Dopen nach russischer Art

Russlands Leichtathletik habe mit Staatshilfe systematisch betrogen, sagt eine prominent besetzte Kommission.

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Dick Pound ist ein Schwergewicht der Sportfunktionäre. Der 73-Jährige wirkt seit 1978 als IOK-Mitglied und präsidierte von 1999 bis 2007 die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Selbst der erfahrene ­Kanadier aber sprach von «überraschenden Widerlichkeiten», als er gestern in Genf seine neuste Arbeit vorstellte. Zusammen mit dem deutschen Kriminalbeamten Günter Younger und dem kanadischen Juristen Richard McLaren hatte er im Auftrag der Wada den Zustand der russischen Leichtathletik analysiert. Eine ARD-Dokumentation vom letzten Dezember hatte über systematisches ­Doping im Land berichtet, in das Athleten, Trainer, Anti-Doping-Kämpfer und Politiker verwickelt seien.

Die Erkenntnisse von Pound und Kollegen flossen in einen Bericht von 325 Seiten. Dabei sind die neusten Entwicklungen in diesem Grossskandal nicht einmal berücksichtigt. Lamine Diack, der frühere Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF, soll mehrere gedopte Athleten ­bestochen und über eine Million Euro erpresst haben. Weil die französische Justiz zurzeit die Hintergründe dazu aufrollt, schwieg die Wada-Kommission zu diesem laufenden Verfahren.

Doch auch was Pound präsentieren durfte, ist in der jüngeren Sportgeschichte einmalig. Seine Kommission konnte das von der ARD berichtete systematische Doping nicht nur bestätigten, sondern mit vielen weiteren Informationen untermauern. Helmut Digel, früherer Vizepräsident der IAAF, sagte darum: «Der Dopingfall des kanadischen Sprinters Ben Johnson 1988 und auch der Fifa-Skandal sind dagegen harmlos.»

Dick Pound wiederum erstaunte, wie «plump» sich die Russen verhielten. Er erwähnte primär Grigori Rodschenko, den Leiter des Anti-Doping-Labors von Moskau. Als ihm die Pound-Kommission mitteilte, sie werde ihn ­besuchen kommen, zerstörte der Wissenschaftler ­wenige Tage vor deren Ankunft 1417 Kontrollen von russischen Sportlern.

Das Geheimlabor von Moskau

Beim Treffen mit Pound sagte er dann unverblümt, er habe damit mehr Unheil vom russischen Sport abwenden wollen. Die Kommission schlägt nun vor, Rodschenko zu entlassen und dem Labor von Moskau die Wada-Akkreditierung zu entziehen. Damit gerät Russland auch mit seiner Fussball-WM 2018 in die ­Bredouille. Das Moskauer Labor ist vorgesehen, die Dopingproben der Spieler zu analysieren. Die Wada-Kommission stiess bei ihren Recherchen gar auf ein zweites Labor unweit von Moskaus Zentrum. Kontrolliert werde es von der Stadtregierung und diene offenbar dazu, Proben von Athleten auf Doping zu testen, schreibt sie in ihrem Report.

Nur negative Tests würden dann wohl an das «offizielle» Anti-Doping-Labor weitergeleitet. Harte Fakten vermögen die Experten für ihre Annahme zwar nicht zu präsentieren, sie können sich aber auf mehrere Zeugenaussagen stützen. Dass diese flächendeckende Manipulation in der russischen Leichtathletik ohne das Wissen des Sportministeriums ablief, kann sich Pound nicht vorstellen. Zwar wand er sich bei der Frage eines Journalisten, ob man von «Staatsdoping» sprechen könne, sagte letztlich jedoch: «Man kann es wohl als solches bezeichnen.»

Was weiss der Sportminister?

Den russischen Sportminister Witali Mutko, ein enger Vertrauter von Staatspräsident Putin, traf die Kommission im September. Mutko verneinte jegliche Mitwisserschaft und eine Verbindung zur Spitzenpolitik seiner Heimat. Er ist auch Exekutivmitglied der Fifa und OK-Präsident der WM 2018. Bloss kann die Kommission diese Nähe der Politik in ­einer langen Indizienkette aufzeigen. Das beste Glied: Während der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi hätten Agenten des russischen Geheimdienstes das Anti-Doping-Labor «infiltriert» und Einfluss auf die Arbeit der Wissenschaftler genommen, schreibt sie im Bericht. Das Labor war für die Analyse sämtlicher Kontrollen zuständig. Leiter Rodschenko habe ­zudem wöchentlich einem Agenten des Geheimdienstes berichten müssen, wie die «Stimmung» bei der Welt-Anti-Doping-Agentur sei.

Bei diesem grossen Interesse des russischen Staates drängt sich die Frage auf, wie stark das Land andere Sport­arten kontrolliert. Pound sagte dazu ­sibyllinisch: «Wir gehen nicht davon aus, dass Russland das einzige Land mit ­einem Dopingproblem ist – und die ­globale Leichtathletik der einzige Sport mit einem Dopingproblem.» Für Pound sind die Ergebnisse der Kommission bloss «die Spitze des Eisbergs» im globalen Sportbetrug. Darum sagte er mit einem ironischen Lächeln: «Andere Kommissionen dürfen gerne weiterführende Arbeit leisten.»

Weisungsbefugnis besitzen die Experten keine, sie konnten bloss Vorschläge zuhanden der Wada, der IAAF und des IOK formulieren. Einer davon lautet: Russlands Leichtathletik-Verband aus der IAAF ausschliessen, bis sich ­dieser komplett neu aufgestellt hat. Die IAAF schrieb gestern in einer Mitteilung, sie denke über diesen Schritt nach. Es wäre der erste Ausschluss eines so wichtigen Mitglieds. Danach müsste das IOK entscheiden, ob es Russlands Leichtathleten von den Spielen 2016 fernhielte – falls die Russen die Reformvorgaben nicht zufriedenstellend vollzögen.

Frankreichs Justiz ermittelt

Der Wada empfiehlt die Kommission, die russische Anti-Doping-Agentur auszuschliessen, weil sie Teil des Problems sei. Erst wenn diese Behörde «reinen Tisch» gemacht habe, solle sie die Wada wieder aufnehmen – ebenso wie das ­Anti-Doping-Labor von Moskau. Pound glaubt, dass Russland mehrere Monate benötigen würde, bis es diese Bereiche neu aufgebaut hätte. Vehement konterte er eine Journalistenfrage, ob diese vorgeschlagenen Strafen nicht etwas gar mild ausfallen würden. Russland müsse sich bei Annahme der Massnahmen sputen, wolle es bis Rio 2016 ein Leichtathletik-Team dabeihaben, findet Pound.

Klar machte er auch: Die Missstände in der Leichtathletik sind mit diesem ­Bericht nicht restlos aufgearbeitet. Die französische Justiz recherchiere dank der Kommissionsinformationen nun im grossen Stil – allenfalls über die Leichtathletik hinaus. Ein an Skandalen ohnehin schon reiches Sportjahr wird darum seine Fortsetzung finden.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.11.2015, 23:35 Uhr)

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