Nicht zu bremsen

Max Verstappen erhitzt mit seinen waghalsigen Manövern die Gemüter in der Formel 1. Doch der 18-Jährige denkt nicht daran, auf Kritiker zu hören.

Enfant terrible mit «Heiligenschein» – so heisst übersetzt der Sicherheitsbügel Halo, den Max Verstappen im Training zum GP von Monza testet. Foto: Charles Coates (Getty)

Enfant terrible mit «Heiligenschein» – so heisst übersetzt der Sicherheitsbügel Halo, den Max Verstappen im Training zum GP von Monza testet. Foto: Charles Coates (Getty)

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Wenn er doch wenigstens Einsicht zeigen würde. Etwas Reue. Man könnte dem Red-Bull-Jungspund vielleicht noch einmal verzeihen. Die Szenen ablegen unter dem Kapitel jugendlicher Übermut, unter Übermotivation, fuhr er doch vor 50'000 Fans in Orange, die nur wegen ihm an die Strecke in Spa-Francorchamps gepilgert waren.

Doch Max Verstappen und Reue? Max Verstappen und Einsicht? Es scheint Wunschdenken zu sein. Der Holländer, der seinem Spitznamen Mad Max in ­letzter Zeit besonders viel Ehre macht, erhitzt die Gemüter in der Formel 1 – die möglichen Übersetzungen für mad: ­wütend, verrückt, wahnsinnig, irre, irrsinnig, bekloppt, tobsüchtig oder beknackt. Der Mann mit den kantigen Gesichts­zügen eckt an, auf der Strecke und eben auch daneben.

wütend, verrückt, wahnsinnig, irre, irrsinnig, bekloppt, tobsüchtig oder beknackt.

Am letzten Sonntag meinte er in der ersten Kurve, seine an die Ferrari-­Piloten verlorene Position wieder zurück­gewinnen zu können, indem er in dieser Spitzkehre, der La Source, innen vorbeizieht. Es war kein Platz für drei Autos. Dann dachte er, es wäre eine gute Idee, Kimi Räikkönen, den einen der beiden Fahrer der Scuderia, bei der gemeinsamen Aufholjagd im hinteren Teil des ­Feldes von der Strecke zu rempeln und wenig später das Überholmanöver des Finnen bei 320 km/h mit einem waghalsigen Schwenker abzuwürgen. Er war einer von wenigen, die das gut fanden, und es ist ihm zu raten, das an diesem Wochenende in Monza vor den heiss­blütigen Tifosi nicht zu wiederholen.

Ein Fall für die Psychiatrie?

Es braucht viel, bis der stoische Kimi Räikkönen mit seinen 36 Jahren laut wird, zumindest für seine Verhältnisse laut. Es sind solche Szenen, wie sie schon zwei Rennen zuvor in Ungarn vorgekommen waren. «Soll ich ihn das nächste Mal gleich vorbeilassen? Offenbar ist ja sein einziges Ziel, mich von der Strecke zu drängen», wütete er also am Funk. Oder: «Kommt schon! Das ist lächerlich! Er fährt mir vors Auto, wenn ich überholen will!» Hinterher sagte ­Räikkönen noch: «Auf alle im Feld kann ich mich verlassen. Nur bei dem einen weiss man nie, was passiert.»

«Auf alle im Feld kann ich mich verlassen. Nur bei dem einen weiss man nie, was passiert.»

Dann polterte auch Niki Lauda vor den Fernsehkameras, wollte den Buben zurück in die Schule schicken. Und schliesslich gar in die Psychiatrie.

Nur eine «höfliche Warnung»

Und Verstappen? Dem war das alles «egal», so sagte das der holländisch-­belgische Doppelbürger. Egal war es ­offenbar auch der Rennkommission des Internationalen Automobilverbandes (FIA), die die Vorfälle während des Grand Prix nicht einmal untersuchte. Aus­sergewöhnlich für das Gremium, das sonst selbst bei Kleinigkeiten dazu neigt, ­Strafen auszusprechen.

Hinter vorgehaltener Hand sagt manch ein Fahrer, man müsse wohl ­Verstappen heissen, um sich das alles leisten zu können. FIA-Renndirektor Charlie Whiting suchte gestern in Monza immerhin das Gespräch mit dem Heisssporn. Es habe «eine höfliche Warnung» von Whiting gegeben, sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner hinterher.

Zuvor hatte der Renndirektor schon gesagt, man hätte Verstappen durchaus die schwarz-weisse Flagge zeigen können, die sogenannte Rüpelflagge, die einen Fahrer wegen unsportlichen Verhaltens verwarnt. Es wäre wenigstens ein Zeichen gewesen.

