Erst Crystal Meth, dann Weltspitze

Mit 19 war Luvo Manyonga der weltbeste Junioren-Weitspringer. Dann brachten ihn Drogen fast um. Jetzt ist er zurück – und wie!

In der Sandgrube hat Luvo Manyonga im Kampf mit sich selbst wieder zum Erfolg gefunden – und zu neuen Aussichten. Foto: John Thys (AFP)

In der Sandgrube hat Luvo Manyonga im Kampf mit sich selbst wieder zum Erfolg gefunden – und zu neuen Aussichten. Foto: John Thys (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Luvo Manyonga die Kumpels wie Fliegen wegstarben, war sich der ­Drogenabhängige sicher: Auch er würde bald sterben. Das war vor fünf Jahren. Inzwischen ist der 26-jährige Südafrikaner der beste Weitspringer der Welt, was er am Samstag beim Diamond-League-Meeting in Shanghai abermals belegte: 8,61 m weit flog er, gar 8,65 m waren es im April gewesen. Seit acht Jahren kam kein Horizontalflieger der Leichtathletik mehr an eine solche Weite heran.

Ausgerechnet dem früheren Schwerstsüchtigen attestieren die Weitsprung-Kenner das Potenzial, dass er den Weltrekord von Mike Powell (8,95 m) aus dem fernen 1991 verbessern könne. Manyonga sagt über sich: «Ich kann nur eines im Leben: weit springen.» Er hat dieses Talent aufs Extremste strapaziert und sich nur dank väterlicher Freunde auf den Beinen halten können – im ­direkten Wortsinn. Dabei schien dieser Schlaks aus einem Township eine Stunde nordöstlich von Kapstadt dank seines Talents viel Glück zu haben: Mit 19 gewann er an der Junioren-WM den Titel, konnte also mit einem Stipendium und dem Wegzug aus der Armut rechnen, die auch von Kriminalität, Drogen und Arbeitslosigkeit geprägt war.

Die Mutter musste die drei Kinder als Haushälterin durchbringen, weil ihr Mann keine Arbeit fand. Der Sohn profitierte als Teenager von einem Leichtathletik-Trainer, der ihn wie ein eigenes Kind behandelte, ihn sportlich förderte, vor allem aber vor der Gewalt und den Drogen schützte. Marius Smith hiess der Coach und war sein Leuchtturm. Doch als sein Schützling an der ersten Elite-WM 2011 bereits den fünften Platz holte und solides Geld verdiente, entglitt ihm der Youngster: Manyonga verprasste sein Geld mit Crystal Meth, hielt Trainingstermine nicht mehr ein und überwarf sich letztlich mit Smith.

Der gütige Ire

Der Tiefpunkt dieser emotionalen Beziehung folgte 2014, als Smith auf dem Weg zu Manyonga bei einem Autounfall starb – und der Ziehsohn das Begräbnis versäumte, weil er auf dem Weg zum Bahnhof auf alte Kollegen traf, mit ihnen Crystal Meth rauchte und im Rausch den Zug verpasste. Manyonga befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer fragilen, aber perspektivenreichen Situation.

Ein Jahr davor, also 2013, hatte ein Ire von diesem Wunderweitspringer und Süchtigen gehört. John McGrath lebte seit 2010 in Südafrika, war Krafttraining-Spezialist, Gewichtheber und Muskelmann. Er konnte Telefonbücher zerreissen wie unsereiner Papierseiten. Das ­Leben Manyongas faszinierte McGrath, er wollte ihm helfen. Also spürte er den damaligen Drögeler mithilfe des örtlichen Pfarrers auf und bot ihm einen Anker. Der Jüngling griff zu und erhielt von McGrath eine Fürsorge, wie er sie davor nur von Smith erfahren hatte.

McGrath kettete ihn während des körperlichen Entzugs quasi an sich, lebte 24 Stunden am Tag mit Manyonga – und führte ihn wieder mit seinem früheren Weitsprung-Coach Smith zusammen. Denn McGrath hatte keine Ahnung vom Springen, brachte Manyonga aber fit und konnte ihn von den Drogen fern­halten. Innerhalb einiger Monate sprang Manyonga wieder so weit, dass er sich für die Commonwealth Games 2014 in Glasgow qualifizierte. Weil der Verband aber entscheidendes Papiermaterial nie bekommen oder verlegt hatte, musste er daheim bleiben.

Manyonga rauchte Crystal Meth, verpasste den Zug und damit das Begräbnis seines Coachs.

Manyonga drohten die Ziele abhandenzukommen, er in die Sucht zurückzufallen, als ihn ein regionaler Reporter besuchte und porträtierte: «Die Unmöglichkeit, Luvo zu lieben» hiess der Artikel und brachte die entscheidende Wende. Im Text stand: «Entweder stirbt dieser junge Mann mit 30 – oder er wird an Olympischen Spielen auf dem Podest stehen.» Manyonga stand auf dem Podest. Er gewann im letzten Jahr die Silbermedaille. Mehr dazu später.

