«Mit 22 wäre es für mich das Grösste gewesen, in der NHL aufzulaufen»

Mark Streit hat in der NHL seinen Traum gelebt und seine Karriere mit dem Stanley-Cup gekrönt. Der 39-Jährige sagt, wie er es geschafft hat und warum er noch nicht genug hat.

«Es ist ein magisches Gefühl.» Mark Streit, wie er als erster Schweizer Feldspieler den Stanley-Cup stemmt.

«Es ist ein magisches Gefühl.» Mark Streit, wie er als erster Schweizer Feldspieler den Stanley-Cup stemmt. Bild: Keystone

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Mark Streit hat hektische Tage hinter sich. Am Sonntag wurde er mit Pittsburgh in Nashville Stanley-Cup-Sieger. Nach der langen Meisternacht mit den Familien flog das Team am Montag zurück und wurde von Captain Sidney Crosby in dessen Zuhause eingeladen. Am Dienstag waren die Penguins Ehren­gäste am Spiel des Baseballteams Pittsburgh Pirates, am Mittwoch bei der Parade durch die Stadt von 650 000 Fans gefeiert.

Am Donnerstag räumte Streit seinen Spind, verabschiedete sich von seinen Teamkollegen und fuhr mit seiner Frau und seiner fünfmonatigen Tochter nach Philadelphia, um in seiner Wohnung, die er verkaufen wird, Sachen zu packen für die Rückkehr in die Schweiz.Den Playoff-Bart hat der 39-Jährige noch nicht rasiert. «Keine Zeit. Das geschieht dann im Sommer.»

Jeder kleine Junge, der Hockey spielt, träumt davon, einmal den Stanley-Cup hochzustemmen. Wie fühlt es sich an?
Es ist ein magisches Gefühl. Der Pokal ist recht schwer, wenn man ihn in die Hand nimmt. Er steht für so viel Geschichte, hat unzählige Namen grosser Spieler drauf. Wir hatten ihn die letzten Tage immer dabei, wenn wir als Team zusammenkamen. Er verliert seinen Reiz nie. Natürlich haben wir ihn auch mit Champagner gefüllt.

Wissen Sie schon, wann Sie einen Tag mit dem Pokal in der Schweiz verbringen dürfen?
Noch nicht. Die Reiseroute wird nun erstellt. Er dürfte zuerst in Nordamerika touren und dann nach Europa kommen. In die Schweiz, nach Deutschland, Schweden, Finnland.

Wissen Sie schon, wohin Sie mit dem Pokal gehen? Auf den Gurten? Vors Bundeshaus?
(lacht) Da habe ich mir noch ­keine Gedanken gemacht. Ich würde ­gerne mit Familie und Freunden ein cooles Fest feiern mit dem Pokal. Wo, weiss ich noch nicht.

Sie hätten 41 Spiele mit den Penguins oder ein Finalspiel bestreiten müssen, um sicher darauf eingraviert zu werden. Werden Sie es trotzdem?
Das sehe ich dann. Ich hoffe es schwer.

Wo stufen Sie diesen Erfolg in Ihrem reichen Palmarès ein?
Sportlich ist es mein grösster ­Erfolg. Er ist speziell zustande gekommen, weil ich im Playoff nur drei Spiele bestritt. Aber ich schaue das ganze Bild an, sehe diesen Pokal als ­Krönung meiner Karriere. Ich habe jahrelang wichtige Rollen gespielt in meinen Teams. Und wenn ich in Pittsburgh zum Einsatz kam, spielte ich sehr gut. Wenn nicht, versuchte ich, dem Team auf andere ­Weise zu helfen. Ich fühle mich schon als Stanley-Cup-Sieger.

Was macht die Penguins aus?
Crosby ist nicht nur der weltbeste Spieler, er ist auch als Typ grossartig mit seinen Leaderqualitäten. Wenn einer so voranschreitet wie er, kann man gar nicht anders, als mitzuziehen. Zudem hatten wir ein extrem breites Kader, zu dem ich ja auch beitrug. Obschon wir viele Verletzte hatten, spürte man das nicht. Und jeder akzeptierte ­seine Rolle, stellte sein Ego zurück.

Wenn Ihnen jemand gesagt hätte, als Sie mit 22 in der East Coast Hockey League spielten, dass Sie über 800 NHL-Spiele bestreiten und Stanley-Cup-Champion werden würden, was hätten Sie geantwortet?
Ich hätte ihn ausgelacht. Mit 22 wäre es für mich das Grösste gewesen, einmal in der NHL aufzulaufen. Einmal ein solches Leibchen zu tragen. 12 Jahre, über 800 Spiele, das hätte ich mir nie erträumt.

«Mit 16, 17 redete niemand gross von mir.»

Wie wurde es möglich?
Ich war schon immer enorm ehrgeizig, gab mich nie damit zufrieden, wenn ich etwas erreicht hatte. Ich hatte immer das Gefühl, es liege noch mehr drin. Und wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, lasse ich mich auch nicht entmutigen, wenn es noch meilenweit entfernt ist. Als ich in Montreal ­ankam, empfand ich das Spiel als unglaublich schnell und intensiv. Alle waren so gut. Ich dachte: Das wird happig. Aber ich wollte auf keinen Fall zurück, biss mich fest.

