Der Rennfahrer der Stunde

Sébastien Buemi fährt die Saison seines Lebens. Nun soll es auch beim Klassiker in Le Mans aufgehen – endlich.

Voll angreifen, aber gleichzeitig einen Unfall verhindern: Buemi (28) sucht den «richtigen Kompromiss». Foto: Lukas Mäder (Red Bull)

Voll angreifen, aber gleichzeitig einen Unfall verhindern: Buemi (28) sucht den «richtigen Kompromiss». Foto: Lukas Mäder (Red Bull)

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Heute, 15 Uhr, Startschuss zur grossen Schinderei. Im Auto staut sich die Hitze in den folgenden Stunden, der Schweiss läuft in Bächen, die Kräfte bei diesem Temporausch mit bis zu 340 km/h setzen dem Körper zu, drei Kilogramm wird er an Gewicht verlieren. Erholung gibt es nicht. Stattdessen ununter­brochene Konzentration, die kleinste Unachtsamkeit kann böse enden.

Der Verkehr zehrt an den Nerven, 59 andere Autos sind gleichzeitig unterwegs auf der 13,6 Kilometer langen Piste, viele langsamer, sie kämpfen in tieferen Kategorien um den Sieg, manche sind Amateure. Ausscheren, lichthupen, hoffen und bangen, dass der Vorausfahrende in den Rückspiegel schaut und richtig reagiert. Achtmal das gleiche Spiel, achtmal hoffen und bangen, Runde für Runde, vier Stunden lang. Erst bei brütender Hitze, später in der tiefen Nacht, wenn ausser den Lichtern der Autos kaum etwas zu sehen ist – bis ein Teamkollege das Steuer übernimmt.

«In einem Rennen erlebe ich Hunderte brenzliger Situationen», sagt ­Sébastien Buemi, zum sechsten Mal am Start des legendären 24-Stunden-Rennens von Le Mans. «Die grösste Herausforderung ist es, den richtigen Kompromiss zu finden zwischen vollem Angriff und dem Verhindern eines Unfalls.»

In dieser Woche beobachtete der Westschweizer die Piloten genau, schaute sich ihre On-board-Kamera­aufnahmen an, studierte ihr Fahrverhalten, sprach mit anderen Fahrern. «Aufpassen bei diesem Ferrari», heisse es dann etwa. «Von Tag zu Tag sehe ich besser, wer gefährlich werden könnte. Im Rennen muss ich die Amateure erkennen, dann nochmals etwas mehr Spielraum geben, damit ich Platz und Zeit habe, wenn er sich abrupt bewegt», sagt Buemi. Ein Balanceakt über Stunden für die Fahrer der LMP1-Boliden, der höchsten Kategorie der Langstrecken-WM.

Das Drama im letzten Jahr

Diese findet in Le Mans ihren frühen ­Höhepunkt. Zwei von neun Rennen sind gefahren, 6 Stunden in Silverstone und Spa-Francorchamps. Buemi und seinen Toyota-Teamkollegen Anthony Davidson und Kazuki Nakajima ist ein Start nach Mass geglückt, sie siegten in England und in Belgien. Nun wollen sie auch bei dem Rennen zuschlagen, das Jahr für Jahr eine Viertelmillion Menschen an die Strecke im Nordwesten Frankreichs lockt.

Hier werden Helden geboren, entstehen Legenden, spielen sich Dramen des Motorsports ab. So wie im letzten Jahr. Mittendrin: Buemi. Sie hatten bereits zum Jubel angesetzt in der Toyota-Box, 23:55 Stunden waren gefahren. Das Auto mit der Nummer 5 führte ungefährdet, der Triumph: so nah. Und plötzlich: weit weg. Nakajima, Buemis Kollege, hätte einen grossen Moment am Steuer erleben sollen, stattdessen blieb der riesige Frust. Der Japaner wurde immer langsamer und musste das Auto in der vorletzten Runde auf der Start- und Zielgeraden abstellen, technischer Defekt. Porsche mit Buemis Landsmann Neel Jani erbte.

