Silvesterlauf auf den Schultern

Der 38. Silvesterlauf bot viel gute Unterhaltung und auch Sport: Bei der Elite dominierten der doppelte Abraham und die Königin der grösseren Schweizer Läufe.

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Zwischendurch wollte selbst die Sonne dabei sein am Rundrennen durch Zürichs Strassen und Gassen. Doch sie hatte, ganz im Gegensatz zu knapp 20'000 Klassierten, dann doch zu wenig Kraft, um sich gegen das Gewölk ganz durchzusetzen. Anyway. Weder Zuschauer noch Läufer vermissten sie, auch so war die Temperatur mit 8 Grad ideal für ein wenig Bewegung in einer kalorienreichen Zeit. Alle waren motiviert gekommen, die meisten mit eher längeren Hosen, viele mit Kappen, wenige mit Handschuhen, vereinzelte – das waren auch die Schnellsten – nur mit Trägerleibchen und Shorts.

Und niemand brauchte die Reise zu bereuen. Der 38. Silvesterlauf glänzte mit einem Anmelderekord, aber er litt nicht weiter unter noch mehr Masse. Sein Ruf bezüglich der Flaschenhälse dürfte sich sogar um einiges gebessert haben. Die neuralgischen Stellen bei der Bahnhofbrücke und auf dem Kopfsteinpflaster schluckten den Verkehr besser als noch im Vorjahr. Stau wurde gestern nur am anderen Ende der Stadt, in der ­Brunau, gemeldet.

Gestartet wurde an diesem Mammutsonntag, der nicht auch noch einen Weihnachtsverkauf erträgt, von halb zwölf am Morgen bis halb sieben abends. Und die Läuferinnen und Läufer lassen sich jeweils grob in vier Kategorien einteilen: zum Auftakt jene Knirpse, die mit grossen Schritten und dem Vater oder der Mutter im Schlepptau einer grossen Karriere entgegeneilen. Dann vor und nach der Elite jene, die sich damit abgefunden haben, dass Laufen ein Spass bleibt, Ambitionen trotzdem nicht verboten sind und sich die Zeit umgekehrt proportional zum Trainingseifer verhält. Und zuletzt, wenn wirklich alle ­Lucys dieser Stadt brennen und ihr alle Kälte genommen haben, machen sich jene auf den Weg, die den Fasnachtsauftakt am 11. November verpasst haben.

Raclette wie einst Knoblauch

Die Zuschauer, gestern waren es besonders viele, wurden den ganzen Tag über unterhalten – sportlich und kulinarisch. Aber: Wem das Raclette auf dem Münsterplatz besonders mundete, dem sei verraten, dass dieses Zelt bald den Status des legendären Chnoblibrotstandes am Ende des Rennwegs erreicht hat. Dieser wurde der olfaktorisch empfindlich störenden Immissionen wegen und nach Protesten der Läufer versetzt. Dieses Schicksal könnte auch bald der Käseschmelzerei drohen.

Aber nun zum Ernst der Veranstaltung: Unterwegs waren auch jene Eliteläufer, die ihr Berufsleben dem Laufen verschrieben haben und denen es in ­Zürich zum Abschluss der Post-Cup-Serie nicht nur um den Spass und die Zeit, sondern auch um den Rang, die Punkte und Prämien ging. Das Rennen der Männer führte über sieben kleine Runden oder neun Kilometer, und dominiert wurde es vom doppelten Abraham. Von Anfang an. Dem Neo-Schweizer und Marathonspezialisten Tadesse Abraham gelang es, die stark eingestuften Kenianer zu ärgern – und er musste sich zuletzt selbst ärgern.

Zusammen mit Abraham Kipyatich vermochte er sich bald abzusetzen. Das gleiche Duell hatte es bereits an der L’Escalade in Genf vor acht Tagen gegeben – Kipyatich hatte es mit fünf Sekunden Vorsprung gewonnen. Als dieser drei Runden vor Schluss attackierte, konterte Abraham. Als der andere das Tempo ein zweites Mal verschärfte, «war mein Tank leer», sagte er. Kipyatich siegte in 25:39 Minuten, Abraham verlor 18 Sekunden – und wurde im Ziel dennoch als Sieger ausgerufen. Alles, was der Speaker unter seiner grauen Mütze dem Publikum in diesen Minuten über Mikrofon und Lautsprecher zumutete, war falsch. So war Abraham Kipyatich plötzlich Tadesse Abraham, und als die Männer auf ihren letzten Metern angekündigt wurden, ­kamen die Frauen um die Ecke gebogen. Tadesse Abraham tröstete sich mit dem Gewinn des Post-Cups und 7000 Franken, «das nächste Trainingslager ist damit finanziert». Ob es diesen Cup weiterhin geben wird, ist ungewiss, dass er anders heissen würde, ist klar: Die Post steigt nach 10 Jahren Engagement aus.

Zurück auf längere Distanzen

Der in Genf und Uster lebende Abraham kehrt nun zum Marathonlaufen zurück – aber nicht nur. Er liebäugelt für die WM im Sommer in Moskau mit der Qualifikation über 10 000 m. «Wenn ich diese schaffe, werde ich auf der Bahn antreten, wenn nicht, dann im Marathon», sagte er. Ebenfalls wieder auf die lange Distanz wechseln wird Maja Neuenschwander, die EM-Neunte. Für sie war der Silvesterlauf über 6,6 km mit vielen Emotionen und Erinnerungen verbunden, «schon beim Einlaufen sah ich die purpurne ­Linie auf der Strasse wieder, die uns im EM-Marathon den kürzesten Weg gezeigt hat, das war schon speziell», sagte sie. Neuenschwander wurde gute Vierte, steigerte sich von Stadtlauf zu Stadtlauf, beste Schweizerin war sie aber nicht.

Mittelstrecklerin Fabienne Schlumpf demonstrierte ihre derzeit blendende Verfassung. Auf Cynthia Kosgei, zum dritten Mal Zürich-Siegerin und auch in Genf, Bern und am Greifensee keine Unbekannte, verlor sie lediglich zwei Sekunden. «Das ist cool, es ist mein Heimrennen, und ich habe mir den Gewinn des Post-Cups zum Ziel gesetzt», sagte sie. Das hat sie geschafft. Überlegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2014, 23:51 Uhr

Bahnhofstrasse in den Mittagsstunden, Kategorie «Nur fliegen ist schöner».
Foto: Urs Jaudas

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