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«Ich bin ein Exot in der Formel 1, gerade als vernünftiger Mensch»

Von Fredy Wettstein und Thomas Widmer. Aktualisiert am 06.03.2010

Peter Sauber hat seinen Rennstall zurückgekauft, weil er auf seinen Bauch hörte. Dabei hat Geschwindigkeit für ihn keinen Reiz.

Peter Sauber: «Jetzt bin ich tatsächlich nicht so sicher, ob ich mein Glück nicht doch überstrapaziere.»

Peter Sauber: «Jetzt bin ich tatsächlich nicht so sicher, ob ich mein Glück nicht doch überstrapaziere.»
Bild: Keystone

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Saisonstart in einer Woche

Letzten Montag, Gewerbezone von Hinwil im Zürcher Oberland, im Hintergrund sieht man die Bachtelantenne. Formel-1-Rennstallbesitzer Peter Sauber (66) empfängt in seiner Firma last minute zum Interview. Er ist auf dem Sprung nach Manama, Bahrain. Dort startet morgen Sonntag in acht Tagen die neue Saison. Und Sauber ist dabei. Vor gut vier Jahren hatte der gelernte Elektromonteur zwar die Firma an BMW verkauft. Doch im November 2009 stieg BMW abrupt aus der Formel 1 aus. Und als man partout keinen Investor fand, stieg Sauber im November wieder ein.

Formel 1: GP Brasillien

NameTeamZeit
1.Mark WebberRed Bull 1:32:17.464
2.Sebastian VettelRed Bull +16.900
3.Jenson ButtonMcLaren +27.600
4.Fernando AlonsoFerrari +35.000
5.Felipe MassaFerrari +1:06.700
6.Adrian SutilForce India+ 1 Runde
7.Nico RosbergMercedes GP+ 1 Runde
8.Paul di RestaForce India+ 1 Runde
9.Kamui KobayashiSauber+ 1 Runde
10.Witali PetrowLotus Renault+ 1 Runde
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Stand: 27.11.2011 19:09

Formel 1: WM-Stand

NameTeamPunkte
1.Sebastian VettelRed Bull392
2.Jenson ButtonMcLaren270
3.Mark WebberRed Bull258
4.Fernando AlonsoFerrari257
5.Lewis HamiltonMcLaren227
6.Felipe MassaFerrari118
7.Nico RosbergMercedes GP89
8.Michael SchumacherMercedes GP76
9.Adrian SutilForce India42
10.Witali PetrowLotus Renault37
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Stand: 27.11.2011 18:41

Herr Sauber, wieso tut sich einer mit 66 die Formel 1 noch einmal an?
Es war die einzige Möglichkeit, das Team und den Standort Hinwil zu retten.

Aber vermisst haben Sie den Rennbetrieb nicht?
Als BMW (BMW 70.02 -0.77%) 2005 übernahm und ich ging, war das eine gute Lösung. Und ich hatte ja immer noch einen Beratervertrag, besuchte gut zehn Rennen pro Saison. Ich hatte keine Entzugserscheinungen.

Sie wären jetzt lieber auf einer Skipiste in den Bergen?
Ganz klar. Die Formel 1 ist ein Risikogeschäft. Das sieht man an all den Teams, die verschwunden sind. Aber wenn man den Entschluss mitzumachen gefasst hat, muss man sich positiv einstellen.

Stimmt es, dass Sie sich im vergangenen November innerhalb von 24 Stunden entscheiden mussten?
Als BMW letztes Jahr versuchte, einen Investor zu finden, lief bei mir im Hinterkopf natürlich schon einiges. Ich ging aber davon aus, dass BMW eine gute Lösung finden würde. Als das nicht der Fall war, hatte ich tatsächlich wenig Zeit. Es waren nicht einmal 12 Stunden.

Mit wem redet man in einer solchen Situation?
Mit meinem alten Finanzchef Urs Jampen. Mit Geschäftsführerin Monisha Kaltenborn, die auf allen Ebenen durchblickt. Und mit Medienchef Hanspeter Brack. Zu viert schätzten wir das ab.