War es sogar ein Vorteil, dass Sie nie als Supertalent galten?
Es hat mich sicherlich angespornt. Mit 16, 17 redete niemand gross von mir. Nicht in Bern, schon gar nicht schweizweit. Andere wurden als grosse Talente gehandelt und gedraftet. Ich nicht. Das war für mich ein positiver Antrieb. Und es ist eben auch ein Talent, einen grossen Willen zu haben.

In Bern traute Ihnen Bill Gilligan mit 16 nicht zu, dass Sie im Elite-B-Team eine wichtige Rolle ­spielen könnten. Hat er einmal Abbitte geleistet?
(lacht) Ich ging damals mit ­meinem Vater zum Meeting mit Gilligan. Der SCB hatte keine Elite A, aber zwei Elite-B-Teams. Ich war im Team West. Gilligan sagte, er sehe mich dort als Verteidiger Nummer 7 oder 8. Er konnte nicht recht sagen, was meine Stärken sind. Ich war am Boden zerstört. Meine ­Eltern sagten: «Wir begreifen, wenn du in Bern bleiben willst. Du hast hier deine Kollegen, dein Umfeld. Aber dann musst du deine sportlichen Ambitionen zurückstecken.» Das wollte ich auf keinen Fall. Teamkollege ­Sascha Schneider wechselte damals von Bern zu Fribourg, also ging ich mit. In Fribourg ­setzte man auf mich, im zweiten Jahr spielte ich schon in der ersten Mannschaft. ­Jener Wechsel war extrem wichtig.

Welchen Tipp haben Sie für junge, ambitionierte Hockeyspieler und deren Eltern?
Dass man sich nicht entmutigen lässt, wenn einem ein Trainer sagt, man sei zu wenig gut. Das heisst gar nichts. Das erlebte ich ein paarmal. Und dass man seinen eigenen Weg geht. Zu den Eltern: dass sie trotz der vielen Opfer, die sie für ihr Kind bringen, es nicht zu sehr unter Druck setzen. Meine Eltern taten das nie. Der Ansporn kam immer von mir. Und wenn ich enttäuscht war, bauten sie mich wieder auf. Ohne ihre Unterstützung wäre all das nie möglich gewesen.

«Aber dann wurde er von einem Tag auf den andern wegtransferiert. Das ist brutal.»

Wer war Ihr bester Teamkollege in all diesen NHL-Jahren?
Ich habe in meiner Karriere viele grossartige Menschen kennen ­gelernt. In Montreal etwa hatte ich engen Kontakt mit Cristobal Huet. Aber dann wurde er von einem Tag auf den andern wegtransferiert. Das ist brutal. In allen Teams ­hatte ich Spieler, mit denen ich es sehr gut hatte. Mit denen ich noch ­heute ­Kontakt pflege. Aber wenn ich vom Menschlichen her eine Zeit hervorheben müsste, dann wären es die fünf Jahre in Zürich. Die ­waren einzigartig. Noch heute verreisen wir mit einem Grüppchen von ­jenem Team jedes Jahr für ein Weekend ­zusammen. Schon bald steht unsere ­nächste Reise an.

Sie leben seit zwölf Jahren in Nordamerika. Wie hat Sie das verändert?
Es ist ein spektakuläres Leben, ­hektisch und abwechslungsreich. Natürlich prägt das. Ich habe ­sicher das eine oder andere von Amerika angenommen. Aber die Werte, die mir meine Eltern ­mitgegeben haben, wie man mit ­Leuten umgeht, dass man jedem mit Respekt begegnet, habe ich beibehalten. Und ich glaube auch nicht, dass ich durch das Geld, das ich verdient habe, ein anderer ­geworden bin.

Sie sagten nach dem Titel, dass Sie in der NHL weiter­spielen möchten. Wohin könnte die Reise gehen?
Keine Ahnung. Mein Agent sagte, es werde sich bestimmt die eine oder andere Möglichkeit ergeben. Ich bin offen. Jetzt freue ich mich ­zuerst einmal auf die Ferien. Aber ich bin auch schon wieder auf­geregt, weil ich nicht weiss, was die Zukunft bringt.

Falls es mit der NHL nicht klappen sollte, wäre es für Sie auch eine Option, noch in der Schweiz zu spielen?
Stand heute eher nicht. Ich spiele sehr gerne Eishockey. Aber an ­meinem Punkt der Karriere, mit meiner Spielweise, würde ich mir wohl ­keinen Gefallen machen, in der Schweiz auf den grösseren ­Eisfeldern zu spielen. Dieses Spiel ist nicht auf mich zugeschnitten. Aber man weiss nie, was in zwei, drei Monaten ist.

Könnten Sie sich vorstellen, dereinst mit Ihrer Familie in Nordamerika zu leben?
Nach meiner Karriere gehen wir zurück in die Schweiz. Das habe ich mit meiner Frau schon besprochen. Obschon es mir in Nord­amerika vom Lifestyle und den Leuten, die ich hier kennen gelernt habe, gut gefällt. Jetzt, nach einer langen Saison, nach neun, zehn Monaten, vermisse ich die Schweiz extrem. Aber ich bin mir auch ­bewusst, dass ich nach drei, vier Monaten Amerika vermissen ­werde. Ich werde sicherlich öfters ­rübergehen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.06.2017, 09:14 Uhr

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