Kurt, der Kilometerfresser

Der Amerikaner Kurt Searvogel radelt täglich bis zu 14 Stunden, um den Rekord von 120'805 Velokilometern in einem Jahr zu verbessern.

Allein auf weiter Flur: Kurt Searvogel fährt und fährt und fährt, Tag für Tag für Tag – noch drei Wochen muss er durchhalten. Foto: Blake Gordon

Allein auf weiter Flur: Kurt Searvogel fährt und fährt und fährt, Tag für Tag für Tag – noch drei Wochen muss er durchhalten. Foto: Blake Gordon

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Für seine Heirat kürzte Kurt Searvogel ausnahmsweise ein wenig ab. Normalerweise radelt er ja 335 km pro Tag, seit er am 10. Januar anhob, den Rekord des Engländers Tommy Godwin zu schlagen. Dieser hatte 1939 innert eines Jahres 120'805 ­km auf dem Rad bewältigt. Sein Herausforderer aus der Clinton-Stadt Little Rock, immerhin schon 52, legte am 20. Oktober also bloss 280 km zurück, um seine Betreuerin Alicia Snyder zur Frau zu nehmen – natürlich im Rad­trikot, die Haare von der Sonne gebleicht und die Haut von den Strapazen und Stürzen gezeichnet.

Trotzdem lachen die beiden auf dem Foto, sie sind auf ihrer Rekordjagd ja auch exzellent im Rennen. 114'667 km hat Searvogel in 342 Tagen in Florida, Arkansas, Wisconsin und Louisiana abgespult. Er weist Vorsprung auf Godwin und seine Marschtabelle auf. Und Searvogel, den Freunde und Sportkollegen wegen seiner langen, kräftigen Arme gerne Tarzan nennen, setzte ja keineswegs spontan zu diesem Gigantentest an. Er ist schon länger das, was man einen Kilometerfresser nennt.

Er zählt in seiner Altersklasse zu den besten Ultradistanz-Radfahrern. Selbst in deren Kreis gilt die Rekordleistung von Godwin als unglaublich und ein ­wenig verrückt. Wer will schon täglich bis zu 14 Stunden auf dem Rad verbringen, das 7 Tage die Woche, 52 Wochen lang – also an 365 Tagen in Folge?

Er wird dünner, altert sichtlich

Searvogel will. Obschon er sich im Vorfeld fragte, ob er für ein solch einseitiges Abenteuer nicht «zu intelligent ist». Sein harter Grind und seine fast ewig drehenden Beine sind in der Ultraszene ebenso legendär wie sein Ehrgeiz. Dabei sieht er nicht einmal aus wie ein Athlet, der täglich bis zu 10'000 Kalorien auf dem Velo verbrennt. Ein Sprenzel ist er nicht und auch kein Ausdauerenthusiast von klein auf. Der Vater dreier Kinder investierte seine Zeit lange in eine erfolgreich ­laufende IT-Firma, weshalb er sich nun dieses spezielle Sabbatical ohne Spon­soren leisten kann. In seinen 30ern und frühen 40ern arbeitete er ausschliesslich, ehe er mit den Kindern zum Sport fand und entdeckte, dass er auf dem Rad ein kleines Perpetuum mobile darstellt.

Seine heutige Frau Alicia kannte er damals noch nicht. Ihr begegnete er letztes Jahr am Race Across America, als er mit einem Partner quer durch die USA Velo fuhr und sie als Ersatzhelferin nachrückte. Kurz vor dem Start ins gemeinsame Langstreckenrennen liess er sich noch von seiner damaligen Frau scheiden, es muss also eine eher turbulente Vorbereitung gewesen sein.

Pommes und Burger – und zwar im XXXL-Format – gehören zu seinen bevorzugten Energiequellen.

Die neue Frau Searvogel ist seine Multi­taskerin: Sie fährt den Camper, kauft das Essen ein, kocht, wäscht, ­motiviert und postet die vielen Facebook-Einträge. Anhand dieser Informationen sind Zugewandte stets auf dem Rollenden – und erleben, wie Searvogel immer dünner wird und sichtbar altert.

In der Vorbereitung glaubte er noch, während der Rekordjagd besser in Form zu kommen. Inzwischen weiss er: Das Gegenteil ist richtig. Sein Körper baut ab, weil er sich nicht genügend erholt. Trotzdem kann er auf seinem Renn­velo mit Triathlonlenker einen Schnitt von 27,4 km/h vorweisen.

