Schwitzen und messen am Ende der Welt

Zu Besuch im Sportzentrum Magglingen, das für Topathleten wie Mountainbike-Weltmeister Nino Schurter ein reichhaltiges Angebot bietet. Auch vor Rio wird es intensiv genutzt.

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Nino Schurter torkelt, nachdem er vom Mountainbike abgestiegen ist. Den langen Speichelfaden, der von seiner Unterlippe tropft, wischt er ab – kurz ­darauf scherzt er bereits wieder. «Ein bisschen mehr hätte ich schon noch leisten können», sagt er nach dem 24 Minuten langen Test, der darin besteht, das maximale Leistungsvermögen abzurufen.

Für Schurter, eine der grössten Schweizer Hoffnungen auf Olympiagold an den Spielen in Rio, ist der ­Besuch im Sportzentrum von Magglingen inte-­graler Bestandteil der Saisonvorbereitung. Der 29-Jährige wird hier während zweier Tage durch­gecheckt. Vom Ganzkörperscan, der ­verrät, wie Muskeln und Fett verteilt sind, zur Messung seines Blutvolumens bis hin zu den Leistungstests mit dem grossen Finale auf dem riesigen Rollband. 2007 wurde dieses primär für Leistungstests der Langläufer angeschafft, entsprechend heisst das ­Gebäude, in dem es sich befindet: ­Nordic Pavillon.

2010 begannen das Band auch die Mountainbiker für ihre Vermessungen zu nutzen. Alle Kaderathleten simulieren darauf ein Rennen. Die Startschlaufe dauert vier Minuten, dann folgen zwei Runden an 10 Minuten. Dabei ändert sich die Steigung fortlaufend, wird bis zu 18 Prozent steil. Am Ende zählt die ­zurückgelegte Distanz.

Die Angst vor der Vermessung

Wie jedes Mal ist das Ziel, die zuletzt ­erreichte Marke zu übertreffen. In der Vergangenheit ist dies Schurter stets ­gelungen. «Bei einem Athleten von seinem Niveau ist dies ausserordentlich», sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter Beat Müller. Er führt die Tests durch. 2016 bildet da keine Ausnahme: Schurter erzielt einmal mehr eine Bestmarke. Er ist bereit für den Saisonstart am ­Ostermontag. Die Stärke des Weltmeisters ist seine Ausgeglichenheit. «Nino hat ein sehr komplettes Profil. Er hält zwar in keinem Bereich einen Datenbank-Rekord, gehört aber in allen zu den Besten. Darum ist er auch auf jeder Strecke konkurrenzfähig», sagt Müller.

Schurter mag die Tests nicht. ­Entsprechend mulmig ist ihm, wenn er jeweils den Weg nach Magglingen ­antritt. Hier absolvierte er 2008 die Sport-RS, seither kehrt er zwei Mal pro Saison für Tests zurück. «Ich habe ­immer ein bisschen Schiss davor», gibt er zu. «Es ist wie ein Rennen, aber nur fürs Papier. Die Resultate sind gut fürs Gewissen, eine Bestätigung. Zugleich weiss ich aus dem Training mittlerweile sehr genau, ob ich gut in Form bin.»

In Magglingen lassen sich nicht nur die Mountainbiker und Langläufer ­testen. Gerade das Vermessen und Überprüfen der ­Leistungsfähigkeit hat sich in den ­vergangenen Jahren zur Kernkompetenz des wichtigsten Sportzentrums der Schweiz entwickelt.

Verträge mit 12 Sportarten

Einst war Magglingen Sinnbild für den gesamten Schweizer Sport. Und stand primär für die Ausbildung von Sportlehrern und Trainern. Dieser Teil ­gehört nach wie vor zum Bundesamt für Sport (Baspo). Seit elf Jahren unterstützt es vermehrt auch den Spitzensport. Diese Neuausrichtung hat mit dem jetzigen ­Baspo-Direktor Matthias Remund zu tun. Deutlich zeigt sich dieses Bestreben in der Anbindung der Sportverbände. Vor Remunds Zeit profitierte einzig der OL-Verband von Magglingen. Heute hat das Baspo mit 12 Sportverbänden Rahmenverträge. Sie definieren die Leistungen, welche die Verbände vom Sportzentrum beziehen können. Die Nachfrage weiterer Sportarten ist gross. Doch dafür fehlt es dem Baspo an Ressourcen.

Zu den wichtigsten Klienten gehören die Skifahrer, Eishockeyaner, Fussballer, Radfahrer, Turner und Leichtathleten. Deren hoffnungsvollste Athleten reisen regelmässig nach Magglingen, auf dieses Hochplateau oberhalb von Biel. An ­schönen Tagen offenbart es eine phänomenale Aussicht über das Seeland ­sowie die Berner und Walliser Alpen.

