Das vielfältige Gesicht des Silvesterlaufs

Tadesse Abraham gewinnt die Jubiläumsaustragung, doch Siegerinnen und Sieger gibt es über 21 000.

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Die Grasshoppers haben am Sonntagnachmittag im Letzigrund gespielt, der ZSC im Hallenstadion, der EHC Kloten in der SwissArena – und gleichzeitig machten 21 449 Läuferinnen und Läufer die Zürcher Altstadt zu ihrem Freiluft­stadion. So viele trugen dazu bei, dass die 40. Austragung des Silvesterlaufs trotz mässigem Wetter die bisher grösste war und nicht ein Gesicht, sondern ganz viele mit ihren eigenen Geschichten hatte.


Wettkampf und Run for Fun – Bestzeit oder Spass

Es sind die beiden Extreme, welche die Veranstaltung für die Zuschauer so attraktiv machen. Es sind die Ambitionierten am Start, denen die Anspannung ins Gesicht geschrieben steht, die Uhr am Handgelenk gnadenlos Sekundenbruchteile zählt, jene, die sich den Druck selber auferlegen, an diesem Abend sagen zu können: Weihnachtszeit, Bestzeit! Und es sind die anderen, die genau das Gegenteil suchen (und immer finden): Spass, Geselligkeit und ein wenig Schabernack. Es sind laufende Fasnachts­gesellschaften, die mit offenbar grenzenloser Fantasie noch mehr Farbe und Formen in die Masse tragen. Die Zeit ist an diesem Abend kein Faktor, wer sie sich jetzt nicht nimmt, verpasst etwas.

(Video: Vera Kluser)


Tag und Nacht – Tristesse und Lichtermeer

Es gibt Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die trotz viel Erfahrung in Zürichs Gassen die zweite (oder auch erste) Halbzeit des Tages bisher immer verpassten. Noch nie erlebten, welch anderen Charakter der Lauf annimmt, wenn am frühen Abend der Lichterhimmel den leichten Anstieg am Rennweg vergessen lässt, die weihnachtlich erleuchteten Kugelbäume dem nüchternen Limmatquai einen grossstädtischen Touch verleihen, und die Bahnhofstrasse und ihr feines Lichtermeer davon ablenken, dass man da entlang den Schaufenstern laufend zur Randerscheinung wird. Es ist tatsächlich wie Tag und Nacht, wann man sich in die Startlöcher begibt. Nachmittags um drei wirkt noch jede Tramschiene bedrohlich, scheint das Nadelöhr beim Central noch immer ein ausgeprägtes, und fällt viel mehr ins Gewicht, wie blau, grau, strahlend oder verhangen der Himmel sich präsentiert. Und: Sind diese Absperrgitter alle neu? Ist es abends tatsächlich kälter? Bei so vielen Fragen gibt es nur eines: ein Kategorienwechsel und ganz neue Eindrücke.


Alt und jung – Kaum Zweifel an der Zukunft

Der Nieselregen hat eben eingesetzt, als kurz nach elf Uhr die Talentschau im Schweizer Laufsport beginnt. Noch nicht alle sind Dreikäsehoch, doch alle haben Mami, Papi, Grosi oder Opa dabei, die steile Strehlgasse auf der kleinen Runde bedeutet für viele der erste Bergpreis im Leben. Irgendwie kann man gar nicht mehr daran zweifeln, dass der Schweizer Leichtathletik bei so viel Nachwuchs gute Zeiten bevorstehen.


Sieger und Siegerin – Abraham und Chepkwony

Erstmals wird das Rennen der Elite nach dem Motto «den Letzten beissen die Hunde» ausgetragen. Es ist ein spektakulärer Modus für die Zuschauer und ein harter für die Läuferinnen und Läufer. Auch für Halbmarathon-Europameister Tadesse Abraham, der mit 20 anderen losläuft, von OL-Spezialist Matthias ­Kyburz im Schnellzugtempo über die ersten Runden ums Fraumünster geführt wird und dann einen um den anderen hinten abfallen sieht. Abraham hat einen fixen Plan: Attackieren und gewinnen. Etwas anderes lässt der 34-Jährige vom LC Uster derzeit nicht zu. Souverän distanziert er die letzten Gegner und läuft zum vierten Sieg nach Basel, Genf und Sion. Ein Wermutstropfen dennoch: «Dass ich Bulle nicht gewonnen habe, nervt schon», sagt er. Noch nie so nervös vor einem Rennen ist ­Martina Strähl, die letztjährige Siegerin. «Ich hatte riesigen Respekt vor den Zwischensprints, aber es war dann doch nicht so schlimm», sagte sie. Zu Platz 1 reicht es nicht, Betty Chepkwony aus ­Kenia gewinnt zum ersten Mal und strebt nun an, was ihre Schwester schon erreichte: Vier Triumphe.


Erinnert sich an seinen ersten Lauf: Guido Zwimpfer lief zum 40. Mal beim Zürcher Silvesterlauf mit. Video: Vera Kluser

Hand und Fuss – Die Engel der Strecke

Dass heute nicht alle mit einem blauen Fleck am linken Oberschenkel auf­stehen, haben wir Manja zu verdanken. Sie gehörte zum Sicherheitsdienst und stand bei der kleinen Kurve beim Blumengeschäft am Paradeplatz. Ihre Aufgabe war einzig, ihre Hand schützend auf die spitze Ecke eines hohen Blumentrogs zu legen. Auf dass der Fussmarsch heil weitergehen konnte.


Kalt und heiss – Der Körper, das Heizkraftwerk

An diesem Sonntag haben auch Kappen, Handschuhe und Schals Ausgang. Ob auch lange Unterhosen unterwegs waren – so genau wollte das dann niemand wissen. Die Kälte schleicht sich in die Knochen, noch bevor das Startgelände erreicht ist. Nur jetzt los! Und dann geschieht, was immer geschieht, wenn man den ersten Kilometer hinter sich hat und vielleicht noch den ersten Anstieg hinter der Polizeiwache hinauf: Langsam wird einem warm, die Füsse fühlen sich wohler, wie lange geht es, bis der erste Schweisstropfen fliesst? Kaum eine Stunde später im Ziel sind 600 Kalorien verbrannt, die Muskeln spielten Heizkraftwerk. Das Lachen fällt leicht, und die Frage drängt sich unvermeidlich auf: Wieso nur schleppt man so viel Kleidung mit sich herum?


Pechvogel und Glückspilze – Wofür man nichts kann

Ein Einladungsrennen! Eingeladen für solche Wettkämpfe sind andernorts die Besten, die Herausragendsten, die Bekanntesten. In Zürich sind es jene, die gar nichts dafür können, dass sie in diesem Jahr 40 Jahre alt geworden sind und im gleichen Jahr Teil der Welt wurden wie die Veranstaltung selber: 1977. 453 Glückspilze sind am Start und laufen 1,5 km im Plaudertempo. Einen Pech­vogel aber hat der Tag auch hervor­gebracht: Diana Sujew prägt im Elite­rennen der Frauen lange das Tempo, wegen Seitenstechens muss die Deutsche aber einen kurzen Halt einlegen (ja, das passiert auch der Elite!) und wird danach von der Jury wegen eines Missverständnisses aus dem Rennen ­gebeten. Um nur wenig später wieder auf die Strecke geschickt zu werden. Rang 2 ist da weg, es wird Platz 4 und eine grosse Enttäuschung. Was da alles drin gelegen hätte! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.12.2016, 13:58 Uhr

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