Mit Ihrer Familie sprachen Sie nicht?
Nein. Wenn ich meine Existenz und die meiner Familie gefährden würde, müsste ich natürlich mit meiner Frau reden. Aber so ist das ja nicht.

Wie hat Ihre Frau auf Ihre Entscheidung reagiert?
Was wollte sie dazu sagen?

Haben Sie jetzt noch Geld auf Ihrem Bankkonto?
(er lächelt nur und sagt dann) Ja, ja . . .

Es ist ja doch ein sehr ungewöhnlicher Schritt: Da kauft ein Teamchef sein Team zurück. Und das in schwierigen Zeiten.
Für mich war das eine Bauchentscheidung, der Kopf hätte Nein gesagt.

War es der Bauch des Unternehmers oder des Menschen Peter Sauber?
Beides. Diese Firma ist über 39 Jahre gewachsen, ich habe es miterlebt. Da verspürt man Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern. Es geht nicht nur um deren berufliche Existenz. Manche Leute hier haben viel Lebenszeit in ein Projekt investiert. Sie haben gekämpft. Bei mir arbeitete niemand nur wegen des Lohns, die Sache stand im Vordergrund. Das ist wie anderswo im Sport. Es geht keiner Fussball spielen, weil er Geld verdienen will. Sondern weil er gern Fussball spielt. Und im Übrigen ging es bei meinem Wiedereinstieg auch um den Technologiestandort Hinwil. Wir haben viele junge Leute ausgebildet mit Materialien, an die man sonst gar nicht herankommt.

Zum Beispiel?
Karbon. Man braucht Karbon in erster Linie im Flugzeugbau, vor allem im Militärbereich, das ist zukunftsweisend. Für die zivile Industrie ist der Stoff zu teuer. Bei uns hingegen zählt stets nur eines: möglichst schnell. Und das heisst: leicht und steif bauen. Performancebezogen. Das ist ein tolles Training für Ingenieure und Mechaniker.

Haben Sie Ihr Büro hier in Hinwil behalten, als BMW übernahm?
Nein. Ich wollte nicht jeden Tag an der Firma vorbeifahren.

Hätte es wehgetan?
Ich weiss es nicht. Ich wollte einen Schnitt machen.

Und jetzt ist es doch keiner.
Doch! Ich habe heute ein anderes Verhältnis zur Firma. Ich fühle mich nicht fremd in meinem Büro, aber auch nicht so zu Hause wie früher. Ich bin der Teamchef, aber ich bin operativ nicht mehr verantwortlich.

Wieso stieg BMW letztes Jahr wieder aus?
Es hiess, die Formel 1 entspreche nicht mehr der BMW-Hauptzielrichtung.

Hätte BMW das nicht vorher merken können?
Das Concorde Agreement spielte eine wichtige Rolle, der Grundvertrag in der Formel 1. Er stand wieder zum Unterschreiben an. Und BMW mit seinen prinzipiellen Zweifeln wollte nicht für die nächsten drei Jahre unterschreiben, weil man fürchtete, es könnte dann bei einem Ausstieg zu massiven Schadenersatzforderungen kommen. So zog man kurzfristig den Stecker.

Es folgte die Suche nach dem Investor.
In München bei BMW wählten sie zwei Kandidaten aus. Der eine war fragwürdig, was wir hier früh erkannten.

Sie meinen Qadbak.
Ja. Es gab aber auch noch einen seriösen Investor. Doch die Situation war schwierig. Ein neuer Investor hätte ein Team ohne sicheren Startplatz kaufen müssen. Ohne Formel-1-interne Zuschüsse. Ohne Hauptsponsor. Wie will man da einen Investor gewinnen?

Worauf Sie einsprangen. Der Fussballer Günter Netzer sagte Ihnen kürzlich an einem Anlass: «Schön, Herr Sauber, mit Ihnen hat die Formel 1 wieder ein vernünftiges Gesicht.» Freute Sie das?
Ja. Es ist ein Kompliment.