Magglingen kann für Athleten ein sportliches Schlaraffenland sein – sofern deren Verband einen Vertrag mit der ­Institution besitzt. Dann kann er vom ganzen Angebot profitieren, findet ­Physiotherapeuten wie Sportmediziner, Ernährungswissenschaftler wie Trainingsfachleute vor. Den Alltag verbringt aber nur eine kleine Minderheit hier oben. Die meisten Schweizer Topathleten verfügen über ein eigenes Team und ­picken sich  wie Schurter einzelne ­Module heraus. Oft sind es die Leistungstests. Von den gut 100 Athleten, die im August in Rio die Schweiz vertreten werden, wird ein Viertel vom Angebot in Magglingen profitiert haben.

Dies gilt insbesondere für die Kunstturner, die wie die Rhythmischen Sportgymnastinnen und die Taekwondo-Kämpfer hier ihren Trainingsstützpunkt haben. Von der Standseilbahn, die einen von Biel aus nach Magglingen bringt, ist es zu Fuss eine Viertelstunde bis zur Halle der Kunstturner. Sie liegt in unberührter Landschaft. Eine Trainingsvisite ist nicht möglich, die Turner befinden sich bereits in den Vorbereitungen für den Saisonhöhepunkt. Vor den Olympischen Spielen steht die Heim-EM an, Ende Mai in Bern.

Die Turner gehören zu den regelmässigen Kunden in Physiotherapie und Sportmedizin. Dabei zeigt sich der grosse Unterschied zu einer konventionellen Praxis: Diagnostiziert und therapiert wird ohne auf die Uhr zu schauen. Die genormten 10 Mal 30 Minuten Physiotherapie, welche die Krankenkassen nach einer Verletzung zugestehen, gelten bei Spitzensportlern nicht. Sie erhalten so viel Behandlungszeit wie notwendig, manchmal stundenlang und täglich.Am Angebot wird also nicht gespart, an der Verpackung wie den Gebäuden ­dagegen sehr. Die Fenster sind oft dünn und genügen nicht den heutigen Energiestandards. Viele Bauten erinnern eher an Kasernen als an moderne Sportstätten – oder fallen zumindest nicht auf. Ihr Repräsentant ist die Halle «End der Welt». Der prägnante Name ist geografisch verortet. Dahinter endet das Hochplateau und geht in einen steilen Abhang über. Die fünffache Sporthalle ist in den Boden gebaut, «von aussen lässt sich ihr riesiges Volumen kaum ­erahnen, im Innern begeistert sie aber mit ungeheurer Grosszügigkeit und konstruktiver Raffinesse», heisst es im Inventar des Heimatschutzes über die in den 1970er-Jahren gebaute Halle.

Die Wette der Siebenkämpferin

Am «End der Welt» ist es an diesem ­Mittag still, nur die Beleuchtung surrt. Zwei Personen verlieren sich im Raum: ­Siebenkämpferin Ellen Sprunger und ihr Trainer Adrian Rothenbühler. Die beiden trainieren aus praktischen Gründen hier: Das «End der Welt» ist eine von zwei Schweizer Hallen, die für die Anforderungen der Leichtathletik geeignet sind (die andere steht in St. Gallen). Vor allem aber arbeitet Rothenbühler hier als Dozent in der Trainerausbildung, fürs Training mit seiner Olympiakandidatin opfert er die Mittagspause.

Die beiden sind seit sechs Jahren ein Gespann, für sechs Trainings pro ­Woche. Vom engen Austausch zeugen die Zwiegespräche zwischen jedem ihrer Hürdenläufe, abwechselnd in Berndeutsch und Französisch. Die ­Romande Sprunger ist eine Magglingen-Habituée. Sie hat hier ihr Master-­Studium absolviert. Die 29-Jährige schätzt neben der Infrastruktur die spontanen Begegnungen mit anderen Spitzensportlern, schaut sich auch mal etwas ab. «Mehr profitieren aber die ­anderen von Adi», lacht sie zwischen zwei Läufen. «Er gilt als Rumpfguru.»

Dann wechselt sie die Schuhe, es folgt Hochsprung. Da harzt es, sie bricht ­immer wieder ab, dann klappt der ­Absprung plötzlich wieder. «Wette ­gewonnen», sagt sie zu Rothenbühler ­lachend. In solchen Trainingssituationen fordert sie sich heraus, sagt sich: «Wenn du diesen Sprung nicht schaffst, fährst du nicht nach Rio.» Ihre Methode funktioniere erstaunlich oft, bestätigt der Trainer. Er empfindet in diesen ­Wochen die Magglinger Atmosphäre als speziell: «Die einen kämpfen um die Olympiateilnahme, für die anderen ist der Traum schon vorbei – und trotzdem ‹müssen› auch sie weitertrainieren.»

Für Magglingen sind die Olympischen Sommerspiele nur eine Momentaufnahme im Kreislauf des Spitzensports. Während Rio werden die Skifahrer hier Gewichte stemmen, ehe die Sommersportler im Herbst zurückkehren, um die nächste Saison vorzubereiten. Für Pausen kommt niemand hierher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2016, 23:14 Uhr

Im Training für Rio: Leichtathletin Ellen Sprunger in der Turnhalle End der Welt. Foto: Urs Jaudas

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