Der Tag, an dem der Formel-1-Held starb
Von Alexander Kühn. Aktualisiert am 05.09.2010
Links
Der Wunsch von Rindts Frau blieb unerfüllt
«Ich traue mir zu, so zu fahren, dass mir nichts passiert. Meine einzige Angst ist es, dass am Auto etwas bricht und ich es deswegen nicht mehr kontrollieren kann. Daher wünsche ich mir, dass die Streckenbetreiber dafür sorgen, dass es für uns Fahrer sicherer wird», sagte Rindt kurz vor seinem Tod zu einem Reporter. Als der Formel-1-Pilot seine Frau daraufhin fragte, was sie sich wünsche, zögerte sie mit der Antwort keine Sekunde: «Dass du damit aufhörst, Rennen zu fahren.»
Nina Rindts Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Als ihr Mann tödlich verunglückte, sass sie mit der Stoppuhr in der Lotus-Box. Es gibt Filmaufnahmen, die jene Minuten dokumentieren. Als Jochen Rindt zum erwarteten Zeitpunkt nicht an ihr vorbeifährt, wird Nina nervös. Sie läuft mit angstvoller Miene hin und her. Schliesslich überbringt ihr Jacky Stewart, gleichzeitig Konkurrent und guter Freund ihres Mannes, die Nachricht vom tödlichen Unfall.
Artikel zum Thema
Stichworte
«Bis zu Jochens Tod am Samstagnachmittag war es ein ganz normales Wochenende. Ich habe noch gesehen, wie er sich mit seiner Frau Nina unterhalten hat, die auf der Boxenmauer sass, dann ist er zum Auto gegangen, hat den Helm aufgesetzt und ist weggefahren. Das sind die letzten Bilder, die ich von ihm im Kopf habe», sagt Rainer Schlegelmilch im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.
Wenig später nahm die Tragödie ihren Lauf: Wegen einer gebrochenen Bremswelle geriet Rindts Lotus beim Anbremsen der Parabolica-Kurve ins Schleudern, prallte mehrmals gegen die Streckenbegrenzung und zerschellte schliesslich. Die Beine des grossen österreichischen Grand-Prix-Piloten ragten aus dem Wrack heraus. Auf dem Weg ins Krankenhaus starb er. Als Todesursache stellten die Ärzte eine zerrissene Luftröhre und einen eingedrückten Brustkorb fest.
«Die schlimmsten Momente, die man erleben kann»
Rainer Schlegelmilch und die übrigen Medienleute, die sich an der Strecke befanden, wussten in den ersten Minuten nach dem Unfall noch nicht von dessen ganzer Tragweite. «Als der Lastwagen mit dem Wrack von Rindts Auto aber ganz langsam angefahren kam, wurde uns klar, was geschehen war», erinnert sich Schlegelmilch. «Es war eindeutig, dass dahinter kein Krankenwagen mehr kommen würde und Jochen tot war. Das sind die schlimmsten Momente, die man als Formel-1-Fotograf erleben kann.»
Aus Angst vor einem Feuerunfall soll Rindt vor dem Abschlusstraining die Sicherheitsgurte nicht richtig angelegt haben. Diese und ein entschlosseneres Eingreifen der Streckenposen hätten ihn womöglich vor dem Tod bewahren können. So aber bezahlte er seine Leidenschaft für das Rennfahren im Alter von nur 28 Jahren mit dem Leben. «Entweder ich werde bei Lotus Weltmeister oder ich sterbe», hatte Rindt einst gesagt - und er behielt tragischerweise doppelt Recht. Da niemand mehr seinen Punktestand erreichte, wurde er als bislang einziger Fahrer postum zum Weltmeister erklärt. Den Pokal nahm seine Witwe Nina in Empfang.
Rindt kannte das Todesrisiko in den gefährlichen Lotus-Boliden
Rainer Schlegelmilch, der die Königsklasse des Motorsports seit 1962 begleitet und deshalb «das Auge der Formel 1» genannt wird, charakterisiert Jochen Rindt als einen Rennfahrer, der bereit war, jedes Risiko auf sich zu nehmen. «Es war bekannt, dass Lotus-Konstrukteur Colin Chapman gefährliche Autos baut, Jacky Stewart hat deshalb auch nie mit ihm zusammengearbeitet», so Schlegelmilch. Rindt tat es, beschwerte sich aber auch öffentlich über die riskanten Konstruktionen seines Chefs, die 1968 Jim Clark das Leben gekostet hatten.
Ein Einzelfall war Jochen Rindt, dessen Eltern im Zweiten Weltkrieg umgekommen waren, mit seiner fatalistischen Einstellung aber nicht. «Die Fahrer waren damals noch keine Chauffeure in sicheren Autos», sagt Rainer Schlegelmilch. «Sie besassen einen Todesmut und wussten beim Einsteigen nicht, ob wie wieder aussteigen würden. Sie lebten daher bedeutend intensiver und pflegten untereinander viel engere Verbindungen.»
«Heute werden die Fahrer gezüchtet»
Der Fortschritt auf dem technischen Gebiet habe dem Rennsport einen Teil seiner Faszination geraubt, findet der Fotograf. «Heute werden die Fahrer unter der Aufsicht der Eltern regelrecht gezüchtet, früher haben die Piloten ihre Laufbahn oft gegen den Willen ihrer Familien eingeschlagen und sogar Autos geklaut, um am Steuer sitzen zu können. Jochen Rindt zum Beispiel ist zweimal von der Schule geflogen, weil er nur das Rennfahren im Kopf hatte.»
Rainer Schlegelmilch hat sich zwar ab und zu mit Rindt unterhalten, einen engen Kontakt zum berühmten Rennfahrer suchte er aber bewusst nicht. «Ich will als Fotograf ja ein unauffälliger Beobachter sein, so komme ich an die besten Bilder», sagt er. «Zu Rindts Witwe Nina habe ich inzwischen aber einen guten Kontakt, da meine Bilder immer wieder in Projekte über ihn einfliessen.»
Schlegelmilch selbst hatte während seiner fast 50-jährigen Tätigkeit als Formel-1-Fotograf natürlich auch eine Reihe brenzliger Situationen zu überstehen. Einmal, so erinnert er sich, bewahrte ihn nur ein Sprung ins Gebüsch davor, von einem Boliden getroffen zu werden. Die Angst ist ihm bei der Arbeit dennoch fremd: «Ich bin gewissermassen wie ein Dieb - ich gehe davon aus, dass ich nicht erwischt werde.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.09.2010, 06:09 Uhr

Sportbilder