Dabei plagte ihn schon nach wenigen Wochen ein Abszess am Hintern. Pausieren war bei diesem engen Zeitplan jedoch unmöglich. Also verschaffte sich Searvogel ein wenig Linderung, indem er für einige Tage auf ein Liegevelo wechselte. Als er im Sommer jedoch mit Herzflimmern und dehydriert in den Notfall eingeliefert werden musste, soll sein Herz zwar in Ordnung gewesen sein, aber man diagnostizierte bei ihm ­nebenbei Asthma. Dagegen hilft auch kein ­Liegevelo. Seither zählt neben einer Brille, einem Snack und einem alten Telefon auch ein Asthmaspray zu seiner Standard­packung.

Zweimal in Auto geprallt

Telefonieren kann Searvogel nämlich problemlos. Jede Fahrt hat er ins Internet gestellt (auf Strava). Man weiss darum: Sein Puls bewegt sich im Schnitt um die 100 Schläge pro Minute, wenn er unterwegs ist. Weil sich sein Körper mit den Jahren an die ständige Leistung angepasst hat, verbrennt er Kalorien sehr ökonomisch. Auf einer Kurzfahrt von sieben Stunden kann er mit nur 3000 auskommen. Ärgern ihn hingegen Wind, schlechte Strassen sowie Hügel und fährt er rund 12 Stunden, muss er auch einmal 10'000 Kalorien aufwenden.

In den selbst gedrehten Facebook-Filmchen schaut man Searvogel darum oft beim Futtern zu. Ernährungswissenschaftler würden ihn wohl als Archetyp des Negativbeispiels bezeichnen. Auf dem Velo ernährt er sich noch einigermassen konventionell, indem er ein Getränk mit vielen Kohlehydraten zu sich nimmt. Ansonsten aber labt er sich eher an Fastfood und Süssem. Pommes und Burger – im XXXL-Format – gehören zu seinen bevorzugten Energiequellen. Er sagt dazu: «Was will ich mich auch noch beim Essen quälen, wenn ich es schon täglich auf dem Rad tue?»

Selbst ein Searvogel muss beim täg­lichen Kilometer abspulen also ans ­Limit, geistig wie körperlich. Zumal die Aussicht sehr eintönig sein kann. Obschon er der Kälte und dem schlechten Wetter auszuweichen versucht, indem er seine Routen detailliert plant und die Wettervorhersagen studiert, kommt er nicht um Torturen herum. Prallt er dann noch mit einem Auto zusammen, wie es ihm zweimal an Kreuzungen passierte, hinterfragt er seinen Rekord­versuch durchaus. Oder wenn es ihm zu stark windet und er sich einen ­geschützten Parcours suchen muss, wo er in einer kleinen Schlaufe das ­Tagessoll abspult, bis er vor Langeweile erbrechen könnte.

Die Erholung fehlt, trotzdem kommt er auf seinem Rennvelo mit Triathlonlenker auf 27,4 km/h im Schnitt.

Gerade wegen solcher Runden kritisieren ihn seine Kritiker am härtesten: Sie finden, dass dieser Ami bloss flache Kilometer sammle und den äusseren ­Bedingungen ausweiche. Ihre Freude gilt Steve Abraham. Auch der Brite befindet sich im Rennen um Godwins Rekord, bei britischem Wetter. ­Allerdings musste Abraham im März unterbrechen, nachdem ihn ein Motorrad abgeschossen hatte. Er liegt mit seinem Kilometerschnitt hinter Searvogel zurück.

Dieser vermag seine tägliche Routine zu halten, mit militärischem Drill. Um 4.15 Uhr rollt er jeweils seine Yogamatte aus, absolviert ein paar Übungen, um sich in Schwung zu bringen, isst dann eine Schüssel Müesli, ehe er sich aufs Rad schwingt und fährt, fährt, fährt, bis Godwins ­legendäre Marke nach 75 Jahren getilgt ist – er ist auf Kurs Richtung 122'275 km. Danach möchte er ein bisschen kürzertreten und eher 24-Stunden-Rennen bestreiten. Sie werden Kurt Tarzan Searvogel nach diesem Jahr wie Sprints vorkommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2015, 23:32 Uhr

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