Asarenka am Pranger

Die Weltranglistenerste Viktoria Asarenka untermauerte in Melbourne ihren Ruf, dass für sie der Zweck die Mittel heiligt und sie das komplizierte Regelwerk zur psychologischen Kriegsführung missbraucht.

Im Kreuzfeuer der Kritik: Hatte Viktoria Asarenka tatsächlich Atemprobleme – oder war ihr Leiden nur Show?

Im Kreuzfeuer der Kritik: Hatte Viktoria Asarenka tatsächlich Atemprobleme – oder war ihr Leiden nur Show? Bild: Keystone

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Als Viktoria Asarenka im Halbfinal gegen Sloane Stephens bei 6:1, 5:4 zwei medizinische Helfer auf den Court kommen liess, sich auf ihrem Stuhl drehte und wand, schaute hinter den Kulissen auch der Schweizer ITF-Supervisor Andreas Egli aufmerksam zu. Als sie danach den Platz verliess, konnte er sich eine Bemerkung nicht verkneifen, dass dies sportlich grenzwertig sei, dass solche Vorfälle aber immer häufiger seien, vor allem im Frauentennis.

Andere urteilten härter. Über Twitter prasselte ein Gewitter von Vorwürfen auf Asarenka nieder: Die Nummer 1 sei unsportlich gewesen, unfair, habe in betrügerischer Absicht gehandelt und nur bezwecken wollen, dass ihre Gegnerin nervös werde oder aus dem Rhythmus gerate – was prompt geschah. Dieser Meinung ist auch David Nainkin, der Coach von Sloane Stephens, die zehn Minuten alleine warten musste, aber nicht überrascht war: «Solche Dinge liegen im Trend.» Als Asarenka zurückkam, schaffte sie gleich das erlösende Break, nachdem sie zuvor fünf Matchbälle verzittert hatte.

Egli ist selber als Supervisor auch für solche Fälle zuständig und kennt das komplizierte Regelwerk in- und auswendig. Wie konnte es dazu kommen, dass fast zehn Minuten vergingen, bis Asarenka weiterspielte, wo doch die medizinischen Time-outs auf drei Minuten beschränkt sind? Egli: «Die Zeit beginnt erst zu laufen, wenn die Verletzung einmal evaluiert worden ist. Und wenn dann eine Spielerin auch noch vom Platz gehen und eventuell Kleider aus- und wieder anziehen muss, sind schnell zehn Minuten vergangen.» Asarenka bezog zudem gleich zwei Time-outs auf einmal – für eine angebliche Rippen- und eine angebliche Knieverletzung, wodurch ihr zweimal drei Minuten zustanden.

Supervisor arbeiten eng mit den ärztlichen Betreuern zusammen und überwachen deren Vorgehen. Alte Verletzungen oder Krämpfe etwa dürfen nicht behandelt werden – aber die Spieler(innen) sind schlau. Egli weiss, dass das Pflegepersonal keine leichte Arbeit hat. «Diese Leute sind zwischen Hammer und Amboss.» Das Regelwerk ist zwar klar – doch manchmal ist es schlicht unmöglich zu erkennen, ob jemand wirklich Anspruch auf medizinische Hilfe hat oder nur den sterbenden Schwan aufführt. Asarenka sprach später plötzlich von Rippen- und Atemproblemen, nachdem sie am Anfang des Satzes schon ein Knöchelprobleme bekundet hatte. Die Weissrussin hat einen gut dokumentierten Ruf, die Regeln bis an die Grenzen zu strapazieren und notfalls auch zur psychologischen Kriegsführung zu greifen. Die Polin Agnieszka Radwanska hatte vor einem Jahr erklärt, sie habe im Halbfinal gegen Asarenka in Doha allen Respekt vor ihr verloren. «Was hier geschieht, ist nicht gut für das Image des Frauentennis.»

Als sie gefragt wurde, weshalb sie das Time-out genommen habe, hatte Asarenka im Platzinterview und auch im ersten TV-Interview noch nichts von einer Verletzung erwähnt. Sie habe fast den «choke of the year» fabriziert, gab sie in Anspielung an die vergebenen Matchbälle offen zu, was bemerkenswert ist und bedeutet: Fast hätte sie aus Nervosität den Sieg noch vergeigt. Sie sei einfach nervös und überwältigt gewesen, angesichts der Bedeutung dieses Turniers, das sie unbedingt wieder gewinnen wolle. Die Verletzungsstory tischte sie erst viel später an der Medienkonferenz auf. Kritiker waren schnell zur Stelle und forderten striktere Regeln, etwa ein Verbot, dass eine Spielerin zu diesem späten Zeitpunkt im Match als Rückschlägerin den Court nicht mehr verlassen darf (Aufschläger geraten durch Pausen in der Regel stärker aus dem Rhythmus als Returnspieler). Doch das ist einfacher gesagt als umgesetzt. Denn was wäre, wenn in der 40-Grad-Hitze Melbournes tatsächlich eine Spielerin kurz vor Spielende einen schlimmen Asthmaanfall erleiden würde? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.01.2013, 07:24 Uhr)

René Stauffer ist Tennisexperte beim «Tages-Anzeiger». Für Tagesanzeiger.ch/Newsnet bloggt er vom Australian Open.

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