«Ich hatte das Gefühl, in der Formel 1 einen guten Job gemacht zu haben. Aber Red Bull bezahlt, Red Bull entscheidet.»

Es war einer der bittersten Momente in der Karriere des Waadtländers. Zweiter und Dritter ist er bei dem Rennen schon geworden, das neben dem ­Formel-1-Grand-Prix von Monaco und den 500 Meilen von Indianapolis zu den prestigeträchtigsten des Automobilsports gehört. Gewonnen aber hat es der 28-Jährige noch nie. Nichts will er in diesem Jahr mehr als das. Nicht nur, um zu einem exquisiten Kreis an Rennfahrern zu gehören, sondern vor allem deshalb: «Toyota versucht seit 32 Jahren vergeblich, hier zu gewinnen. Ich will für das Team siegen. Mehr als für mich.»

Die Ausgangslage ist gut: Toyota ­Gazoo Racing, das in diesem Jahr drei Autos stellt, sicherte sich im Qualifying die Plätze 1, 2 und 5 – Buemis Team wird als Zweites starten. Die Poleposition für seine Mannschaft holte der ehemalige Sauber-Pilot Kamui Kobayashi. 3:14,791 Minuten brauchte er für die 13,6 Kilo­meter, Streckenrekord mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 251 km/h.

Alles läuft rund – oder?

Doch irgendwie würde es nicht zu diesem Jahr von Sébastien Buemi passen, wenn nicht er derjenige sein würde, der die Japaner erlöst. Der Jungvater – sein Sohn Jules wurde im Februar eins – fährt gerade die Saison seines Lebens. Neben den Siegen in der Langstrecken-WM gewann er in der Formel E sechs von acht Rennen und ist auf bestem Weg, seinen Titel in der Elektroserie zu verteidigen. «Ich bin sehr zufrieden», sagt er, «überhaupt mit meiner Situation.» Sagts, und schaut sich um im grosszügigen Raum mit Tischen und Stühlen, den Toyota im Fahrerlager von Le Mans errichtet hat, um Gäste zu bewirten.

Soeben ist er aus dem oberen Stock ­gekommen, wo jeder Fahrer sein Zimmer hat, alles ganz schön gross. Dort oben wird er sich in den Pausen während des Rennens aufhalten und die Ruhe geniessen, «um Kraft zu sparen». Erst eine halbe Stunde vor seinem nächsten Einsatz wird er sich in die Box begeben, «ab ins Auto, Job erledigen, fertig». 2012, beim Debüt, habe er noch alles vom Rennen mitbekommen wollen. «Ich schaute es mir an, wollte mit allen sprechen, es war schlimm. Ich war schon ganz am Anfang des Rennens völlig ­kaputt. Ich habe gelernt, mit meinem Energiehaushalt besser umzugehen.»

Buemi ist ein gestandener Fahrer, startet in Le Mans für das derzeit beste Team, fährt in der Formel E der starken Konkurrenz davon – alles läuft rund. Doch so ganz glücklich ist Buemi nicht. Etwas lässt ihn nicht los. Die Formel 1, diese verpasste Chance damals, als er bei Red Bulls Schwesterteam Toro Rosso von 2009 bis 2011 einen Stammplatz hatte.

«In einem Rennen erlebe ich Hunderte brenzliger Situationen. Ich muss die Amateure erkennen und mehr Spielraum geben.»

Zu Beginn lief es noch ganz gut für den Romand, bereits im ersten Rennen in Australien gewann er als Siebter Punkte, er hielt mit seinem erfahrenen Teamkollegen Sébastien Bourdais mit, der Mitte Saison gehen musste. 2010 setzte er sich auch gegen seinen neuen internen Widersacher Jaime Alguersuari durch – ehe beide Ende 2011 kein Cockpit mehr erhielten. «Ich hatte das Gefühl, einen guten Job gemacht zu haben. Aber Red Bull bezahlt, Red Bull entscheidet», sagt Buemi. Er bemüht sich um Diplomatie. Schliesslich hat er seinen Job immerhin so gut erledigt, dass die Österreicher weiter zu seinen Arbeitgebern gehören. Als Test- und Ersatz­fahrer von Toro Rosso und Red Bull arbeitet er vor allem im Simulator.

