Die Pioniere im Marathon sterben aus

Der schnellste weisse Marathonläufer der Geschichte hörte kürzlich auf. Der Amerikaner Ryan Hall war der Letzte, der die besten Afrikaner fordern konnte.

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In seinen letzten Tagen als Spitzenathlet vermochte Ryan Hall manchmal bloss noch 30 Minuten am Stück zu rennen. Für einen Marathonläufer reichte diese halbe Stunde nirgendshin. Darum trat der Amerikaner in diesem Winter zurück – mit 33 Jahren im besten ­Alter. Seine Psyche verweigerte sich der Schinderei nach vielen Trainingsjahren. In seiner Blüte war Hall der Vorläufer zweier Kontinente gewesen: ­Europa und Nordamerika – zumindest der hellhäutigen Laufelite. Mit seinen 2:06:17 Stunden vermochte er sich 2008 in London am wichtigsten Elite-Marathon der Welt als Fünfter inmitten der afrikanischen Grössen zu klassieren. Hall rannte die 42,195 km damals so schnell wie kein hellhäutiger Athlet vor oder nach ihm.

Zu einem globalen Titel oder nur schon einer Medaille reichte es ihm aus verschiedenen Gründen jedoch nie. Der wichtigste davon: Stets waren die Besten aus Afrika deutlich schneller. Der Rücktritt von Ryan Hall macht diese Entwicklung an der Marathonspitze noch deutlicher. Hinzu kommt: Dies gefährdet auch die Existenz der dominierenden afrikanischen Spitzenkräfte. Denn vor jedem halbwegs grossen Marathon ist der Ausgang mittlerweile absehbar geworden. Vorne rennen Afrikaner, weit hinter ihnen die Vertreter der ­anderen vier Kontinente. Damit sind grundlegende und faszinierende Komponenten des weltweiten Wettkampf­sports zerstört: Es mangelt an Viel­seitigkeit und Identifikationsfiguren.

Wer kennt die Nummer 1?

Denn die Namen der Top-Afrikaner wechselten in den letzten fünf Jahren schneller, als ihre Beine über die Strassen wirbeln können. Die Übersicht ging in einer Masse an Talenten schlicht verloren. Ein Test: Wie heisst der aktuelle Weltrekordhalter? Haile ­Gebrselassie ist es nicht, obschon der Name des Äthiopiers weit über die Szene hinaus noch immer klingt. Es ist der ­Kenianer Dennis ­Kimetto, der im September 2014 mit seinen 2:02:57 Stunden die nächste Minutenmauer durchbrach.

Geht der ­Erkennungswert verloren, erodiert das Interesse. Natürlich ist diese Sichtweise europa- und USA-zentriert. Bloss finden die grossen Marathons mehrheitlich auf diesen beiden Kontinenten statt – und kommen Sponsoren wie Konsumenten aus diesen Gebieten. Wohin die Monokulturisierung des Laufens führt, lässt sich an den Bahnrennen über 5000 m und 10 000 m sehen: Weil das Angebot an afrikanischen Fach­kräften die Nachfrage massiv übertrifft und kaum mehr Weisse konkurrenzfähig sind, ist der Markt zusammengebrochen. Die Besten verdienen weniger als ihre Vorgänger in den letzten beiden Jahrzehnten. Entsprechend gelten diese ­Distanzen unter den schnellsten Afrikanern mittlerweile als unattraktiv.

Vorteile zweier Welten

Wer als Europäer hingegen ein Alleinstellungsmerkmal besitzt, vermag seine schnellen Beine zu vergolden, selbst in der Bahn-Leichtathletik. Der Brite Mo ­Farah, zweifacher Olympiasieger von 2012, kann neben Usain Bolt die höchsten ­Gagen pro Start verlangen, oft über 100'000 Franken. Farah, geboren in ­Somalia und als Bub nach London gekommen, vereint die Auffälligkeiten beider Hintergründe: Farah lebt in den USA und profitiert als Nike-Botschafter von einem Projekt, das sämtliche Aspekte der modernen Trainingssteuerung vereint: einen erfahrenen Coach, Spezialisten für Krafttraining, Ernährung oder Regeneration, neuste Trainingshilfen und einen dicken Gehaltscheck pro ­Monat, der ihn sorgenlos der Zukunft entgegenblicken lässt.