Verstappens Fahrweise steht für Spektakel

Es scheint so, als wolle man Verstappen nicht allzu sehr einschränken in ­seiner Fahrweise. Denn diese steht auch für Spektakel. Er kann an Stellen über­holen, bei der andere nicht einmal auf die Idee kommen. Dafür ist Jos Verstappen verantwortlich, der Vater, 107-facher Formel-1-­Fahrer. In einem Interview mit Speedweek.com sagte er jüngst, er habe Max als Kind verboten, auf der Kartstrecke auf Geraden zu überholen «oder an Stellen, die mir zu einfach vorkamen». Er habe ihm die entsprechenden Passagen gezeigt, «und das waren eben Kurven, wo die anderen vielleicht nicht angreifen».

Jos Verstappen, der einen genauen Karriereplan für den Junior erstellte, als dieser mit viereinhalb Jahren erstmals in einem Kart gesessen war, förderte und forderte seinen Sohn von klein auf. «Ich weiss, dass ich nicht der Einfachste bin», sagt er, «aber Max konnte das aushalten. Und mit vielen Siegen baute er auch Schritt für Schritt ein gewaltiges Selbstvertrauen auf.»

Verstappen glaubt an sich, an seinen Weg, der ihn schnell nach oben führte. Vielleicht eben ein bisschen zu schnell.

Das wurde nicht kleiner, als er Ende letzten Jahres, nach seiner ersten Saison in der Königsklasse, zum Rookie des ­Jahres, zur Persönlichkeit des Jahres und  für die Aktion des Jahres ausgezeichnet wurde. Er war 2015 der Aufsteiger, das Jahrhunderttalent, wurde mit Lob überschüttet und musste nur dafür Kritik einstecken, dass er in Monaco heftig mit ­Romain Grosjean ­kollidiert war.

Verstappen glaubt an sich, an seinen Weg, der ihn schnell nach oben führte. Vielleicht eben ein bisschen zu schnell.

Bis 2013 noch sass er in einem Kart, ab 2014 in einem Formel-Auto, fuhr in einer Serie namens Florida Winter Series, dann in der europäischen Formel 3, im August wurde er in Red Bulls Förderprogramm aufgenommen, drehte im September seine ersten Runden in einem Formel-1-Auto, stand beim GP von Japan im Freitagstraining für Toro Rosso im Einsatz und debütierte 2015 mit 17 Jahren und 166 Tagen als jüngster Fahrer überhaupt in der höchsten Klasse.

«Blödsinnige Kritik»

Es gab mahnende Stimmen. Viele. Die FIA erhöhte das Mindestalter auf 18 Jahre. Schon das interessierte ihn nicht. So wenig wie seinen Entdecker bei Red Bull, Dr. Helmut Marko, der im ­Gespräch mit der «SonntagsZeitung» sagte: «Was habe ich mir doch von Kritikern für einen Blödsinn anhören müssen: Es sei kriminell, gefährlich, einen so jungen Piloten in der Formel 1 fahren zu lassen.» Und wie der 73-Jährige ihn dann noch beschrieb, passt so perfekt zu dem Bild, das der Draufgänger abgibt: «Wenn man in diesem Sport erfolgreich sein will, braucht es einen Egoismus, der bis an die Grenze der Fairness geht.»

Verstappen machte Marko Eindruck. Als er mit 16 Jahren bei ihm vorsprach. Und nun in der Formel 1. Er stieg auf, wurde in dieser Saison bereits nach vier Rennen ins Mutterteam Red Bull befördert – und gewann in ­Spanien gleich ­seinen ersten Grand Prix im neuen Auto.

Zeit, um das alles zu verarbeiten, hatte der Ausnahmepilot kaum. Die brauche er auch nicht, meint der Jüngling, der bereits als Kind im Fahrerlager herumtollte. An dem alles abzuprallen scheint. Es ist nur dann ein Hauch von Unsicherheit zu ­erkennen, wenn seine Wangen an einer Pressekonferenz erröten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2016, 20:56 Uhr

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Formel 1: GP Spanien

NameTeamZeit
1.Lewis HamiltonMercedes 1:35:56.497
2.Sebastian VettelFerrari +3.490
3.Daniel RicciardoRed Bull +1:15.820
4.Sergio PerezForce India+ 1 Runde
5.Esteban OconForce India+ 1 Runde
6.Nico HuelkenbergLotus Renault+ 1 Runde
7.Carlos SainzToro Rosso+ 1 Runde
8.Pascal WehrleinSauber+ 1 Runde
9.Daniil KvyatToro Rosso+ 1 Runde
10.Romain GrosjeanHaas+ 1 Runde
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Stand: 15.05.2017 09:24

Formel 1: WM-Stand Fahrer

NameTeamP
1.Lewis HamiltonMercedes72861
1.Lewis HamiltonMercedes381
3.Sebastian VettelFerrari72871
3.Sebastian VettelFerrari278
4.Kimi RaeikkoenenFerrari72871
4.Kimi RaeikkoenenFerrari150
5.Valtteri BottasMercedes72867
5.Valtteri BottasMercedes136
6.Felipe MassaWilliams72867
6.Felipe MassaWilliams121
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Stand: 11.04.2016 10:40

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