«Aber dann würde ich weniger oft siegen»

Alexis Pinturault kalkuliert nicht, er riskiert – und gewinnt so Riesenslaloms in Serie. Nun heute auch den WM-Titel?

Die unbestrittene Nummer 1 im Riesenslalom, aber noch ohne Einzel-Gold an Titelkämpfen: Alexis Pinturault. Foto: Alexis Boichard (Agence Zoom/Getty Images)

Die unbestrittene Nummer 1 im Riesenslalom, aber noch ohne Einzel-Gold an Titelkämpfen: Alexis Pinturault. Foto: Alexis Boichard (Agence Zoom/Getty Images)

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Die Serie riss im letzten Rennen vor der WM. Alexis Pinturault wurde im Riesenslalom von Garmisch Vierter. Nach 17 Weltcups fehlte erstmals wieder ein Franzose auf dem Podest. Die Serie ist Beweis für das starke französische Team. Vor allem aber ist sie Beweis für die Ausnahmestellung, die Pinturault im Riesenslalom einnimmt. In den vergangenen 12 Monaten fanden 12 Weltcuprennen dieser Sparte statt. Sieben gewann er, dreimal stand er mit auf dem Podest.

So ist der 25-Jährige der logische ­Favorit für das heutige WM-Rennen. ­Alles ausser einem Zweikampf mit Marcel Hirscher würde überraschen. Im Gegensatz zum Österreicher hat Pinturault schon eine St. Moritzer WM-Medaille. Nicht in der Kombination, wo er ebenfalls erster Titelanwärter war – aber nicht über Rang 10 hinauskam. Gold kam einen Tag später, im Team­event.

Im Skizirkus sind Sie einer der grossen Namen. Wie oft werden Sie in Frankreich erkannt?
Nicht oft. Es kommt natürlich darauf an, wo im Land. In meiner Heimatregion, dort schon. Aber sonst kann ich praktisch inkognito durch eine Stadt schlendern. Ich habe definitiv keine Probleme, mich frei zu bewegen in Frankreich.

Hätten Sie gerne mehr Aufmerksamkeit?
Nein, ich bin zufrieden, wie es ist. Es gibt viele Leute, die meinen Namen kennen. Aber nicht, wie ich aussehe. Wahrscheinlich kann einer von zwei Franzosen mit dem Namen Pinturault etwas ­anfangen, sie wissen, dass ich Sportler bin, das ich Skirennen bestreite. Das ist ein Vorteil und ein Nachteil. Ein Vorteil, weil ich es ruhig habe. Ein Nachteil, weil dass zeigt, dass unser Sport nicht so sehr in den Medien ist, und wir deshalb ­weniger Sponsoren haben als andere Sportarten. Gegen ein bisschen mehr Aufmerksamkeit hätte ich nichts. Aber nie so wie gewisse Sportstars.

Dann sind Sie nicht neidisch auf Marcel Hirscher oder Lara Gut, die in Ihrer Heimat überall sofort erkannt werden?
Nicht unbedingt.

Vor einem Jahr haben Sie begonnen, Riesenslaloms zu gewinnen – und fast nicht mehr damit aufgehört. Haben Sie eine Erklärung?
Da ist sicher die Arbeit. Dann habe ich auch mein Material weiterentwickelt, das hat ziemlich geholfen. Vergangenen Winter ging ich nach Beaver Creek über die Bücher, nachdem ich zweimal nicht ins Ziel gekommen war. Jetzt fahre ich Ski, weil es mir Spass macht, so schnell es nur geht. Und ich riskiere.

Ihr Hang zum Risiko ist wohl das Einzige, was man an Ihrem Fahrstil kritisieren könnte. Ohne Ihre Ausfälle könnten Sie Hirscher im ­Gesamtweltcup stärker fordern.
Aber dann würde ich auch weniger oft siegen. Marcel ist auch stark im Slalom, ich etwas weniger. Ich muss da noch einen Schritt machen, um die Gruppe der ersten Sieben zu erreichen. Die Marge im Slalom ist noch kleiner als im Riesenslalom, wo auch einmal ein durchschnittlicher und ein guter Lauf für ein Top-5-Resultat reicht. Ich hoffe, dass ich den Abstand noch verkleinern kann.

Aber sind Sie ein Typ, der gerne Risiken eingeht?
Das ist Teil meines Skistils. Ich fuhr ­immer so, auch als Junger. Schon da ­erzielte ich gute Resultate, fiel aber auch regelmässig aus. Nicht wie Henrik Kristoffersen, der in seiner ganzen Slalomkarriere praktisch nie ausgefallen ist.

Obwohl auch er viel riskiert.
Er hat über die Jahre viel mehr Routine gewonnen, wohingegen ich mehr ein Instinktfahrer bin.