Sie erkennen sich wieder?
Ich bin ein Exot in der Formel 1, gerade als vernünftiger Mensch. Das ist nun einmal mein Naturell. Mein Exotismus hat aber auch mit dem Standort Schweiz zu tun. Ein Jahr, bevor wir einstiegen, besuchte ich ein paar Formel-1-Rennen und landete in der Box des Engländers Ken Tyrrell. Er sagte mir: «Ich finde es super, dass du ein Team aufstellen willst. Aber von der Schweiz aus? Vergiss es!» Er hätte mir am liebsten aus Mitleid seinen Rennstall verkauft. Dabei bauten wir damals längst Sportwagen für die Weltmeisterschaft und waren technologisch auf Formel-1-Niveau!

Was ist heute Ihr Beitrag zur Formel 1?
Ich sehe mich als gute Ergänzung an.

Punkto Seriosität?
Ja. Und Zuverlässigkeit. Wir sind in einer Zeit, in der über 20 Teams die Formel 1 verlassen haben, standhaft geblieben. Das einzige in Deutschland ansässige Team mit Toyota ist auch weg, in Frankreich ist nichts mehr. Wir Schweizer sind noch dabei.

Beständigkeit als Schweizer Wert?
Durchaus. Jetzt aus der Schweiz ein neues Team aufzubauen, würde aber nicht funktionieren. Ken Tyrrell hatte damals nicht Unrecht. Er wusste nur nicht, was wir in Hinwil haben.

Was haben Sie in Hinwil?
Zum Beispiel haben wir heute einen der besten, wenn nicht den besten Windkanal. Was wir messen, ist in hohem Masse vergleichbar mit der Realität. Der Windkanal ist sehr gross, wir können mit Eins-zu-eins-Modellen einwandfrei testen. Wir haben auch einen Eventbereich, wie es ihn nicht noch einmal gibt, eine einmalige Kombination von Technik und Show. Und alles ist sehr kompakt. Bei Ferrari müssen Sie aus dem Haus und mit dem Auto übers Gelände zum Windkanal. Bei uns ist alles nah beieinander. Das sind wichtige Softfaktoren.

Was kann ein Team wie Ihres in der nächstens anlaufenden WM für ein Ziel haben?
Wir sind realistisch. Das Ziel ist, mit einem um 40 Prozent reduzierten Budget den Stand zu halten. Also ein sechster Platz in der Teamwertung.

Sie sagten, als Sie abtraten: «Es wäre doch jammerschade, ich hätte meine Karriere zum Schluss noch vercheibet.» Besteht nicht die Gefahr, dass Sie es jetzt «vercheiben»?
Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet, und ich habe mein Leben lang immer Glück gehabt. Als ich aufhörte, sagte ich: Ich will das Glück nicht überstrapazieren. Jetzt bin ich tatsächlich nicht so sicher, ob ich es nicht doch überstrapaziere.

Wann sind Sie eigentlich das letzte Mal selber in einem Boliden gesessen?
In Bahrain 2004. Es ging um unseren 200. Grand-Prix, ein Fototermin.

Gaben Sie richtig schön Vollgas?
Ich blieb in der Box. Ich liess nicht einmal den Motor an. Sie schätzen mich falsch ein. Für mich hat Geschwindigkeit keinen Reiz.

Wo ist denn die Faszination der Formel 1, wenn sie nicht im Speed liegt?
Es ist die Technik in der Kombination mit Sport und Zirkus. Aber die Geschwindigkeit, da habe ich Respekt. 1970, als ich noch selber Rennen fuhr und Sportwagen-Schweizer-Meister wurde, musste ich mir richtig zureden, am Berg noch ein bisschen schneller zu fahren. Die Sportwagen später, etwa in Le Mans, die waren mir dann viel zu schnell. Man stelle sich vor, mit 400 Stundenkilometern dort in Le Mans die Waldgerade hinab. Da machte ich mir 1989 schon beim Zuschauen fast in die Hosen.

Wieso fährt der Mensch überhaupt im Kreis herum?
Die, die es machen, haben Spass. Und die, die zuschauen, auch. Es sind immerhin 200 Millionen Menschen alle zwei Wochen. Die Frage nach dem Sinn wird oft gestellt. Aber wir machen so viel Unsinniges im Leben. Der Sinn der Formel 1 ist allein durch die Massen von Begeisterten gegeben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2010, 06:34 Uhr

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