«Es lohnt sich nicht immer»

Stürze, Verletzungen, Krankheit – das WM-Zeitfahren in Katar steht für Stefan Küngs drittes Comeback innert zwei Saisons.

Stefan Küngs vorerst letzter Erfolg: Er wird im Weltmeistertrikot auch Verfolgungseuropameister – in Tokio 2020 will er Olympiagold, aber nicht auf der Bahn. Foto: Thomas Hodel (Keystone)

Stefan Küngs vorerst letzter Erfolg: Er wird im Weltmeistertrikot auch Verfolgungseuropameister – in Tokio 2020 will er Olympiagold, aber nicht auf der Bahn. Foto: Thomas Hodel (Keystone)

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Im Juni wollte Stefan Küng in Martigny Schweizer Meister im Zeitfahren werden. Und damit Fabian Cancellara im letzten Duell erstmals bezwingen. Doch der Thurgauer riskierte zu viel, stürzte schwer. So verpasste er die Olympischen Spiele mit dem Bahnvierer, mit dem er von einer Medaille geträumt hatte. Der 22-Jährige kennt sich mittlerweile aus mit Comebacks. 2015 brach er sich bei einem Sturz am Giro d’Italia einen Brustwirbel, er kam zurück und wurde Bahn-Europameister. Im Winter litt er am Pfeifferschen Drüsenfieber, er kehrte zurück. Nun ­rappelte er sich erneut auf – mit dem heutigen WM-Zeitfahren als Comeback-Ziel.

In Katar sind die Temperaturen ein grosses Thema. Sie befinden sich bereits eine Woche vor Ort, wurden mit dem Team BMC am Sonntag Zweiter im Teamzeitfahren. Wie gehen Sie mit der Hitze um?
Der Körper brauchte vier oder fünf Tage, aber nun habe ich mich daran ­gewöhnt. Gut war, dass ich vor dem Kälteeinbruch aus der Schweiz abgereist bin. Ich kam also vom Sommer in den Hochsommer.

Und das knapp vier Monate nach Ihrem Sturz Ende Juni. Lief in der Reha alles nach Plan?
Sie war absolut komplikationslos, ich habe stetig Fortschritte gemacht. Ich bin so weit, wie ich sein kann. Aber 100 Prozent sind es noch nicht.

Was heisst das fürs WM-Zeitfahren?
Im Teamzeitfahren konnte ich eine relativ gute Leistung abrufen, das stimmt mich optimistisch. Ich fühle mich besser als vor dem WM-Zeitfahren vor einem Jahr in Richmond. Ich habe ein tolles neues Velo, wenn ich meine Kräfte richtig einteilen kann … Mit einem Rang habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt. Aber Ziel sind schon die Top 10.

Vor einem Jahr, nach Ihrem ­Brustwirbelbruch am Giro, war die Bahn-EM Ihr grosses Comebackziel. War der Weg nun ähnlich hart?
Er war noch härter, weil die Verletzung meinen spezifischen Bewegungsapparat beeinträchtigte, sprich die Beine. Zudem hatte ich ja drei Sachen gleichzeitig: Mein Becken, das richtiggehend zerbröckelt war. Aber das wuchs, geschient ­allein von meiner starken Muskulatur, wieder zusammen. Dazu kamen die Brüche am rechten Schlüsselbein und am linken Handgelenk – beides operiert und nun fixiert mit einer Platte. Bis ich stehend das linke Bein aus eigener Kraft wieder zum rechten Winkel anheben konnte, ver­gingen zwei Wochen. Und das ist gerade einmal drei Monate her! Ich bin sehr zufrieden, dass ich bereits wieder so zwäg bin, auf Weltniveau konkurrenzfähig.

Wie gross waren die Tiefs, die Sie durchlitten?
Es ist immer ein harter Moment, wenn du heimkommst. Du gingst topfit – und kommst zurück und bist sehr stark ­eingeschränkt. Es ging 7, 8 Wochen, bis ich wieder schmerzfrei Treppen steigen konnte, bis ich nicht mehr hinkte.

Sie erlitten innert zwei Jahren ­Verletzungen für eine ganze Karriere. Dazwischen ­feierten Sie aber auch Erfolge. Wie gehen Sie mit dieser Bandbreite an Emotionen um?
Das ist anspruchsvoll. Daran habe ich zuletzt gearbeitet: Wieso passieren mir solche Dinge? Während der Reha in ­Magglingen arbeitete ich mit Sport­psychologen und sprach mit den Leuten, die mich seit Jahren begleiten: «Wie habt ihr mich die letzten zwei Jahre wahrgenommen? Wie gross war meine Anspannung? War ich verbissen?»