Um Hirscher im Gesamtweltcup herausfordern zu können, ist die Verbesserung im Slalom wichtiger als in Kombination und Super-G, die Sie ja auch bestreiten?
In der Kombination ist es ein bisschen schwierig, mit nur zwei Weltcups in diesem Winter. Im Super-G könnte ich mich sicher noch steigern. Aber man muss sich für etwas entscheiden. Wenn ich da mehr mache, müsste ich beim Slalom zurückstecken und mehr in Speed investieren.

Spielen Sie mit dem Gedanken?
Nicht unbedingt.

Die Teammedaille ist eine, die immer mehr an Wert und Relevanz gewinnt. Das Niveau war sensationell.

Wenn man die momentane Situation im Slalom anschaut, mit Hirscher und Kristoffersen, ist es schwierig, da viele Punkte zu sammeln.
Mit den beiden ist es tatsächlich kompliziert. Zugleich glaube ich aber, dass ich im Slalom schneller Fortschritte erzielen kann als in den Speeddisziplinen. Auf gewissen Hängen fühle ich mich im Super-G sehr wohl. Aber wenn sie ­flacher sind, näher an der Abfahrt, wird es schwierig für mich. Nur schon, weil ich leichter bin als die Abfahrer. Und meine Gleiterfähigkeiten sind sicher auch noch nicht auf deren Niveau.

Dann gibt es bei Ihnen nicht den Wunsch, einst Abfahrer zu werden? Der schlummert doch in fast jedem Skirennfahrer.
Vielleicht später. Aber für den Moment nicht.

Im Weltcup haben Sie schon viele Erfolge gefeiert, nun sind Sie auch Teamweltmeister. Wie war es, als erstmals an einer WM der ­Grossen die «Marseillaise» für Sie gespielt wurde?
Für mich? Für uns! Das tat gut. Die Teammedaille ist eine, die immer mehr an Wert und Relevanz gewinnt. Vor ­allem, weil es den Titel nächstes Jahr auch an den Olympischen Spielen zu ­gewinnen geben wird. Das Niveau war sensationell.

Aber der Einzeltitel fehlt noch.
Es gibt noch viele Dinge zu erreichen. Ich habe bei der Elite erst zwei Weltmeisterschaften richtig bestritten, in ­Beaver Creek vor zwei Jahren konnte ich eine Medaille gewinnen (Bronze im ­Riesenslalom). Aber ich bin erst 25, da gibt es schon noch Ziele.

Als Nachwuchsskifahrer träumt man vom WM-Titel und Olympia-Gold.
Vor allem von Olympia, das ist noch eine Stufe höher. Die WM lässt die Leute träumen. Aber uns Skifahrer geht es mit den Weltcupkugeln ebenso.

Noch mehr als mit dem WM-Titel?
Eine Kugel und der WM-Titel, die sind für mich ungefähr auf derselben Stufe. Aber der Olympiasieg ist noch eine Etage höher.

Nach einem Olympiasieg würden Sie wohl in Frankreich öfter ­erkannt . . .
Ziemlich sicher. (lacht)

Wie werden Sie den WM-Riesen­slalom angehen?
Ich muss schon im ersten Lauf voll ­attackieren und dann im zweiten den Deckel draufmachen. Denn Marcel sind im Weltcup schon einige ausserirdische zweite Läufe gelungen. Ob es hier gleich sein wird?

Abgesehen von der Kombination haben Sie ja gute Erinnerungen an den Corviglia-Hang.
Ich mag St. Moritz und den Hang sehr, schliesslich stand ich hier voriges Jahr ja auch schon auf dem Podest.

Im Sommer verbrachten Sie viel Zeit in Österreich, am Trainingsstützpunkt Ihres Sponsors Red Bull. Was brachte Ihnen das?
Ich hatte da einen persönlichen Konditionstrainer, mit dem ich nun seit zwei Jahren zusammenarbeite. Diesen Sommer verbrachte ich die Hälfte der Zeit da, die andere Hälfte mit dem Team. Der Vorteil ist, dass in Österreich alles voll auf mich abgestimmt ist. Wenn ich müde bin, können wir das Programm sofort anpassen. Das ist im Team etwas schwieriger.

Wo haben Sie sich verbessert?
Ich habe vor allem im Rumpf und ­Rücken zugelegt, bei den kleinen, tieferliegenden Muskeln. Es geht darum, dass die Muskulatur harmonisch arbeitet.

Sie spüren einen Effekt?
Ich habe das Gefühl, dass ich deutlich beweglicher geworden bin.

Wo sehen Sie noch Potenzial im ­Vergleich mit den anderen ­Spitzenfahrern?
Physisch habe ich im Rumpf sicher weiteres Potenzial. Technisch wird es im Riesenslalom schwierig, zusätzliches Potenzial zu finden. Aber wenn die Skiradien nächste Saison wieder verkleinert werden, wird uns das viel Arbeit bereiten.

Haben Sie die neuen Ski bereits getestet?
Ein bisschen, aber nicht zu viel. Die ­Änderung ist so einschneidend, dass du ­sogleich das Gefühl auf den aktuellen Skis verlierst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 23:28 Uhr

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