Es sieht schlecht aus

Rad-Olympiasieger Bradley Wiggins und mit ihm das Team Sky handelten nicht so hehr, wie es den Anschein machte. Sie schüren so Zweifel an ihrer Lauterkeit.

Das Team Sky unterwegs im Mannschaftszeitfahren: Der blaue Streifen war lange Zeit das Erkennungszeichen – alles sollte professioneller und konsequenter sein als bei der Konkurrenz. Foto: Fabio Ferrari (Keystone)

Das Team Sky unterwegs im Mannschaftszeitfahren: Der blaue Streifen war lange Zeit das Erkennungszeichen – alles sollte professioneller und konsequenter sein als bei der Konkurrenz. Foto: Fabio Ferrari (Keystone)

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Wer am schnellsten bergauf fährt, gewinnt. Es ist die Formel, auf die sich die meisten grossen Radrennen herunterbrechen lassen. Und wenn zwei Fahrer gleich stark sind? Gewinnt der leichtere.

Wie toll wäre es da, ein Wunder­mittel zu besitzen, das die Kilos purzeln liesse, ohne die Muskelkraft zu schmälern? Wie toll wäre es, wenn das Mittel auch noch erlaubt wäre? Dieses hat einen ­Namen: Triamcinolon.

Bradley Wiggins erhielt in seiner 16-jährigen Karriere als Radprofi drei Mal vom Radweltverband UCI eine Ausnahmegenehmigung für Triamcinolon. Ein Profisportler kann eine solche ­«Therapeutic Use Exemption», kurz TUE, mittels ärztlichen Attests beantragen, wenn die erlaubten Arzneien nicht helfen. Auch bei Wiggins war das der Fall, Triamcinolon gilt als letzte Lösung bei schweren Fällen von Heuschnupfen.

So weit nichts Aussergewöhnliches. Pikant wird die Geschichte, wenn man sich die Zeitpunkte von Wiggins’ TUEs anschaut. Diese waren jeweils in der ­Woche vor seinem grossen Saisonziel beantragt worden. 2011 und 2012 vor der Tour de France im Juli, 2013 vor dem Giro d’Italia im Mai. Vor den dreiwöchigen Rundfahrten, bei denen bergauf ­jedes Gramm und jedes Watt zählen.

Sir Bradley Wiggins (36)Nach vielen Goldmedaillen auf der Bahn wechselte Wiggins erst mit mässigem Erfolg auf die Strasse. 2009 kam sein Durchbruch, er beendete die Tour de France als Vierter. Sogleich wurde er vom neuen Team Sky als Leader engagiert, tatsächlich gewann er 2012 als erster Brite die Tour. Er wurde in dieser zur grossen Figur der neuen Generation, weil er nicht um deutliche Worte zum Thema Doping verlegen war. Ende Jahr tritt Wiggins zurück. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

Wiggins’ TUEs waren Mitte September bekannt geworden, als die russischen Hacker Fancy Bears damit begannen, TUE-Protokolle von westlichen Olympiamedaillen-Gewinnern im Internet zu publizieren, die sie aus der Datenbank der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gehackt hatten. Ihr Ziel war es, Zweifel an der Lauterkeit dieser Athleten heraufzu­beschwören. In den allermeisten Fällen gelang das nicht. Ausser bei Wiggins.

Kurz: Er hatte gelogen

Primär irritierte beim Briten, dass ihm das Triamcinolon jeweils in den Oberschenkel injiziert worden war. Drei Spritzen also für jenen Fahrer, der in ­seiner Biografie geschrieben hatte, ab­gesehen von Impfungen nie eine Nadel an seinen Körper herangelassen zu ­haben. Kurz: Er hatte gelogen.

Erst versuchte der Ritter ihrer Majestät, der in Rio sein fünftes Olympiagold gewonnen hatte, die Affäre auszusitzen. Aber der öffentliche Druck wurde nicht kleiner, was Wiggins dazu bewegte, im Frühstücksfernsehen der BBC aufzu­treten, befragt von einem Moderator, der nicht vom Fach war. Entsprechend sanft fiel das Gespräch aus.

