Mit Über- und Schwergewicht an die WM

An der Qualifikation kämpfen die Skifahrer ausserhalb der Top 50 um Startplätze - mehr oder weniger ernsthaft.

Schwingende Hüften: Jean-Pierre Roy geniesst seine Teilnahme bei der Ski-WM in St. Moritz. Video: René Hauri

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Jean-Pierre Roy hat den grossen Auftritt nach seiner Fahrt. Umgeben von Kollegen des französischen Verbandes, setzt der gut genährte Haitianer zu einem Tänzchen an. Es läuft das Gutelaunellied «Balada» von Gusttavo Lima.

Dafür reicht die Kraft nach diesem ersten Riesenslalomlauf doch noch, obwohl sich Roy 1:42,98 Minuten lang auf der Piste in Zuoz abgemüht hat, mehr gerutscht als gefahren ist und sein rechtes Knie schmerzt. Er brauchte 44,89 Sekunden länger als der Spanier Juan del Campo, der zur Halbzeit führt. Die Qualifikation für das Hauptrennen von heute ist in weiter Ferne. Nur die 25 besten der 127 Kandidaten sind fix dabei. Endgültig gelaufen ist es nach dem 2. Lauf – Roy steht noch immer am Tabellenende, mit 1:36,65 Minuten Rückstand auf Sieger Steffan Winkelhorst aus Holland.

Roy ist auch nicht mit den grossen Ambitionen angetreten, er wusste, dass ihm selbst der äusserst rhythmisch gesteckte Lauf ohne Klippen Mühe bereiten würde. Roy ist 53. Und dreifacher Grossvater. Er ist nach Zuoz gekommen, um Spass zu verbreiten, um zu beweisen, dass Haiti mehr sei als Armut, so sagt er das. «Ich bin Botschafter von Haiti, ich muss zeigen, dass es bei uns auch Positives gibt.»

Für ihn sind es die vierten Weltmeisterschaften. Um startberechtigt zu sein, gründete er vor den Titelkämpfen in Garmisch-Partenkirchen 2011 den haitianischen Skiverband. Dessen Präsident ist er noch immer. Und als solcher freut er sich über jedes neue Mitglied. Roy erzählt von Skifahrern aus den USA, Kanada und von einer jungen Schweizerin, die den haitianischen Pass besitzen und sich dem Verband angeschlossen haben. «Auch Sie können kommen», sagt er zu einem Mann neben ihm. «Wenn Sie noch etwas an der Sonne bleiben und einen dunkleren Teint kriegen.»

Mit Flügeln gegen Hirscher

Für andere geht es an diesem sonnigen Tag im Oberengadin um mehr als um gute Stimmung. Sie haben sportliche Ziele. Einer von ihnen ist Dries Van Den Broecke, ein 21-jähriger Belgier, der die letzten Jahre in Österreich zur Schule ging und dort intensiv trainierte. Das zahlte sich aus, seinen persönlichen Höhepunkt hatte er an dieser WM schon: beim Team-Event, wo er zum Duell gegen den besten Skifahrer der Gegenwart antreten musste, gegen Marcel Hirscher, den Gesamtweltcupsieger der letzten fünf Jahre. Er, Dries Van Den Broecke, schlug ihn. «Es war unglaublich, welches Gefühl fürs Skifahren ich da entwickeln konnte. Marcel hat mich angetrieben, Seite an Seite mit dem Besten zu fahren, verlieh mir Flügel. lch fuhr Ski wie er, wie ein Weltmeister.» Van Den Broeckes Augen strahlen auch zwei Tage danach noch. «Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben, jetzt weiss ich, dass ich es schaffen kann.»

Der Belgier, der von sich sagt, er lebe überall, in den USA, in Skandinavien, in Österreich, Frankreich, der Schweiz, weil er überall trainiere, muss für den Riesenslalom aber ebenfalls erst einmal durch die Qualifikation. Er übersteht sie als Sechster ohne Probleme. «Jetzt gebe ich alles, was ich habe», sagt er.

Es geht Schlag auf Schlag, hinter ihm kommt Fahrer um Fahrer ins Ziel, im 45-Sekunden-Takt. Stürzt einer, wird auch einmal weitergefahren. Wie beim Unfall des Iraners Seyed Morteza Jafari, der kurz vor der roten Linie mit dem Knie wegknickt und liegen bleibt, während andere an ihm vorbeifahren. Später wird er doch noch von einem Schneetöff abtransportiert.

Es grenzt an ein Wunder, dass dieser Athlet bislang von einer schweren Verletzung verschont geblieben ist, der gerade im Ziel ankommt. Sein Familienname ist längst geläufig im Skizirkus: Cristian Javier Simari Birkner, der Älteste von vier Simari Birkners, die ihr Leben dem Skisport verschrieben haben.

37. Einsatz an der 11. WM

Der 36-Jährige hat beeindruckende 212 Weltcuprennen bestritten – allerdings landete er nur zweimal in den Punkten. Das hält den Argentinier nicht davon ab, Kritik am Modus zu üben: «Diese Qualifikation ist unfair. Entweder machen alle mit oder keiner. Dass wir hier fahren müssen, während die Top 50 auf dem Rennhang trainieren können, ist nicht in Ordnung. Wir haben am nächsten Tag auch einen Wettkampf.» Es wird Simari Birkners 37. Einsatz an seiner elften WM sein, er schafft den Cut als 20.

Noch länger dabei ist ein Mann, der einst ein durchaus erfolgreicher Skifahrer war, in den frühen 80er-Jahren sechsmal in die Top 10 des Weltcups fuhr, sich nun aber mehr schlecht als recht den Hang hinunterkämpft: Hubertus von Hohenlohe, liechtensteinischmexikanischer Doppelbürger, unter mexikanischer Flagge am Start, aufgewachsen auf Marbella im Fünfsternhotel seines Vaters, später in einer Klosterschule in Vorarlberg. Wohnhaft in Spanien, Liechtenstein und Wien, korrekter Name: Hubertus Prinz zu Hohenlohe. Ein Blaublüter mit Ausstrahlungskraft, mit ausgefallenen Rennanzügen, mit Trikots von Fussballclubs unterwegs oder im Stil eines Desperados inklusive Revolver. Die Bilder aus der Vergangenheit zieren seinen Helm.

In Zuoz fällt er mit einem Anzug im Stile eines aztekischen Gottes auf. Der mittlerweile 58-Jährige gibt sich denn auch kämpferisch, wenn es um das Dasein als Qualifikationsfahrer geht. Oder besser: um das Dortsein.

Von Hohenlohe übt Kritik

Dass sie in Zuoz, fast 20 km von St. Moritz entfernt, ihre Rennen austragen müssen, passt von Hohenlohe gar nicht. «Wenn ich jemanden zu mir nach Hause einlade und dann kein Platz ist im Wohnzimmer, dann lasse ich ihn wenigstens im Nebenzimmer nächtigen – aber doch nicht drei Häuser weiter.» Oder einfacher: «Auf dem Hang, der Corviglia in St. Moritz, hätte es Platz für fünf Rennen gleichzeitig. Warum fahren wir nicht dort? Wir gehören doch auch zur Skifamilie.» Er jedoch nur temporär: Weil er über 20 Sekunden verliert, wird der Prinz heute nicht zur Familie gehören, wenn die 100 Riesenslalomfahrer ihren König küren.

Jean-Pierre Roy ergeht es gleich. An seiner guten Laune ändert das nichts. (rha)

Erstellt: 16.02.2017, 16:45 Uhr

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