Aus dem Garten der Eltern an die Weltspitze

Jeremy Seewer (22) ist einer der besten Motocross-Fahrer. Der Bülacher hat sich den WM-­Titel zum Ziel gesetzt.

Vorneweg: Jeremy Seewer auf dem Weg zu seinem ersten WM-Sieg. Foto: Suzuki Racing

Vorneweg: Jeremy Seewer auf dem Weg zu seinem ersten WM-Sieg. Foto: Suzuki Racing

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Hemdsärmlig, improvisiert, gebastelt. Das war einmal. Damals, als Jeremy ­Seewer zusammen mit seinem Bruder Roger im Garten des Elternhauses begann, Hügel aufzuschütten. Hier, wo die Hauptstrasse zwischen Rorbas und Glattfelden eine starke Kurve macht, hier, wo sich niemand daran stören würde, was sie einst auf diesen zehn Erhebungen treiben sollten. Monatelang schufteten sie, jede freie Minute.

Als das Werk vor sieben Jahren vollbracht war, holten sich die Brüder den verdienten Lohn ab, schwangen sich auf die Sättel ihrer Motocross-Maschinen und drehten Runde für Runde, trieben sich gegenseitig an, stundenlang. Als es eindunkelte, putzten sie ihre Motor­räder, schraubten in der Werkstatt des Vaters weiter, bis spätabends. Immer den grossen Traum vor Augen: Motocross-Profis, das wollten sie werden.

50'000 Kilometer im Camper

Vater René, einst selber Rennfahrer, und Mutter Anita, glühende Anhängerin des Sports, taten alles dafür, dass aus den Bubenträumen irgendwann Realität werden könnte. Ihr grosses Handicap: der Wohnort, die Schweiz, motorsportfreie Zone – so gut wie. 50'000 Kilometer legten die Seewers jährlich in ihrem Camper zurück, trainierten in Italien, in Belgien, fuhren von Strecke zu Strecke, durch ganz Europa. Jeremy, der Jüngere, näherte sich der Spitze, er fuhr Rennen in der EM, hatte 2013 erste Gastauftritte auf der grössten Bühne, der WM – während er nebenbei die Lehre zum Polymechaniker absolvierte. Die Belastung war gross. Der Antrieb ebenso. «Ich trage diesen Ehrgeiz in mir, ich habe das im Blut», sagt Seewer, mittlerweile 22. «Ich wollte mir selber beweisen, dass ich es kann, wollte immer der Beste sein.»

Er war es oft – und dem Durchbruch nahe, davon waren längst nicht mehr nur die Seewers überzeugt. Das Werksteam von Suzuki unterbreitete dem jungen Zürcher einen Vertrag. 2014, mit 17, bestritt er seine erste WM-Saison in der MX2-Klasse, der zweithöchsten.

Der erfüllte Bubentraum

Hemdsärmlig, improvisiert, gebastelt? Das war einmal. Mechaniker kümmern sich seither um seine Maschine, es gibt einen Spezialisten für die Federung, einen für die Motoren, einen für die Elektronik, 25 Leute betreuen die vier Fahrer bei Suzuki. «Ich kann mich zu 100 Prozent auf meinen Job konzentrieren», sagt Seewer. Ja, auf seinen Job, der Bubentraum, er ist in Erfüllung gegangen.

Während Roger Seewer nationale Rennen bestreitet, lauten Jeremy Seewers Destinationen: Katar, Argentinien, Mexiko, USA oder Indonesien – wie vor zehn Tagen. Eine Schlammschlacht lieferten sich da die besten Motocross-Piloten der Welt, sie wühlten sich durch tiefen Morast. Seewer tat das am erfolgreichsten: Er gewann sein erstes WM-Rennen.

Sein «Lebenswerk»

All die Zeit, diese Stunden im Camper, auf dem Motorrad im Garten der Eltern, all das Schrauben, das Werkeln, es zahlte sich an diesem einen Tag aus. «Lebenswerk» nennt Seewer das, was ihm in Indonesien gelungen ist, ein Werk, das nur entstehen konnte, weil er sein ganzes Leben darauf ausgerichtet hatte. «All die Gefühle, die da zusammen­kamen – unglaublich. Ich kann es nicht beschreiben», sagt er.

Nun ist Seewer nicht einer, der seinen Emotionen freien Lauf lässt, er ist ruhig, abgeklärt. Er habe sich gleich gefragt: «Wars das jetzt? Es muss doch weiter­gehen. Ich muss mehr Rennen gewinnen, der WM-Titel muss mein Ziel sein.» Darauf arbeitet er hin. Nach 2 von 20 Destinationen liegt er auf Rang 2. Er will sein letztes Jahr in der 250-cm3-Serie krönen, 2018 folgt der Aufstieg in die MXGP, in die Königsklasse mit 450er-Maschinen, der Vertrag mit Suzuki läuft bis 2019.

Sand und Vulkanstaub

Mit einem Titel dort anzukommen, es würde helfen. Am Wochenende möchte er in Argentinien den nächsten Schritt tun. Dort warten andere Bedingungen auf die Fahrer als noch in Indonesien, «eine Mischung aus Sand und Vulkanstaub», beschreibt Seewer.

Er überlässt nichts dem Zufall. Im Winter und oft auch im Sommer lebt er im belgischen Lommel, wo sein Team den Sitz hat und er umgeben ist von ­Motocross-Strecken. In den letzten Tagen hat es dort oft geregnet, kurzerhand flogen sie daher nach Italien, wo sie am Sonntag und Montag trainierten. «Dort ist die Bodenbeschaffenheit ähnlich wie in Argentinien», erklärt Seewer.

Improvisiert? Gebastelt? Das war einmal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2017, 22:22 Uhr

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