Als Reaktion auf den Artikel erhielt Manyonga ein Stipendium an der Universität von Pretoria. Dort kümmerten sich Leichtathletik-Spezialisten um seine Entwicklung, zudem liegt Pretoria am anderen Ende des Landes, also weit weg von Manyongas Problemen. In diesem neuen Setting, zu dem auch eine Therapie für ehemalige Drogensüchtige gehörte, entwickelte sich der Athlet in Siebenmeilenstiefeln – und weg vom ­Förderer John McGrath.

Mittlerweile haben die beiden keinen Kontakt mehr, weil es Manyonga so wünscht. Warum er sich von seinem Retter relativ jäh abwendete, hat dieser nie erfahren, obschon er Manyongas ­Familie weiter nahesteht. Er glaubt, die jetzige Crew um Manyonga wolle diesen neu ­erfinden, darin hätten er und die ­Abgründe in Manyongas Leben keinen grossen Raum.

«Redet von meiner Zukunft»

Für die These sprechen Aussagen von Manyonga. Gleich nach seinem Silber-Coup in Rio, bei dem ihm bloss ein ­Zentimeter zu Gold fehlte, wünschte er: «Bitte sprecht nicht immer über meine Vergangenheit. Die Drogen gehören nicht mehr zu meinem Leben. Redet doch von meiner Zukunft, sie zählt.» So nachvollziehbar dieser Wunsch ist, die Drogen haben den Lebenslauf dieses Sonderbegabten nun einmal geprägt und beeinflussen ihn weiter. Kürzlich liess sein Management verlauten, er habe ein weiteres Programm aufgenommen, um sein Leben weiter zu stabilisieren. Denn Manyonga sagt selber: «Ich werde immer ein Ex-Süchtiger sein, also muss ich daran arbeiten, dass ich nie einen Rückfall erleide.»

Das Umfeld in Pretoria bietet ihm dabei Halt und Orientierung, sodass der inzwischen sehr populäre Athlet im Land vor allem seine Leidenschaft leben kann. Dass er dabei über die Unbekümmertheit und Nervenstärke eines Champions verfügt, bewies er im letzten Jahr an seinen ersten Olympischen Spielen. Ausgerechnet sein Trainer, seine engste sportliche ­Bezugsperson, schien wegen eines Staus nicht rechtzeitig ins Stadion zum Final zu gelangen. Viele Athleten und Olympianovizen hätte eine solche Situation überfordert. Manyonga aber überzeugte von Beginn weg und sprang mit 8,37 m gar so weit wie nie zuvor. Erst der Amerikaner Jeff Henderson bezwang ihn mit seinem finalen Sprung um diesen einen Zentimeter.

Manyongas Eltern erlebten die definitive Auferstehung ihres Sohnes im Stadion: Ihre Gemeinde hatte so viel Geld, gesammelt, dass sie sich den Flug und die Unterkunft in Rio leisten konnten. Inzwischen verdient der Filius so gut, dass er sie unterstützen kann. John McGrath, sein wichtiger Wegbegleiter, wünschte ihm nach dem Silber in einem bewegenden Filmchen alles Glück. Luvo Manyonga wird es brauchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 12:46 Uhr

Von Maradona bis Dennis Rodman

Drogenabhängige Spitzensportler

Diego Maradona Der Argentinier kokste über viele Jahre seiner Karriere – selbst zu seiner erfolgreichsten Zeit als Fussballer. Dass er nur einmal positiv auf Kokain getestet wurde (aber 1994 auf Ephedrin), ist nur mit den laschen Tests jener Zeit ­erklärbar. Maradona kämpfte auch nach dem Rücktritt mit seiner Sucht.

John Daly Der begnadete Golfer und Longhitter musste seine Karriere immer wieder wegen seiner Alkoholprobleme und seiner Spielsucht unterbrechen. Mehrmals unterzog sich der Amerikaner einer Reha. Der 51-Jährige spielt zurzeit erfolgreich auf der Seniorentour.

Lionel Sanders Der Kanadier zählt zu den weltbesten Langdistanz-Triathleten. Das war nicht immer so: Der 29-Jährige rutschte von weichen in harte Drogen ab, war lange alkohol- und kokainabhängig. Vor vier Jahren schaffte der begnadete Rennvelofahrer seinen internationalen Durchbruch.

Dennis Rodman Der US-Basketballer galt zu seiner Aktivzeit als Lebemann und Enfant terrible. Rodman, aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen, war mehr als ein Exzentriker: Jahrelang griff er intensiv zur Flasche. Auch nach dem Rücktritt verfiel er dem Rausch. (cb)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Lass mich nicht im Regen stehen: Bundeskanzlerin Angela Merkel wird vom Regen überrascht als sie die Wagner-Oper an den Bayreuther Festspielen anhören will. (25.Juli 2017)
(Bild: Michaela Rehle) Mehr...