ­Hockey Club Ambrì-Piotta. Auf einem Bild ist Dale McCourt zu sehen, ein grosser Name in der Geschichte des Vereins, der den Namen der zwei Dörfer Ambrì und Piotta trägt, die politisch zu Quinto gehören. In einem Regal stehen drei Bücher mit dem Titel: «Piotta: Erinnerungen, Legenden und Traditionen eines Leventiner Dorfs».

Die Strasse führt südwärts, ­vorbei an einer Hausfassade, an der trotzig drei blau-weisse Fahnen ­wehen. Nach zwei Kilometern ­erhebt sich auf der rechten Seite die Valascia, in der es so bitterkalt sein kann. Die Eishalle ist die Heimat eines Clubs, um dessen Zukunft sich nicht nur die Leute in der ­Gegend Sorgen machen: Es droht der erstmalige Abstieg in die Nationalliga B seit 32 Jahren, der Absturz in die Anonymität – falls die Liga-Qualifikation gegen Rapperswil oder Langenthal verloren geht. Am Morgen nach dem verlorenen letzten Playout-Match in Freiburg ist die Valascia ein verlassenes Fleckchen Erde in Quinto, wo noch 1090 Menschen leben und Valerio Jelmini als Gemeindepräsident amtet. «Auf die Zähne beissen, es ist noch nichts verloren», fordert der 48-Jährige nun.

Politischer Optimismus und hoher Blutdruck

Optimistisch klingt er, und vielleicht bemüht er sich erst recht um Zuversicht, weil er die Konsequenzen einer Relegation sehr wohl ­erkennt: «Die Wirtschaft würde ­leiden. An Spieltagen profitiert das Gastgewerbe enorm, aber ob die Leute auch in der Nationalliga B kämen? Ich bezweifle es.» Zum Ausdruck kommt ­seine Angst, wenn er anfügt: «Man kennt uns dank ­Ambrì sogar über die Schweiz hinaus. Aber was ist bei einem Abstieg? Geraten wir in Vergessenheit?»

Jelmini bezeichnet den HCAP als «Wunder», es lohne sich, dafür zu kämpfen: «Der Club hat sich hartnäckig über Jahre im Business gegen die Konkurrenz aus Städten gehalten. Einst ist ein Traum ­kreiert worden, der bis heute existiert. Und er ist eine Lokomotive für unsere Jugend.»

Aber der Ruf hat tiefe Kratzer erhalten, der einst bedingungs­lose Rückhalt bröckelt. In der lokalen Metzgerei steht Loredana Piccoli hinter dem Tresen, sie trägt ein Gilet mit HCAP-Logo und winkt ab. Nein, sie gehe nicht mehr in die Halle, «ich habe ohnehin schon Probleme mit dem Blutdruck». Fünf Pillen muss sie jeden Tag schlucken, sie will es vermeiden, sich an Spielen aufzuregen. Fausto Piccoli taucht auf, der Chef des Hauses. Lieber möchte er schweigen, dann verwirft er die Hände und sagt doch: «Wenn einer nichts leistet, muss er das mit einer Lohnreduktion zu spüren bekommen .»

Der Weinhändler klagt: «Der Geist ist verloren gegangen»

Es gab Zeiten in Ambrì, da galten die Spieler als Grössen, die auch im Dorf lebten. Cesare «Kuki» Zamberlani war eine von ihnen, er bildete in den 80er-Jahren mit Dave Gardner und Fiorenzo Panzera einen legendären Angriffsblock. Über 230-mal spielte er zwischen 1977 und 1986 für Ambrì. Heute ist er 59, in Piotta führt er eine Weinhandlung, und natürlich ist ihm das Schicksal seines Vereins nicht gleichgültig. Und doch findet er kritische Töne für die Entwicklung. «In den letzten Jahren ist im Nachwuchs nicht gut gearbeitet worden», sagt er. ­

Gewandelt habe sich auch die Mentalität: «Wir wuchsen mit der Einstellung auf, dass es eine Ehre ist, das ­Trikot von Ambrì zu ­tragen, uns ging es nie ums Geld. Dieser Geist ist verloren gegangen.» In seinem wunderbaren Weinkeller erzählt er von Zeiten, in denen bei einem Training am Samstag­morgen vor dem Abendspiel gegen ­Lugano 1500 Leute zuschauten – «das war unser Antrieb».

Und heute? Zamberlani zuckt mit den Schultern. Er stellt «Orientierungslosigkeit» fest, und eigentlich wäre es für ihn kein Unglück, wenn der HCAP einen Schritt zurück machen müsste. «Saubermachen» nennt er das. «Mit Jungen in der Nationalliga B etwas aufbauen, das halte ich für realistisch.» Dass die Region sehr unter einem Abstieg zu leiden hätte, glaubt Zamberlani nicht, für ihn hängt die Gemeinde nicht allein am Tropf des Vereins. Er hält ein kurzes Plädoyer für den Ort am Gotthard: «Die geografische Lage ist besser, als viele meinen. Wir sind hier nicht tot.»

Nur eines ­würde ihn stören: wenn das geplante 50-Millionen-Franken-Projekt «Nuova Valascia» neben den Flugplatz zu stehen käme. Er wehrt sich nicht gegen eine modernere Halle, aber den Standort: «Es wäre die grösste Dummheit. Wer würde noch das Dorf besuchen? Niemand. Es würde eine totale Leere herrschen.» Die sportlichen Nöte Ambrì-Piottas geben auch den ehemaligen Leistungsträgern Nicola Celio und Reto Stirnimann zu denken. In den vergangenen elf Jahren schaffte es der HCAP nur einmal ins Playoff. «Es wird derzeit um die Geschichte Ambrìs gespielt», sagt Celio. Eine deutliche Botschaft.

