«Jedes Mal haute er mit dem Hammer obendrauf»

Abfahrtsweltmeister Beat Feuz sagt, wie sich schlechte Nachrichten von Ärzten anfühlen und warum sein Weg auch sein Gutes hatte.

Ein Weltmeister wie gerahmt: Beat Feuz im Schweizer Teamhotel in St. Moritz. Foto: Reto Oeschger

Ein Weltmeister wie gerahmt: Beat Feuz im Schweizer Teamhotel in St. Moritz. Foto: Reto Oeschger

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Wie schläft es sich als Weltmeister?
Als ich dann mal im Bett lag, schlief ich gut. Aber nicht sehr lange.

Dann war die Feier intensiv?
Zuerst waren da am Abend einige offizielle Sachen. Dann ass ich etwas im Schweizer Haus. Danach hatte ich mit Max Franz abgemacht, Patrick Küng kam auch mit. Zusammen haben wir noch etwas gefeiert.

Welche Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Nach der Ziellinie, als ich sah, dass die Zeit grün aufleuchtete. Auch wenn das noch keine Garantie war, wusste ich: Es war eine gute Fahrt. Später, als mir langsam bewusst wurde, dass es zum Titel reichen könnte. Und dann, als ich die Eltern und meine Freundin zum ersten Mal sah. Die waren auch ganz aus dem Häuschen.

Sie blieben selbst in diesen Momenten sehr ruhig. Können Sie auch einmal aus sich herausgehen?
Solange die Anspannung im Zielraum noch da ist, nicht wirklich. Innerlich schon, aber gegen aussen nicht. Ich wäre nicht ich, wenn es anders wäre.

Das sind einfach Sie.
Genau. Innerlich schaut es manchmal anders aus.

Der WM-Titel ist die Krönung Ihrer Karriere. Gab es Momente, in denen Sie sich fragten: Bringt es das noch? Kann ich noch?
2013 mit der ganzen Kniegeschichte gab es den Moment ganz sicher. Habe ich überhaupt eine Chance, dass es noch einmal funktioniert? Zum Glück kam es so raus, wie es jetzt rausgekommen ist.

Hatten Sie je den Gedanken «Fertig. Das war es»?
Klar. In der Zeit im Spital, ich war ein Monat da. Jedes Mal, wenn der Arzt ­hereinkam, hoffte ich, er sage etwas Positives. Und jedes Mal haute er mir wieder eins mit dem Hammer obendrauf. ­Irgendwann, nach ein paar Wochen, dachte ich: «Verdammt, das kann doch nicht sein. In der heutigen Zeit sollte es doch besser werden, wenn die Ärzte ­etwas machen.» Aber nicht bei mir. ­Sicher zweifelte ich da. Die Ärzte sagten mir auch klar, ich solle mir keine Illusionen machen, von wegen ich würde in ein paar Monaten wieder Ski fahren.

«Es gab schon Leute, die mir Hoffnungen machten. Einfach nicht die Ärzte.»

Es machte Ihnen niemand Hoffnungen. War das fast ein Ansporn?
Es gab schon Leute, die mir Hoffnungen machten. Einfach nicht die Ärzte (lacht).

Liegt Ihre mentale Stärke in Ihrem Naturell, oder ist sie eine Konsequenz Ihres schwierigen Weges?
Ich glaube, das ist schon mein Naturell. Ich mache ja kein Mentaltraining oder so. Ich probierte, meinen eigenen Weg zu finden. Nach Verletzungen macht man sich nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit Gedanken, hadert nicht mehr: «Was ist das für ein Seich? So ist es nicht mehr möglich, Erfolg zu haben.» Ich sagte mir: Das ist nicht optimal. Aber ich kann immer noch etwas Gutes herausholen.

Sie erlitten klassische Skiverletzungen, aber auch ungewöhnliche – im Sommer behinderte Sie eine Mittelohrenentzündung, vor dem Saisonstart litten Sie zwei Wochen an einer Gesichtslähmung. Haben Sie sich schon gefragt, ob Ihr Körper zu fragil ist für den Spitzensport?
Sicher hatte ich solche Gedanken manchmal. Etwa beim Achillessehnenriss oder der Gesichtslähmung. Das sind nicht Dinge, die man im Skisport täglich hört. Da dachte ich schon: «Das kann doch nicht sein!» Da steige ich ins Flugzeug, und zehn Minuten später habe ich ein schlechtes Gefühl im Gesicht. Neun Stunden später steige ich in Nordamerika aus und kann die rechte Gesichtshälfte nicht mehr bewegen. Klar, das sind Momente, die niemand erleben möchte. Aber das Gute ist: Es ist immer wieder gut gekommen. Das ist das Wichtige.

