Als sich McEnroe Sampras zur Brust nahm
Von René Stauffer. Aktualisiert am 06.02.2012 1 Kommentar
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Jim Courier erinnert sich gut an die Dezembertage im Jahr 1992. Der Captain des US-Teams, das kommende Woche in Freiburg auf die Schweiz trifft, war zu jenem Zeitpunkt die Nummer 1 der Welt und Leader eines Dream Team mit ihm, Pete Sampras, Andre Agassi und John McEnroe. Eine Allstar-Mannschaft, die in Fort Worth, Texas, gegen Finalneuling Schweiz haushoch favorisiert ist – aber plötzlich in Not geraten wird. «Es war eine turbulente, hektische Woche, mit vielen Hochs und Tiefs», sagt Courier im Rückblick.
Agassi schlägt Jakob Hlasek (ATP 36) zum Auftakt klar, doch dann gelingt Marc Rosset eine Meisterleistung. Wie wenige Monate zuvor in Barcelona, wo er aus dem Nichts Olympiasieger geworden ist, ringt die Nummer 35 den Weltranglistenersten Courier nieder und gleicht mit 6:3, 6:7, 4:6, 6:4, 6:4 auf 1:1 aus. Im «Tarrant Convention Center» herrscht Konsternation – umso mehr, als die 1500 rot-weissen Schweizer Schlachtenbummler die amerikanischen Fans mit Hunderten von Fahnen, Kuhglocken, Alphörnern, Rasseln und Gesängen überrumpeln konnten.
Notaktionen der Amerikaner – auf und neben dem Platz
«Für die Amerikaner war das wie eine Niederlage», erinnert sich der heute 47-jährige Hlasek. Die Stadtverwaltung von Fort Worth schafft über Nacht 3000 amerikanische Fahnen herbei, 2000 kommen aus Denver. Am Samstag, vor dem Doppel, werden sie verteilt, die US-Fans unter den 11 500 Zuschauern dominieren nun klar.
Doch schon wartet der nächste Schlag auf die Gastgeber: Pete Sampras, mit 21 Jahren schon die Nummer 3 der Welt, und der zwölf Jahre ältere McEnroe, der inmitten einer turbulenten Scheidung von Tatum O’Neal steht, fallen gegen Rosset/Hlasek 6:7, 6:7 zurück, das 1:2 droht.
Nun bricht Panik aus im Team von Tom Gorman. Es greift zu Trashtalk, die Schweizer werden verbal und mit Gesten provoziert, Agassi spuckt von der Tribüne Richtung Rosset. Als die Teams nach drei Sätzen in der Garderobe eine Pause einlegen, flippt McEnroe aus. «Ich werde nie vergessen, wie er auf Sampras losging, ihn anstachelte, schrie und wild gestikulierte», erzählt Courier. «Dabei war er nicht einmal unser Captain.»
McEnroe/Sampras gewinnen 6:7, 6:7, 7:5, 6:2, 6:1 und haben das Schlimmste abgewendet. An der Pressekonferenz begehrt Hlasek auf und beklagt sich über den mangelnden Respekt der Amerikaner. Heute, mit 20 Jahren Distanz, sieht er die Vorfälle gelassener. «Sie hatten halt Angst vor uns und versuchten alles, um zu gewinnen», sagt er. «In einem heutigen Davis-Cup-Final würde das nicht mehr passieren. Aber sie taten nichts Illegales. Ich war damals mit McEnroe und Courier befreundet, und beide entschuldigten sich später bei mir.»
Courier: Erst «zerstört», dann der Matchwinner
Die Amerikaner führen nun 2:1, im dritten Einzel trifft Courier auf Hlasek. Nach der Niederlage gegen Rosset sei er 24 Stunden lang «zerstört und deprimiert» gewesen, gibt der Amerikaner heute zu. Aber wenn Rosset einmal heiss gelaufen sei, habe man ihn fast nicht stoppen können. «Es war für mich ein schwieriges, langes Olympiajahr gewesen, ich war ausgebrannt und brauchte Ferien. Aber der Sieg im Doppel verschaffte mir die Chance, den Siegespunkt zu holen.»
Courier sei unter Druck und sehr nervös gewesen, erinnert sich Hlasek. «Alle Sätze waren ziemlich ausgeglichen.» Der Zürcher kann die Viersatzniederlage (3:6, 6:3, 3:6, 4:6) aber nicht verhindern und muss zuschauen, wie die Amerikaner den 30. Gewinn der «hässlichsten Salatschüssel» ausgelassen feiern. Vor allem McEnroe, der zehn Jahre auf seinen 5. Triumph in diesem Wettbewerb warten musste und dessen Karriere nun zu Ende geht.
Als Zweimannteam an Grenzen gestossen
Hlasek macht sich nichts vor: «Selbst wenn wir das Doppel gewonnen hätten, wären wir noch weit weg vom Sieg gewesen. Wir waren ein Zweimannteam, bei den Amerikanern kamen alle vier Spieler zum Einsatz. Und Marc war auch erschöpft, er hatte in zwei Tagen zehn Sätze gespielt.»
Fort Worth war der zweite und letzte Einsatz dieses amerikanischen Dream Team, nach einem 4:1 gegen Schweden im Halbfinal. Und für die Schweiz ging in Fort Worth die längste Siegesserie im Davis-Cup zu Ende, nach Erfolgen über die Sowjetunion, Neuseeland (beim Aufstieg 1991) sowie Holland, Frankreich und, im Halbfinal in Genf vor fast 20 000 Zuschauern, Brasilien. Was auf den bisher einzigen Final folgte, war weniger glorreich: Mit Niederlagen in Indien und Israel stieg die Schweiz postwendend ab. (SonntagsZeitung)
Erstellt: 06.02.2012, 20:59 Uhr
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1 Kommentar
Ich mag mich an diese Spiele erinnern. Das war damals wie an Olympischen Winterspielen von Lake Placid als die USA gegen Russland spielte. Vollkommen unsportlich und ohne Respekt gegenüber dem Konkurrenten. Schade hat es nicht ganz gereicht, aber die CH-Spieler konnten mit erhobenen Hauptes zurück in die Schweiz kommen. Antworten
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