Bald darf er auch wieder in einem ­Formel-1-Auto Platz nehmen. Ende ­Monat absolviert er auf dem Circuit Paul Ricard die Reifentests im RB13. Für zwei Tage atmet er dann die Luft der Königsklasse, die er so vermisst. Und mit der er noch nicht abgeschlossen hat. «Aber ich will nicht um jeden Preis zurück. Es müsste schon ein gutes Team sein. Um den 15. Platz zu kämpfen, macht auch in der Formel 1 keinen Spass», sagt Buemi.

Ganz anders soll die Gefühlslage an diesem Wochenende sein. Buemi hofft, dass diesmal nicht nur die Fahrer ­gewappnet sind, sondern auch das Auto – für die ganzen 24 Stunden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 23:17 Uhr

94 Jahre Le Mans

Zwischen Triumph und Tragödie

Die Strecke

Als 1923 erstmals gefahren wurde, war die Strecke 17,3 km lang und führte durch die Innenstadt. Seit 1932 wird diese zwar gemieden, öffentliche Strassen machen aber auch heute noch einen Grossteil des Kurses aus (9,2 der 13,6 km). Die vielen Geraden und 38 Kurven bewältigen die Schnellsten mit einem Durchschnittstempo von knapp 250 km/h und einer Höchstgeschwindigkeit von 340.

Die Autos

In den höchsten Kategorien wird mit Le-Mans-Prototypen gefahren, kurz: LMP. Es gibt die LMP1 und die schwächere LMP2. In der LMP1 werden wie in der Formel 1 verschiedene Arten von Energierückgewinnungs­systemen eingesetzt, der Hybrid-Antrieb leistet bis zu 1000 PS. In 2,2 Sekunden beschleunigt das Auto von 0 auf 100 km/h, nach 4,8 Sekunden ist die 200er-Marke erreicht. Neben den 31 LMP-Autos sind 29 weniger leistungsstarke GT-Autos am Start.

Die Schweizer

Neben Buemi ist in der LMP1-Klasse mit Vorjahressieger Neel Jani (Porsche) ein weiterer Schweizer am Start. In der LMP2-Kategorie sind das Schweizer Team Vaillante Rebellion und vier Fahrer gelistet: Mathias Beche, Jonathan Hirschi, Simon Trummer und Hugo de Sadeleer. In der GTE-Kategorie sind es zwei: Dreifachsieger Marcel Fässler, der nach dem Rückzug von Audi eine Alternative fand, und Thomas Flohr im Schweizer Team Spirit of Race.

Die Erfolgreichsten

Der Däne Tom Kristensen wurde in Le Mans zum Dauersieger. Neunmal gewann er das Rennen zwischen 1997 und 2013. Ähnlich erfolgreich war nur Rennlegende Jacky Ickx mit sechs Siegen. Der Schweizer Marcel Fässler triumphierte dreimal – zuletzt 2014.

Die Tragödie

1955 kam es zur bislang grössten Katastrophe im Motorsport. Die dritte Stunde war angebrochen, als Leader Mike Hawthorn (Jaguar) in die Box wollte. Er überrundete vorher noch den Austin-Healey von Lance Macklin und bremste dann abrupt ab. Macklin wich nach links aus, von hinten kam Pierre Levegh im Mercedes. Er fuhr auf das Heck von Macklin auf, hob ab und prallte auf einen Erdhügel. Levegh wurde aus dem Auto geschleudert, er überlebte nicht. Trümmerteile flogen in die Zuschauer, der Wagen brannte, 84 Menschen starben. Daraufhin sprach die Schweiz ein Verbot für Rundstreckenrennen aus. (rha)

Eurosport & SRF 2 (Sonntag ab 14.00) live

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