Um die Jahrtausendwende sah das noch anders aus. Die Leventiner verpassten 1999 den Meistertitel nur knapp und zählten zur europäischen Beletage. Celio, in den goldenen Zeiten Captain der «Biancoblù», weiss, dass diese ­Exploits nicht selbstverständlich ­waren: «Ich hatte das Glück, dass ich damals Teil einer sehr guten Mannschaft war.» Der sportliche Erfolg nahm danach stetig ab, auch wegen notwendiger Sparübungen. Nicht immer wurde allerdings im richtigen Bereich gespart, findet Celio: «Man hätte mehr auf eigene junge Spieler setzen sollen.»

Hunderte Male durch den Gotthardtunnel

Den Club sieht er trotzdem auch künftig als Motor der Leventina: «Dank Ambrì lebt das Tal. Der Unterschied ist riesig zwischen dem Winter und den eishockey­losen vier bis fünf Monaten im Sommer.» Reto Stirnimann glaubt nicht, dass der Region durch den Gotthard-Basistunnel ein weiterer Standortnachteil entsteht: «Die Leute, die vorher auf der Autobahn vorbeifuhren, wollten hier sowieso nicht anhalten. Heute ist ­Ambrì durch die direkten Zugverbindungen immerhin wieder besser ­erschlossen.»

Bei aller Erfolglosigkeit ist eines bemerkenswert: der Support, den die Mannschaft geniesst – auch aus der Deutschschweiz. Rund 6000 Sympathisanten sind im Kanton Uri zu Hause wie Benjamin Tresch aus Schattdorf. 27 ist der Metallbauer erst, aber Hunderte Male ist er schon durch den Gotthardtunnel gefahren, und wo immer sein Team in der Schweiz einen Auftritt hat, Tresch ist dabei. «Ambrì ist für mich wie eine Familie», sagt der Präsident des Fanclubs Uri. Tausende Franken hat er für sein Hobby schon ausgegeben, und einen Grund, die Liebe zu kündigen, den gibt es nicht: «Es bräuchte schon die Vereinslauflösung.»

Für Tresch ist Ambrì «ein Mythos», und irgendwie ist es halt so: Das Leiden ist Teil des Fandaseins, der Kampf um jeden Franken wird fast schon zelebriert. Ihn fasziniert diese «Wir stehen immer wieder auf»-Mentalität. Niederlagen ­erträgt er im Normalfall mit routinierter Gelassenheit, es sei denn, es gebe Spieler, die nicht ans Limit gehen: «Dann ärgere ich mich schon.» Aber die Hoffnung aufgeben – niemals. Tresch sagt schmunzelnd: «In zehn Jahren sind wir Meister.»

Ambrì, das ist auch für Michael Gisler aus Flüelen mehr als nur ein sportlicher Zeitvertreib: «Wer die Stimmung in unserem Stadion bei einem Sieg erlebt hat, noch dazu gegen Lugano, der bleibt dem Club ein Leben lang verbunden. Mit Ambrì wächst man von Generation zu Generation.» Gisler ist ­Präsident des Deutschschweizer Donatorenclubs, der nach der Tessiner «Gruppo di Sostegno» die zweitgrösste Donatorengruppe ist.

Ein 13-Millionen-Budget und Sawiris als Unterstützer

Wäre Ambrì sportlich ähnlich erfolgreich wie Gislers Gruppierung, hätte es wohl ein Abonnement auf die vordere Tabellenhälfte. Der Mitgliederbestand steigt kontinuierlich an, mehr als 170 sind es nun. Das entspricht einer Verdoppelung in den letzten vier Jahren. «Ambrì hat praktisch überall Fans. Es gibt welche, die sogar aus dem Ausland anreisen», sagt Gisler stolz.

Die Mitgliederbeiträge sind populär gestaltet: 350 Franken bezahlt ein Privater, 500 Franken eine Firma. Bis zu 100 000 Franken kommen in einem Jahr zusammen – als Anteil eines Budgets, das sich auf rund 13 Millionen Franken beläuft und dessen Finanzierung ein ständiger Kraftakt ist. Vor fünf Jahren schoss der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris über eine Million Franken ein und ist immer noch «stark beteiligt», wie aus dem Umfeld verlautet.

Erfolg ist für die Donatoren nicht die Hauptmotivation für ihr Engagement. «La Montanara», das mythische Lied der Berge, ertönt nur nach Siegen – also nur selten. «Bei einem anderen Club hätten sich die Donatoren vermutlich schon längst die Frage gestellt, wofür sie sich engagieren. Wer sich aber mit Ambrì identifiziert, bleibt Daueroptimist, zumindest solange der Club nicht absteigt», sagt Gisler.

Abstieg. Was für ein Szenario. Es wäre laut Gisler «katastrophal für Ambrì» und hätte auch Auswirkungen auf den Donatorenclub: «Es stünden kollegiale Beziehungen auf dem Spiel, Freizeitbeschäftigungen und Geschäftsbeziehungen. Ich bin überzeugt, dass die Bindung unter den Mitgliedern stärker ist als in anderen Netzwerkclubs.» Bangen mit Ambrì ist Programm geworden. Im Club verdrängt man den Gedanken, womöglich bald nur noch zweitklassig zu sein. Präsident Filippo Lombardi meldet per SMS: «Wir sprechen erst nach der Liga-Qualifikation über die Zukunftsperspektiven.» Abgespeichert im Kopf ist das Bild einer Ambrì-Fahne, auf der steht: «Fino alla fine». Bis zum Ende. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.04.2017, 20:44 Uhr

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