Was haben Sie für eine Beziehung zu Ihrem Körper?
Das ist unterschiedlich. Zu gewissen ­Teilen eine gute, zu anderen nicht so eine gute. Mit gewissen habe ich ab und zu etwas zu kämpfen.

Sie galten einst als nicht besonders trainingsfleissig. Erlitten Sie frühere Verletzungen auch, weil Sie athletisch nicht ganz auf der Höhe waren?
Es gibt sicher Sachen, die nicht hätten passieren müssen. Gerade am Anfang der Karriere, der Kreuzbandriss 2007. Ich war damals nicht bereit für jene ­Belastungen. Danach änderte sich die ganze Situation. Ich merkte, was es braucht im Skirennsport. Von da an lief es oft dumm. Aber es war nicht so, dass ich körperlich nicht bereit gewesen wäre.

Damals trainierten Sie nicht immer so viel, wie es nötig gewesen wäre. Heute können Sie das nicht, weil Ihr Knie Schonung braucht. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie am Start Ihre Konkurrenten sehen, die meisten sehr austrainierte Athleten?
Das ist das Schöne an unserem Sport. Es gibt kein optimales Mass. Schlussendlich kann einer gewinnen, der 2 Meter gross und 110 Kilogramm schwer ist. Oder einer wie ich mit 1,70 Meter und 85 Kilogramm. Es gibt keine Garantie für irgendetwas. Jeder muss von sich überzeugt sein: So wie es ist, ist es. Und so musst du das Beste rausholen.

Wie limitiert sind Sie mit Ihrem havarierten Knie?
Wenn die Kollegen im Trainingslager sechs Läufe fahren, fahre ich vier. Wenn sie fünf Tage durchfahren, pausiere ich in der Zeit einen Tag. Oder im Sommer: Wenn ich sechs Kniebeugen mache, machen sie mit dem gleichen Gewicht acht.

Ihr schwieriger Weg hat Sie zu einer heroischen Figur gemacht. Ein Image, mit dem es sich leben lässt.
Das merkte ich vergangene Woche. Ich glaube, viele Schweizer haben mir diesen Titel gegönnt. Oder hatten gehofft, dass ich an dieser Heim-WM den Titel oder eine Medaille holen würde. Das kann man schon auch auf die ganze Leidens­geschichte zurückführen. Man las es immer wieder: «Feuz kaputt.» «Feuz kommt wieder.» «Feuz wieder schnell.» «Feuz wieder kaputt.» Meine ganze Karriere war eine emotionale Achterbahnfahrt.

Wurde Ihnen in St. Moritz so richtig bewusst, wie populär Sie sind?
Wie populär ist schwierig zu sagen. ­Sicher habe ich gemerkt, dass sich die Zuschauer wirklich freuten. Das ist ­etwas Schönes. Wenn sie sich darüber freuen, was wir Athleten leisten.

Sie sprechen von den Schweizern. Sie wurden aber auch nach Ihrem Sturz in Kitzbühel im Ziel bejubelt.
Das war etwas anderes. In jener Situation ging es nicht um meine Person, sondern um die Person, die stürzte, schnell wieder aufstand und ins Ziel fuhr. Das imponierte den Leuten.

Hatten Sie im Fangnetz wieder böse Gedanken?
Im ersten Moment, klar. Schon bevor du ins Netz stürzt. Du weisst, was auf dich zukommt. Du weisst, dass es sein kann, dass du vielleicht nicht mehr selber wirst aufstehen können.

«Wenn du im Netz liegst, versuchst du zuerst die Knie zu bewegen. Wie geht das? Tut etwas weh?»

Das ging Ihnen alles vor dem Sturz durch den Kopf?
Ja, in dem Augenblick, wo du merkst: Es geht langsam Richtung Netz. Wenn du dann im Netz liegst, versuchst du – in meinem Fall – zuerst die Knie zu bewegen. Dann die Füsse. Wie geht das, tut etwas weh? In Kitzbühel merkte ich rasch: So weh, dass etwas kaputt ist, tut mir kein Körperteil. Aber klar, ich hatte noch die Ski an, es zog und dehnte von überall her. Erst wenn man die Ski los ist, die Muskeln wieder etwas lockerer werden, merkt man, ob es gut ist oder nicht.

Sie nannten sich am Sonntag einen Mann der Eintagesevents. Welche Ziele setzen Sie sich noch?
Eine WM, Wengen, Kitzbühel, darauf fokussiere ich mich. Und hoffe, dass ich die Chance kriege, dort vorne mitzufahren.

Kann die Fokussierung gar ein Vorteil sein gegenüber Konkurrenten, die die ganze Saison vorne mitfahren?
Ich habe ja schon den Anspruch, auch bei den anderen Rennen schnell zu sein. Mit einem 15. Rang bin ich nirgendwo zufrieden. Aber ich nehme ihn gelassener hin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2017, 23:20 Uhr

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