Zu welchen Schlüssen kamen Sie mit den Sportpsychologen?
Dass Verbissenheit nichts bringt – was ja eigentlich logisch ist. Andere junge ­Fahrer, die in der U-23 gleich gut oder schlechter waren als ich, sind nun weiter, weil sie eben eine stetige Entwicklung gemacht haben, nie verletzt waren. Ich brauche eine gewisse Gelassenheit, Vertrauen in mich selber. Und die ­Erkenntnis, dass man für einen Sieg nicht immer das Letzte riskieren muss. Ich werde erst 23, habe noch x Jahre Zeit als Profi. Im Nachhinein kann ich zum Beispiel sagen, dass ich dieses Jahr am Giro d’Italia den Prolog wohl auch sonst gewonnen hätte (Anm.: Nach guter Zwischenzeit riskierte er zu viel und stürzte).

Das Gleiche in Martigny.
Das Gleiche, aber da gab es für mich nur einen möglichen Rang, und ich war ­bereit, dafür alles in Kauf zu nehmen. Ich habe nun gemerkt, dass es sich nicht ­immer lohnt, alles zu riskieren. Wenn es von zehnmal neunmal gut geht, bleibt immer noch eine hohe Sturzquote. ­Vielleicht verlierst du die Schweizer Meisterschaft um eine Sekunde. Dafür bist du aber im Rennen danach stärker, weil du gesund geblieben bist.

Wegen des Sturzes verpassten Sie Rio. Wie haben Sie die Spiele erlebt?
Das war ein herber Schlag. Beides mit­einander: die Schwere der Verletzung physisch. Und das Verpassen von Rio psychisch. Aber ich konnte es schnell hinter mir lassen. Wenn du nach dem Sturz mehr als eine Minute brauchst, um aufzustehen, wird dir schnell bewusst, dass Rio kein Thema mehr ist. Ich habe mich nie gefragt: Was wäre wenn?

Ohne Sie als Leader zerfiel der Vierer in Rio in seine Einzelteile.
Das Bild auf der Bahn war selbstredend, bestätigt Ihre Aussage. Genauer will ich nicht Stellung nehmen, ich war nicht da.

Ist Ihre Zeit im Bahnvierer damit abgeschlossen? Nationaltrainer Daniel Gisiger tönte an, er habe die Hoffnung, dass Sie 2020 noch einmal zurückkehren würden.
Nein. Ich möchte jetzt schauen, was ich auf der Strasse hinbringe.

Und die Bahn ganz generell?
Ich sage niemals nie, aber die Konzentration gilt der Strasse. Klar werde ich nie vergessen, wo ich herkomme, vielleicht einmal in Oerlikon oder Grenchen auftauchen. Aber man soll nicht mit mir rechnen. Mein Ziel in Tokio ist Gold. Aber nicht auf der Bahn.

Sie sagten vor dieser Saison: «2017 geht das richtige Leben los.»
Jetzt sind die Lehrjahre vorbei mit Stürzen und Krankheiten. Jetzt packe ich es an. Ich lebe nicht vom Talent, will zeigen, was ich kann. Ich will die Tour de Suisse fahren, ich will die Tour de France fahren, ich will in den Klassikern gut fahren.

Wie gehen Sie mit diesem ­Spannungsfeld um: Einerseits gibt es bereits einen Erwartungsdruck, andererseits sind Sie immer noch ein junger Rennfahrer, der noch relativ wenig erreicht hat?
Wie schon angedeutet: Ich habe keine normalen, gesunden Jahre hinter mir. Wenn ich mit solchen die jetzige Ausbeute hätte, würde ich mich hinter­fragen. So nicht. Wenn ich nun zwei, drei Jahre am Stück fahren kann, bin ich selber gespannt, wie weit ich es bringe.

Ihr Vertrag läuft Ende 2017 aus …
… daran habe ich noch keinen Gedanken verschwendet. Ich fahre, um Rennen zu gewinnen. Wenn ich gut Velo fahre, kann ich entscheiden, wo ich hingehe – oder dass ich bei BMC-TAG Heuer bleibe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2016, 00:20 Uhr

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