Später erklärte sich Wiggins auch noch dem «Guardian». Der Journalist, der das Interview führte, hatte ihm schon als Ghostwriter bei seiner Bio­grafie geholfen. Und doch erzählte Wiggins auch ihm nun zum ersten Mal von seinem Heuschnupfen, unter dem er seit 2003 leide. Dass er dies verschwiegen hatte, erklärte er so: «Ich war paranoid, glaubte, es könnte als Ausrede ange­sehen werden.» Wiggins’ Erklärungen waren kohärent und in sich schlüssig, auch wenn der gestandene Radprofi ­etwas naiv wirkte. Zumal er in seiner Karriere stets deutliche Worte für Doper und ihre Verfehlungen gefunden hatte – Wiggins galt als Saubermann.

Aber während er argumentierte, sich mit den Triamcinolon-Injektionen keinen Vorteil verschafft zu haben, äusserten sich mehrere gewichtige Stimmen gegenteilig. Da waren Sportärzte wie Prentice Steffen, der Wiggins 2009 noch als Teamarzt betreut hatte: «Es sieht nicht richtig aus. Weder vom ­medizinischen noch vom sportlichen Gesichtspunkt.»

Zwei Kilo innert einer Woche

Steffen spielte damit auf die Geschichte an, die das Medikament im Radsport hat. Der Ex-Doper David Millar beschrieb dem «Daily Telegraph» präzise die Wirkung von Kenacort, wie das Medikament im Handel heisst: «Ich nahm EPO und Testosteron. Natürlich machte das einen enormen Unterschied auf meine Blutwerte, ich fühlte mich besser. Aber Kenacort war das einzige Mittel, das ich einnahm – und drei Tage später sah ich völlig anders aus. Ich verlor innert einer Woche eineinhalb bis zwei Kilogramm. Und nicht nur das Gewicht war weg. Ich fühlte mich auch viel stärker.»

Dazu kamen zwei Aspekte, die ­irgendwie nicht ganz in die Heuschnupfen-Geschichte hineinpassen wollten. Erstens beantragte Wiggins die TUE zwei Mal für die Tour im Juli, ein Mal für den Giro im Mai. Kann die Pollensaison in Frankreich und Italien so unterschiedlich sein? Zweitens: Würde sich ein Athlet ­direkt vor dem Saisonhöhepunkt ein ­Medikament spritzen lassen, von dem er nicht weiss, wie er darauf ­reagiert? Nun, er hatte das ärztliche ­Attest, das ­allein zählt.

Nicht zu seinem Vorteil war zudem, dass auch beim Team Sky fast niemand von seinem Heuschnupfen gewusst hatte. Keine Teamkollegen, nur der Teamarzt Richard Freeman sowie Teamchef David Brailsford.

Entsprechend deutlich kommentierten denn auch ehemalige Teamkollegen diese TUE. «Wir müssen nicht nur die Regeln einhalten, sondern darüber hi­naus auch Vorbilder sein. Moralisch und ethisch», schalt Chris Froome seinen ­Ex-Teamkollegen, zu dem er ein frostiges Verhältnis hat.

Sir David Brailsford (52)Brailsford machte erst British Cycling zur dominanten Grösse, dann das Team Sky. Nun muss er die zweite Krise mit Sky bewältigen. 2013 musste er mehrere Mitarbeiter entlassen, weil sie in der Vergangenheit mit Doping zu tun gehabt hatten – Brailsford hatte es unterlassen, dies im Detail abzuklären. Zum ominösen Paket sagt er: «Ich glaube nicht, dass es im Moment etwas bringt, wenn ich sagen würde, es war ‹X› darin.» Es ist seine exklusive Meinung. Foto: Eddie Keogh (Reuters)

«Nur Sensationsjournalismus»

Letztlich tat Wiggins aber nichts Verbotenes. Er reizte «nur» das Regelwerk komplett aus. Der Zuschauer aber, der sich sauberen Sport wünscht, empfindet dieses konsequente Ausreizen des Legalen schon sehr nahe am Illegalen.

