Mutig und frech – die goldrichtige Taktik

Selina Büchel verteidigt in Belgrad ihren Hallen-Europameistertitel über 800 m, weil ihr Kopf mindestens so stark ist wie ihre Beine.

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Die Aufgabe war schwierig, aber nicht aussichtslos; der Plan mutig, aber nicht neu; das Rennen schnell, aber nicht zu schnell; die vier Runden spannend, aber nur gerade an der Spitze. Ja, und der Ausgang des 800-m-Finals an der Hallen-EM in Belgrad war von Titelverteidigerin ­Selina Büchel so erhofft, letztlich aber sehr hart erkämpft. Die 25-jährige Toggenburgerin siegte in 2:00,38 Minuten, sie unterbot den 20 Jahre alten Schweizer Rekord von Regula Zürcher um gut eine halbe Sekunde, und ihr Vorsprung auf die Britin Shelayna Oskan-Clarke verriet erst der Zielfilm: eine Hundertstelsekunde.

Büchel zeigte eine Meisterleistung nach einem kräfteraubenden Halbfinal am Samstag, aus dem sie und ihre Trainer Louis Heyer (Swiss Athletics) und das Ehepaar Göldi (KTV Bütschwil) die richtigen Schlüsse zogen. Nach dem entscheidenden Moment auf dem Weg zum zweiten Hallen-EM-Gold gefragt, sagte Heyer: «Der war am Samstag, als sie mit Positionskämpfen zu viel Energie verlor. Da war klar: Sie muss wieder mutig und frech vorneweg laufen wie vor vier, fünf Jahren immer.»

In den «Infight» gehen

Büchel wusste von einem Testrennen mit Männern vor rund drei Wochen in St. Gallen, das sie in 2:00,18 abschloss, dass ihr ein schneller, konstanter Lauf entgegenkommt – und übernahm selber die Initiative. «Ich wollte die Pace, die mir passt und den anderen wehtut», sagt sie. Heyer meint, sie habe bei solcher Taktik auch bereit sein müssen, in den «Infight» zu gehen, Schläge ein­zustecken, Ellenbogen in den Seiten zu ertragen – «das ist eine Frage der Einstellung, Selina hatte die richtige, sie überlegte sich nicht zuerst, ob ihr Vorgehen wohl zu riskant sei».

Tatsächlich entschieden nicht nur die schnellen Beine Büchels. Es war ihr Widerstand, den sie leistete, als Oskan-Clarke sie Anfang der letzten Runde mit der Schulter nach innen drückte, Büchel aber ­weder Rhythmus noch Balance verlor. Welcher ist nun der schönere Titel? ­Büchel zögert. «Das weiss ich gar nicht, der in Prag war speziell, weil es der erste war, und nun war es schwierig, diesen zu verteidigen.»

Seit rund einem Jahr ist Büchel Profi-Athletin, was sich in erster Linie im Erholungsbereich positiv auswirkt. Die in Wil SG lebende gelernte Raumplanungszeichnerin sagt, im Gegensatz zum vergangenen Winter habe sie im Training nur geringfügige Anpassungen vor­genommen: «Es war vor allem wichtig, dass ich den Fokus auf die Schnelligkeit legte und wieder explosiver wurde. Und weil ich nie wirklich verletzt war, konnte ich jedes Jahr auf einem ein wenig höheren Niveau anknüpfen.»

Neben Büchel verbuchte auch die Bernerin Mujinga Kambundji mit ihrem 4. Platz über 60 m in ihrer Saisonbestzeit von 7,16 einen schönen Erfolg. Sie wirkt am Start allerdings gehemmt, nachdem sie im ersten Anlauf und nach einem vermeintlichen Fehlstart die Gelbe Karte gezeigt bekommen hatte.

Sprungers Rückschlag

Einen fast unerklärlichen Einbruch nach souveränem Vorlauf und Halbfinal erlitt Lea Sprunger über 400 m. Die Favoritin lief mit der bisher bewährten Taktik von der Spitze aus – bis sie nach 300 m langsamer wurde, die Gegnerinnen aufschliessen konnten und Sprunger blockierte. Ihre Batterien seien völlig leer gewesen, sagte sie in Tränen aufgelöst. Was die Fragen aufwirft, ob sie physisch genügend vorbereitet war auf drei Rennen in zwei Tagen, oder: War es eine mentale Blockade? Bereits im Olympiavorlauf über 400 m Hürden vermochte sie sich nicht mit den Begebenheiten zu arrangieren. Damals schied sie aus, nun wurde sie Fünfte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2017, 23:13 Uhr

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