Hinzu kommen Vorteile durch seine ursprüngliche Herkunft. Dazu diese Beispiele: Während die Durchschnittszeit der fünf besten afrikanischen Marathonläufer in den letzten 25 Jahren signifikant sank, treten die Europäer an Ort, waren im letzten Jahr fast gleich schnell wie 1990. Die Konsequenz: Während 1990 noch neun Europäer in den Top 20 figurierten, waren sie 2015 nicht mehr vertreten. Letztmals durfte sich Antonio Pinto (Por) vor 16 Jahren mit dem Attribut «schnellster Marathonläufer des Jahres» schmücken.

Der ungleiche Dopingkampf

Einst grosse europäische Marathon-Nationen wie Portugal, Frankreich, ­Italien oder Spanien bringen inzwischen keine neuen Weltklasse-Athleten mehr hervor. Dass der Antidopingkampf in diesen Ländern immer besser greift, ist einer der Hauptgründe. Die Pioniere – Europäer und Amerikaner initiierten die ersten Marathons und prägten die Elite in den 1970er- und 1980er-Jahren – sterben auch darum aus.

Dass in Kenia (oder Äthiopien) der ­Antidopingkampf hingegen weit unterdurchschnittlich geführt wird, erhöht die ohnehin schon bestehende Diskrepanz. Anders ist der Leistungssprung der afrikanischen ­Läufer in diesem Jahrzehnt kaum zu erklären. Alle anderen möglichen Gründe, die zu ihrer Über­legenheit beitragen könnten wie etwa ein genetischer Vorteil, sind zwar intensiv erforscht, aber kaum verifiziert. Die ­Wissenschaftler ­widersprechen sich diesbezüglich zu oft. Insofern bleiben diese Spitzenläufer auch in der Moderne ein Phänomen, das sie selbst in Kenia und Äthiopien darstellen: Die grosse Mehrheit von ihnen stammt aus einer (Kenia) bzw. zwei Hochlandregionen.

Der Sieger wird zweitrangig

Dass sämtliche internationalen Marathons trotzdem noch immer Elitefelder führen, hängt neben dem Prestige- und PR-­Faktor mit dem grossen Vorteil dieses Formats zusammen: In New York, London oder Berlin können sich jährlich Zehntausende auf derselben Strecke zur gleichen Zeit mit den Besten messen. Kaum ein anderer Sport bietet diese Ausgangslage. Auch darum wollen an diesen Happenings immer mehr Ausdauerfreunde ­dabei sein. Der Star ist darum der Marathon selber geworden. Wer ­gewinnt, wird so sekundär.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.02.2016, 23:27 Uhr)

Frauen

Kraft der Emanzipation

Während der Männermarathon von afrikanischen Läufern dominiert wird, ist die Über­legen­heit ihrer Landsfrauen geringer. Mit Paula Radcliffe (GB) hält seit 2003 gar eine Europäerin mit 2:15:25 Stunden den Welt­rekord. Dass die Afrikanerinnen die Szene erst prägen, aber noch nicht erdrücken, hängt ausschliesslich mit der Stellung der Frau auf diesem Kontinent zusammen. Lange galten Profiläuferinnen gerade in Kenia als unliebsame Exotinnen, die viel eher auf den Feldern arbeiten und den Haushalt samt Kindern betreuen sollten.

Erst als ihre Männer in den vergangenen Jahren erkannten, dass Marathonsiege auch bei den Frauen Geld einbringen können, entwickelte sich eine breite Weltklasse aus diesen Nationen. Entsprechend klar ist der Trend: Wie bei den Männern wird das Marathon­laufen der Frauen an der Spitze immer einseitiger, zumal bei den führenden Europäerinnen gilt, was bei den Männern schon passiert ist: Der ­moderne Antidopingkampf verunmöglicht primär in den lateinischen Nationen und im Osten einen lang intensiv gepflegten Betrug. (cb)

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