Teenager stürmen die grosse Bühne

Camille Rast (17) und Mélanie Meillard (18) sind die neuen Gesichter des Technikerinnen-Teams. Zeit für Nervosität haben die Freundinnen vor dem heutigen WM-Riesenslalom nicht.

Auf den Spuren von Lara Gut und Wendy Holdener? Die Aufsteigerinnen Camille Rast (links) und Mélanie Meillard wurden zuletzt immer stärker. Foto: Reto Oeschger

Auf den Spuren von Lara Gut und Wendy Holdener? Die Aufsteigerinnen Camille Rast (links) und Mélanie Meillard wurden zuletzt immer stärker. Foto: Reto Oeschger

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Das Lachen. Schallend bei der einen, verlegen fast bei der anderen. Die Unbekümmertheit aber, die haben beide, ­Mélanie Meillard, 18-jährig, aus Neuenburg, die schallend Lachende. Und ­Camille Rast, noch ein Jahr jünger, aus Vétroz im Kanton Wallis, mit grosser Brille, die sie nur für den Fotografen abstreift, die Ruhige, Überlegte, so scheint es.

Sie an der WM, die beiden Teenager? «Supercool», sagt Rast. «So langsam begreife ich, dass ich wirklich hier bin. Eigentlich müsste ich in meinem Alter ja an der Junioren-WM sein. Ich glaube, ich werde Spass haben.» Sie lächelt.

Dieser Höhepunkt des Winters vor Heimpublikum, er war vor kurzem noch weit weg für sie. Eigentlich wäre Rast ja noch Schülerin am Gymnasium in Brig, «in diesem Winter hatte ich aber keine Zeit mehr dafür». Sie war im Europacup unterwegs, bestritt auch vier Weltcuprennen, nie qualifizierte sie sich aber für den zweiten Lauf. Dann der Riesen­slalom in Kronplatz, Südtirol, vor drei Wochen. Der Exploit, vom 23. auf den 9. Rang im zweiten Lauf. «Nur unglaublich», sagte sie und staunte über sich ­selber: «Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich zu so etwas fähig sein würde. Ich kann es ja noch nicht einmal fassen, dass ich überhaupt im Weltcup fahren darf.»

Die WM? Absurd!

Tja, und jetzt ist plötzlich die WM ihre Bühne, heute im Riesenslalom schon zum zweiten Mal, nachdem die Trainer auch im Team-Event auf die junge Westschweizerin gesetzt hatten. «Keine ­Ahnung von solchen Sachen» habe sie gehabt, vom Team-Event, den Parallelrennen. Rast meisterte ihre Aufgabe dann ganz ansehnlich, auch wenn sie drei von vier Duellen verlor – allesamt gegen erfahrene Weltcup-Athletinnen wie Maria Pietilä-Holmner. An ihre neue Welt muss sich die 17-Jährige erst gewöhnen. Es ist die der besten Skifahrerinnen.

Als sie nach dem Riesenslalom in Kronplatz auf eine mögliche WM-Teilnahme angesprochen wurde, habe sie gedacht: «Darauf habe ich keine Lust.» Rast dürfte es anders gemeint haben, als sie es an diesem Tag in St. Moritz sagt, Deutsch ist nicht ihre Muttersprache. Dennoch drückt dieser Satz ganz gut aus, wie fern schon nur der Gedanke an eine WM-Nominierung noch vor wenigen Wochen war, wie absurd er schien.

Es hilft, dass Rast mit Mélanie Meillard eine Teamkollegin dabeihat, die sie Freundin nennt. «Es ist mir wichtig, dass ich mich mit jemandem auf Französisch unterhalten kann. Wir helfen uns gegenseitig. Und im Zimmer, wenn wir Ruhe haben, können wir uns auch einmal über andere Sachen unterhalten als übers Skifahren.» Oder: «Blödsinn ­machen», wie Mélanie Meillard sagt.

Grosse Augen und das «Was?»

Die Wege der beiden Romands kreuzten sich schon vor sechs Jahren, als Meillard mit ihrer Familie von Neuenburg ins Wallis zog. Sie duellierten sich als Juniorinnen, später an FIS-Rennen, im ­Europacup – und nun also an der WM.

Dass Meillard, deren zwei Jahre älterer Bruder Loïc morgen auch im Riesenslalom antritt, dabei ist – nach dieser ­Saison ist das keine Überraschung mehr. Früh in diesem Winter zeichnete sich ab, dass da eine kommt, die sich ganz wohlfühlt in der neuen Umgebung, dem Weltcup, die mit Erwartungen umgehen kann, mit der Aufmerksamkeit, die sie auf sich zieht. Frei von jeglichem Unbehagen steht sie jeweils im Zielraum, plaudert; wenn sie ein deutsches Wort nicht kennt, fragt sie mit einem lauten «Was?» und grossen Augen nach. Das schallende Lachen, es folgt.

So ganz unbeschwert wirkt Meillard auch in St. Moritz. Ihre Ziele? «Ich habe all die Medaillenfahrten der Schweizer und Schweizerinnen gesehen. Ich möchte das Gleiche machen.» Ihr Selbstbewusstsein: riesig. Dabei hatte Meillard vor diesem Winter nur gerade zwei Einsätze im Weltcup gehabt – in Åre und in Flachau kam sie nicht in die ersten 30.

Diese Saison aber war nur so gespickt mit Höhepunkten für die 18-Jährige. Im Riesenslalom von Sölden wurde sie 18., kurz darauf im Slalom von Levi Sechste. «Das war ein ganz gutes Resultat. Ich dachte: Vielleicht darf ich ja mit zur WM.» Sie hatte die Selektionskriterien des Verbandes bereits im ersten Slalom erfüllt. Es folgten insgesamt fünf weitere Top-15-Plätze, auch im Riesenslalom war sie konstant, die Teilnahme auch in dieser Disziplin die logische Konsequenz.

Mit Wendy Holdener haben Meillard und Rast eine Fahrerin im Team, die sich an der Weltspitze behauptet. «Das hilft», sagt Meillard, «ich will immer besser sein als sie. Das ist ein grosser Ansporn.» Heute tritt Holdener nicht an, im Riesenslalom hat sie nicht die erhofften Fortschritte gemacht. Am Samstag im Slalom gehört die Siegerin der Kombination dann wieder zu den Favoritinnen. Mit Lara Gut fehlt der Schweiz eine weitere grosse Figur. Für sie ist Jasmina Suter (21) nachgerückt, die Zürchern Simone Wild (23) komplettiert das junge Team.

Meillard und Rast stört es nicht, dass eine Leaderin fehlt. Sie gehen auch so unbekümmert an den Start.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2017, 23:21 Uhr

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