Die Schatten-Dynastie

Im Schweizer Landhockey ist Rotweiss Wettingen der Branchenprimus. Die Geschichte eines visionären Clubs ohne Aufmerksamkeit.

Finalspiel im Quartier:  Einst wollte man von Wettingen aus die Landhockey-Schweiz erobern. Die Vision wurde Realität. Fotos: Urs Jaudas

Finalspiel im Quartier: Einst wollte man von Wettingen aus die Landhockey-Schweiz erobern. Die Vision wurde Realität. Fotos: Urs Jaudas

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Ein erstes Bier gönnt sich Clubpräsident Beat Brunner jetzt schon. Ungeachtet dessen, dass das Spiel, das an diesem Nachmittag den Schweizer Meister im Landhockey eruieren wird, noch nicht einmal begonnen hat. Das Bierglas hat er wegen der Frauen in der Hand. Sie wurden kurz zuvor Meister. Wieder einmal. «Aber dieses Mal war es richtig knapp», sagt Brunner, als wäre ihm die Assoziation, die der Name seines Clubs auslöst, unangenehm. Rotweiss Wettingen steht in der Landhockey-Schweiz für vieles, vor allem aber für Dominanz. Während die Frauen auf dem Dach des Clublokals lauthals ihren 17. Meisterschaftsgewinn feiern, peilen die Männer unten auf dem Feld ihren 30. Titel an. Erst klatscht der Präsident seine Spieler am Spielfeldrand ab, dann mischt er sich unter die Zuschauer. An normalen Spieltagen finden zwischen 70 und 80 Leute ins überschaubare Stadion. Heute sind es einige mehr, selbst von den Balkonen der umliegenden Wohnhäuser schauen sie vereinzelt zu.

Der Coup in Europa

Der Finalgegner Wettingens kommt aus Genf. Es ist eine dieser wenigen Mannschaften, die für die Aargauer mehr sind als nur ein Sparringspartner. Dementsprechend eng ist das Spiel. Zur Pause führt Wettingen 1:0. Kurz danach fällt der Ausgleich. Es ist die heikelste Phase dieses Nachmittags. Die Aargauer aber wahren die Contenance. In der 50. Minute fällt das 2:1, fünf Minuten vor Schluss das 3:1. Ein Ersatzspieler eilt umgehend Richtung Kabine, um den Karton mit den Meistertrikots zu holen. Einzelne Fans begeben sich hinter das Wettinger Tor, um beim Schlusspfiff bengalisches Feuer in den Clubfarben abzubrennen. Alle wissen: Die Sache ist gelaufen. Rotweiss Wettingen wird Meister. Auch bei den Männern. Mal wieder.

Seit Beat Brunner das Präsidentenamt vor zwei Jahren übernommen hat, ­errangen die Männer und Frauen ­zusammen 12 von 14 möglichen Titeln. Die beiden jüngsten Meisterkrönungen bilden die nächste Episode einer Dynastie, deren Ursprung nun schon 17 Jahre zurückliegt. Seit der Jahrtausendwende versuchten sich immer wieder Vereine an der nationalen Spitze zu etablieren. Nur einem Verein gelang das nachhaltig: Rotweiss Wettingen. Das mache ihn stolz, sagt der Präsident. Vor allem aber ist es für ihn eine Bestätigung, dass die Vereinsstrategie, das Gros der Ressourcen in die Nachwuchsarbeit zu stecken, die richtige ist.

Zufriedener Präsident: Beat Brunner feierte schon
12 Meistertitel.

Einst hatte man in Wettingen die ­Vision, mit Talenten aus der Region die Landhockey-Schweiz zu erobern. Aus der Vision wurde Realität. Einige ­Akteure spielen seit ihren Jugendjahren zusammen und kennen eigentlich nur ein Gefühl: das des Siegens. Deshalb sind vor allem die europäischen Wettbewerbe stets eine Herausforderung. Lange wähnte sich Wettingen in einem Vakuum: zu abgebrüht für die Schweiz, zu unerfahren für Europa. Vor wenigen Wochen aber gelang der Exploit. Rotweiss triumphierte im Europacup in Russland, gewann jenes Turnier, das mit der Europa League im Fussball verglichen werden kann.

Für Geld Altpapier sammeln

Trotz all den Erfolgen blieb eines aber immer gleich: die Resonanz. Bis heute kämpft der Verein um Aufmerksamkeit. «Selbst wenn wir europäisch spielen, nimmt das nur die Szene wahr», erzählt Präsident Brunner. In erster Linie fehle es an medialer Präsenz. Brunner sieht aber auch die hohen infrastrukturellen Voraussetzungen sowie das komplizierte Regelwerk als Gründe dafür, dass das Landhockey noch immer ein Schattendasein friste.

Viele Spielerinnen in Wettingen kennen nur ein Gefühl: das des Siegens.

Weil dementsprechend auch das Geld ein knappes Gut ist, zahlen selbst NLA-Spieler einen Mitgliederbeitrag in die Vereinskasse. Zuweilen wird gar kollektiv Altpapier gesammelt. Tätigt der Club doch einmal Personalausgaben, dann für einen Trainer aus dem Ausland. «Weil dort das Ausbildungsniveau höher ist» erklärt Brunner. Im internationalen Vergleich ist die Schweiz nämlich noch immer ein Landhockey-Entwicklungsland. Gerade einmal 1500 Lizenzierte verteilen sich auf 20 Clubs. Und weil kein anderer Verein eine so grosse Nachwuchsbewegung wie Wettingen hat, spricht vieles dafür, dass die Aargauer Dynastie noch einige Jahre fortwährt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2017, 23:40 Uhr

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