Es gibt aber auch den gegenteiligen Standpunkt, wie etwa Heiko Salzwedel zeigt. Der Deutsche führte als Trainer den britischen Bahnvierer um Wiggins in Rio zu Olympiagold, wie schon in ­Peking 2008. Salzwedel kommentierte auf Facebook einen Wiggins-kritischen Artikel so: «Für mich als Trainer ist es doch normal, alle Eventualitäten abzuhaken vor einem grossen Wettkampf. Dazu ­gehört auch, mögliche Gesund­heits­probleme innerhalb der erlaubten ­Regeln zu vermeiden. Wie das jeder andere mit ­gesundem Menschenverstand machen würde. Das hier ist nur trauriger Sensationsjournalismus.»

Während der Zuschauer die Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem schwarz-weiss sieht, geht Salzwedel mit dieser pragmatischer um. Was nicht heisst, dass er sie überschreiten würde. Aber diese Sichtweise erlaubt eine ­Annäherung an die Grenze ohne schlechtes Gewissen.

Keine Grenze, sondern eine Linie spielte beim Team Sky eine zentrale Rolle. Der blaue vertikale Streifen auf schwarzem Grund war lange Zeit das ­Erkennungszeichen des Teams. Auf dem Oberrohr jedes Fahrrads und hinten auf den Trikots stand zudem: «Das ist die ­Linie. Die Linie zwischen Gewinnen und Verlieren. Zwischen Versagen und ­Erfolg. (. . .) Zwischen Konvention und ­Innovation. Zwischen Kopf und Herz. Es ist eine schmale Linie. Sie fordert ­alles heraus, was wir machen – und wir fahren täglich auf ihr.»

Das Mantra liest sich wie das Gelübde eines Teams, das alles anders, professioneller, konsequenter machen will als die Konkurrenz. Aber es lässt sich vom von der Radsportgeschichte vorbelasteten Beobachter auch kritischer interpretieren: Wer auf der schmalen Linie fährt, gerät leicht einmal auf die falsche Seite.

In seiner sechsjährigen Geschichte beklagte Sky einen Dopingfall, 2014 wurde Jonathan Tiernan-Locke wegen Unregelmässigkeiten in seinem biologischen Pass für zwei Jahre gesperrt. ­Ansonsten: nichts. Nur Verdächtigungen, primär den starken Vorstellungen an der Tour de France mit den vier ­Gesamtsiegen geschuldet.

Wohl auch um den Kritikern etwas den Wind zu nehmen, lud Teamchef ­David Brailsford den «Sunday Times»-Journalisten David Walsh ein, die Tour 2013 im Team integriert zu verfolgen. Doch statt der erwarteten kritischen Einblicke verfasste Walsh Lobeshymne auf Lobeshymne. Er wirkte wie ein Fan, das Gegenteil jenes Journalisten, den er zehn Jahre zuvor gegeben hatte. Damals war er der Zweifler gewesen, der als einer der Ersten die Leistungen von Lance Armstrong infrage gestellt hatte.

-Doch nun, drei Tage nach der TUE-Publikation der Fancy Bears änderte selbst Walsh seine Position, schrieb unter dem Titel «It looks bad, Brad» ­erstmals seit seiner Einbettung wirklich kritisch über das Team Sky.

David Walsh (61)Der Sportjournalist von der «Sunday Times» hinterfragte Lance Armstrong schon bei dessen erstem Tour-Sieg 1999, fand dann auch Zeugen, die über die Machenschaften des Texaners berichteten. Über Sky schrieb er bis zum jüngsten Meinungsumschwung blauäugig. Zum «Tages-Anzeiger» sagte er an der Tour 2013: «Ich schaue jeweils in den Spiegel und frage mich, tue ich das Richtige? Das tat ich 1999 bei Armstrong, das tue ich jetzt.» Foto: PD

Das ominöse Paket

Trotzdem wäre die Geschichte wohl ­früher oder später versandet. Hatte Wiggins doch nichts Unlauteres getan. Er hatte sich «nur» viel näher an der Linie bewegt, als er stets weisgemacht hatte.

