Zeit, die Handbremse zu lösen

Die ZSC Lions spielen nicht Playoff-, sondern Alibihockey. Heute ist ihre letzte Chance.

War das der letzte ZSC-Heimauftritt in dieser Saison? Der Abgang der gehemmten Löwen am Dienstag nach dem 1:2 gegen Lugano. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

War das der letzte ZSC-Heimauftritt in dieser Saison? Der Abgang der gehemmten Löwen am Dienstag nach dem 1:2 gegen Lugano. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Es ist noch nicht zu spät, aber höchste Zeit: Wenn die ZSC Lions ihr nächstes Viertelfinal-Aus vermeiden wollen, müssen sie endlich ihre ­Stärken ausspielen. Man wähnte einige ihrer Auftritte im Januar, als sie die Konkurrenz mit ihrem Tempohockey phasenweise schwindlig spielten, als Vorboten dessen, was im Playoff von ihnen zu erwarten sei. Doch weit gefehlt! Ihr Schwung reichte gerade mal bis zu einer 4:1-Führung in Spiel 1 gegen Lugano, danach verfielen sie wieder in ihren alten Trott. Sie liessen die nötige Intensität und den Drang zum Tor vermissen, passten sich dem Rhythmus des Gegners an.

Vermeintliche Kämpfertypen

Und so finden sie sich in dieser misslichen Situation wieder: In der Serie 2:3 zurück, müssen sie nun zweimal gewinnen. Zuerst heute in der Resega. Was auf den ersten Blick machbar erscheint, wird zur Mammutaufgabe, wenn man sich die jüngsten Playoff-Abenteuer der Lions vor Augen führt. Ihre letzten sechs Auswärtsspiele im Playoff verloren sie allesamt – in Davos, Bern und Lugano und mit insgesamt 21 Gegentoren. Das bestätigt den Eindruck: Je rauer das Klima, desto schwerer tun sich die talentierten Zürcher. Dabei hatte Sportchef Edgar Salis das Team umgebaut, (vermeintliche) Kämpfer­typen wie Marti, Sjögren oder Kenins engagiert. Und Sündenbock Cunti wurde, weil er als zu ­verspielt galt, an Kloten abgegeben.

Trotzdem boten die Qualifikationszweiten im Playoff gegen Lugano bisher vorwiegend Alibihockey. Sie sehen ja redlich bemüht aus, doch ihnen fehlt die letzte Entschlossenheit und Opferbereitschaft. Sie tun das, woran sie sich in den letzten Jahren gewöhnt haben: Sie führen meistens den Puck, dies aber im Offensivdrittel vorzugsweise in den Aussenquartieren, von wo kaum Torgefahr entstehen kann. Ihr minutenlanges Kreisen in der gegnerischen Zone mag Überlegenheit suggerieren, de facto steht es für Ideen- und Mutlosigkeit. Zwei Drittel der Tore fallen im Eishockey in den ersten zehn Sekunden nach dem Eintritt in die Offensivzone – das ­werden die schwedischen ZSC-Coachs sicher wissen.

Luganos Topspieler ausser Form

Und sie dürften auch bemerkt haben, dass die Lugano-Verteidigung, die am Dienstag im Hallen­stadion so stabil wirkte, durchaus aus den Angeln gehoben werden kann. Abwehrrecken wie Chiesa, Vauclair oder Hirschi sind nicht die Beweglichsten und Schnellsten ihrer Gilde. Aber wenn man ihnen Zeit gibt, sich zu organisieren, sehen sie gut aus. Womit wir bei einem anderen Punkt wären: Scheiterten die Lions im vergangenen Jahr gegen den SCB an einem Team, das spielte wie auf einer Mission, so ist dieses Lugano durchaus schlagbar. Zumal dessen Topspieler wie Klasen oder Martensson weit von ihrer Höchstform entfernt sind. Umso schmerzvoller wäre ein Playoff-Aus gegen die Tessiner.

Was diese den Lions aber voraus­haben: Sie haben einen Plan und halten sich daran. Sie traten bisher cleverer und mit mehr Leidenschaft auf. Bei den Zürchern wechseln sich bessere mit schlechteren Phasen wahlweise ab, und wenn Lugano einmal in Führung ist, kommt vom ZSC keine Reaktion mehr.

Wende dank den Rückkehrern?

Vielleicht löst es bei den Favoriten ja endlich etwas aus, dass sie nun mit dem Rücken zur Wand stehen und in Spiel 6 wieder auf Blindenbacher und Thoresen zählen können. Vielleicht gelingt es ihnen nun, die Handbremse zu lösen und zum Tempo, zur Intensität und zur Gradlinigkeit zu finden, womit sie die Schwächen Luganos offenlegen könnten. Auch wenn ihre bisherigen Auftritte nicht darauf ­hindeuten.

Die ZSC Lions haben schon manche Serie umgebogen. Man muss nicht so weit zurückblicken wie zum legendären Final 2001 gegen Lugano. Doch sollte es ihnen wie zuletzt gegen Davos und Bern nicht gelingen, ihre 12 oder 14 Playoff-Tage würden eine längere Aufarbeitung bedingen, bei der sich die sportliche Abteilung grundsätz­liche Fragen stellen müsste. Denn in den sechs Wochen, in denen die Meisterschaft entschieden wird, offenbart sich der wahre Charakter einer Mannschaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2017, 22:07 Uhr

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