Bitte aufwachen

Die Schweizer Skirennfahrer haben in St. Moritz alle Erwartungen übertroffen. Das macht Hoffnung für die Zukunft – doch sie sollten sich ihrer privilegierten Lage bewusst werden.

Einer von vielen Schweizer Freudentagen: Kombi-Silbermedaillengewinnerin Michelle Gisin (links) feiert mit Siegerin Wendy Holdener (Mitte), rechts freut sich Bronzemedaillengewinnerin Michaela Kirchgasser aus Österreich. (10. Februar 2017)

Einer von vielen Schweizer Freudentagen: Kombi-Silbermedaillengewinnerin Michelle Gisin (links) feiert mit Siegerin Wendy Holdener (Mitte), rechts freut sich Bronzemedaillengewinnerin Michaela Kirchgasser aus Österreich. (10. Februar 2017) Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Es war am Samstagnachmittag, eben war die Entscheidung im Frauenslalom gefallen. Auf Salastrains, im Zielstadion unten am Corviglia-Hang, wurde wieder einmal gejubelt und gefeiert. Man hatte sich in den vergangenen zwei Wochen schon fast ein wenig daran gewöhnt. Wendy Holdener hatte soeben Silber erkämpft, ihre zweite Medaille nach Gold in der Kombination. Ihr zweiter Podestplatz bedeutete die siebte ­Medaille für das Schweizer Team und die beste WM-Bilanz seit 1989.

Während sich Holdener im Zielraum feiern liess, lehnte sich Markus Wolf, der das Rennen am Rand des Innenraums stehend verfolgt hatte, über den Abschrankungszaun. Der Direktor von Swiss-Ski musste sich kurz sammeln, er versuchte zu ­verarbeiten, was eben geschehen war, was erneut geschehen war.

Geschafft! Wendy Holdener fährt ins Ziel und hat die Slalom-Silbermedaille auf sicher. (Video: SRF/Tamedia)

Die Swiss-Ski-Athleten waren an dieser Heim-WM nicht eingeknickt, ganz im Gegenteil: Sie waren über sich hinaus­gewachsen. Das war aus mehreren Gründen nicht zu erwarten gewesen, jedenfalls nicht in dieser Konstanz und Breite. Später gab Wolf zu, nicht in den kühnsten Träumen mit so einem Resultat gerechnet zu haben. Überhaupt: «Ich versuchte nicht zu träumen.» Im Vorfeld war niemandem vom Skiverband eine Medaillenvorgabe zu entlocken gewesen. Nun sagte Wolf, dass er mit zwei bis vier Podestplätzen zufrieden gewesen wäre. Der Respekt vor der Heim-WM, vor diesem Druck, er war gross gewesen.

Dass dann fast alle Trümpfe stechen würden, das hatten tatsächlich nicht einmal die kühnsten Optimisten zu denken gewagt. Und das, obwohl Teamleaderin Lara Gut sich früh ­verletzt und so drei Medaillenchancen verpasst hatte.

Dem Skiverband und damit Wolf als operativem Chef muss man zugute halten, dass er alles getan hatte, um die Athleten ideal vorzubereiten, um ihnen das Gefühl zu geben, wirklich alles für einen Exploit unternommen zu haben: Mit Helikopterflügen, zum Start oder ins Training nach Lenzerheide, mit einem Rückzugsraum direkt beim Ziel, nur für die eigenen Athleten, und mit exklusiven Trainings auf dem WM-Hang.

Fokus auf Kombination

Dass damit die Heim-WM zum Fest wurde, ist toll. Die Erfolge tun Swiss-Ski gut, sei es in der Öffentlichkeit, sei es als Argumente in Verhandlungen mit Sponsoren und ganz generell bei der Suche nach finanziellen Mitteln.

Zugleich müssen die sieben Medaillen aber auch nüchtern betrachtet werden. Vier wurden in der Kombination gewonnen, jener Disziplin, die Swiss-Ski seit zwei Jahren forciert – im Gegensatz zur Konkurrenz. Das war ein taktisch kluger Entscheid, schliesslich zählen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen alleine die Medaillen. Im Alltag, sprich im Weltcup, helfen diese Erfolge aber kaum, im Weltcup werden diesen Winter insgesamt nur fünf Kombinationen ausgetragen, das wird auch nächste Saison so sein.

Aber Kombinations-Medaillen werden kommenden Februar erneut vergeben werden, olympische in Pyeongchang. Nach diesem WM-Ergebnis dürfen die Schweizer Skirennfahrer hoffnungsvoll auf den Grossanlass in Südkorea vorausschauen. Sie dürfen aber vor lauter Fokussierung auf die Grossanlässe nicht vergessen, dass das Leben nicht nur aus der Medaillen-Kür besteht. Sondern hauptsächlich aus der Pflicht, dem Weltcup.

Privilegierte Schweizer

Dort fahren sie bei weitem nicht auf WM-Niveau, das zeigt der Zahlenvergleich: In St. Moritz resultierten in 11 Rennen 7 Podestplätze, macht 0,64 pro Rennen. In diesem Weltcupwinter waren es in 53 Rennen 18, macht 0,34 pro Rennen. Aber: Klammert man die Kombination aus, ist die Bilanz an der WM respektive im Weltcup quasi identisch, bei 0,33 (WM) gegenüber 0,32 (Weltcup) Podestplätzen pro Rennen.

Insofern war die Weltmeisterschaft also doch ein Spiegel der Schweizer Saisonleistungen. Und ein Beweis dafür, dass das ganze Team in der Pflicht steht. Denn es ist nicht so, dass nur an Grossanlässen alles für die Athleten getan wird. Den Schweizer Skifahrern wird auch im Alltag praktisch jeder Wunsch von den Augen abgelesen, jede Last abgenommen. Sie haben Voraussetzungen, um die sie die ganze Konkurrenz beneidet – die Österreicher ausgenommen.

«Eine rundum gelungene WM in St. Moritz»: OK-Präsident Hugo Wetzel zieht Bilanz und äussert sich zum Kamera-Unfall mit der PC-7. (Video: SDA)

Es ist an ihnen zu realisieren, dass auch regelmässige Spitzenleistungen abseits der Heimat möglich sind, möglich sein müssen. Und dass dies auch möglich sein muss, ohne immer noch mehr Zusatzleistungen und Spezialbehandlungen zu fordern. Diese Erkenntnis scheint auch bei Swiss-Ski gereift zu sein. Jedenfalls äusserte sich Präsident Urs Lehmann in seinem WM-Fazit in diese Richtung – was als Gradmesser für die Stimmung respektive allgemeine Meinung im Verband betrachtet werden kann.

Wenn man in einigen Jahren rückblickend sagen wird, dass die Heim-WM der Weckruf für die aktuelle Athleten­generation des Schweizer Skirennsports war, dann wäre das noch viel mehr wert als der Glanz von sieben Medaillen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2017, 19:24 Uhr

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