Das änderte sich mit einer Recherche der «Daily Mail» und dem zweiten Teil dieser Geschichte. Das Boulevardblatt hatte von einem ominösen Kurierdienst im Sommer 2011 erfahren. Am 12. Juni war Simon Cope, ein Frauentrainer von British Cycling, der regelmässig für Sky arbeitete, von Manchester nach Genf ­geflogen und von da mit einem Mietauto nach La Toussuire in den französischen Alpen gefahren. Es war der Schlusstag des Critérium du Dauphiné, des wichtigsten Vorbereitungsrennens zur Tour de France, Cope sollte am Etappenziel ein Paket abliefern. Was im Paket drin war, wusste Cope nicht, es sollen aber Medikamente gewesen sein. Nach dem Rennen soll sich Wiggins dann zusammen mit Teamarzt Freeman alleine im Teambus aufgehalten haben.

In einem ersten Statement erklärte Teamchef Brailsford die Geschehnisse anders. Cope sei angereist, um sich mit seiner Athletin Emma Pooley zu treffen. Zudem sei der Teambus in La Toussuire gar nicht mehr vor Ort gewesen. Letztere Behauptung wurde mit Videoaufnahmen vor dem besagten Bus widerlegt. Und auch Pooley meldete sich zu Wort: Sie ­bestritt zu dem Zeitpunkt ein Rennen in Spanien. «Vielleicht war es ein ehrlicher Fehler», sagte Pooley. «Aber es sieht einfach schlecht aus für Brailsford und Sky. Das ist eine ernste Angelegenheit, weil es um die Wahrnehmung des ­Radsports geht und um den Dopingkampf.»

Doch Brailsford schwieg. Fast eine Woche lang, dann gewährte er dem «Cycling Podcast» ein 90-minütiges Interview. Doch die beiden Journalisten konnten ihre Fragen zum Paket formulieren, wie sie wollten. Zum Inhalt erhielten sie von Brailsford keine konkrete Antwort. Was letztlich sein eineinhalbstündiges Eingeständnis, er habe in ­dieser Affäre falsch reagiert, wertlos machte. Vergangenen Sonntag setzte Journalist Walsh in der «Sunday Times» noch einen drauf: Er forderte Brailsford zum Rücktritt auf.

Brailsford ignorierte das, blieb aber nicht untätig. Er informierte selber die britische Anti-Doping-Behörde über die Paketgeschichte, diese eröffnete eine Untersuchung. Nur: Was im Paket war, dürften auch sie kaum herausfinden. Freeman etwa darf aufgrund der ärzt­lichen Schweigepflicht keine Auskunft­geben.

Nur ein Team wie viele andere

Untersuchung hin oder her, klar ist, dass die heutigen Teammitglieder von Sky unzufrieden sind, wie die ganze Affäre um Wiggins’ TUEs und das ominöse ­Paket bewältigt worden ist. «Es ist klar, welche Folgen das für uns haben wird. Man wird uns nächsten Sommer in Frankreich noch unfreundlicher be­gegnen», sagte etwa Geraint Thomas. Bereits 2015 waren die Sky-Fahrer ­beschimpft, bespuckt und Froome ­angeblich sogar mit Urin bespritzt worden. Thomas kann seine Meinung am ­Wochenende erneut ­äussern. Das Team Sky trifft sich in Manchester zum ersten Meeting für die ­Saison 2017.

Was bleibt von dieser Geschichte, wenn der Inhalt des Pakets nie bekannt wird? Primär Zweifel. An Wiggins, der seine moralische Erhabenheit verloren hat. Und auch am Team Sky. Die Briten traten 2010 an, um zu zeigen, wie man Radsport sauber und zugleich erfolgreich betreiben kann. Sie standen für «Zero Tolerance» bezüglich Doping und «Marginal Gains», wie sie die kleinen Zeit- und Leistungsgewinne durch technischen Fortschritt nannten. Doch in dieser Geschichte zeigt sich, dass sie ein Team sind wie viele andere auch. Eines, das bis ans Limit geht. Und manchmal vielleicht auch darüber hinaus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2016, 22:57 Uhr

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