«Dass ich Roger überholt habe, ist umso besser»

Stanislas Wawrinka blickt in Indian Wells auf die turbulente Zeit nach Melbourne zurück. Und er sagt, warum er nach dem grossen Sieg so cool blieb.

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Sind Sie der vielen Interviews nicht langsam überdrüssig?
Es prasselt schon sehr viel auf mich ein. Aber Indian Wells ist ein gutes Turnier, um solchen Verpflichtungen nachzukommen. Und ich tue das lieber hier als in der Schweiz. Denn dort verbringe ich die Zeit lieber mit meiner Familie.

Nach dem Sieg in Australien liessen Sie Montpellier, Rotterdam und Marseille aus. Hatten Sie Respekt vor der Rückkehr auf die Tour?
Nein, ich hätte gern eines oder zwei dieser Turniere gespielt. Aber nach dem Davis-Cup in Novi Sad hatte ich Probleme mit den Beinen, der Arzt riet mir zur Pause. Dies war ein Segen. Denn so konnte ich Ordnung in meinen Kopf und mein Leben bringen, alles verarbeiten.

Ist Ihnen das gelungen?
Ja. Weil ich etwas verletzt war, trainierte ich auch kaum. Jetzt bin ich mental wieder frisch. Seit ich in Kalifornien ankam, bin ich extrem motiviert und habe Lust, zu arbeiten, zu spielen.

Wie gehen Sie mit den gesteigerten Erwartungen um?
Druck hat man immer, auf jedem Niveau. Und Druck kommt auch von mir selber. Ich will ja auch besser werden, mehr gewinnen, weiter nach oben kommen.

Als Nummer 3 ist das schwierig.
Ich kann mich auch resultatsmässig noch stark steigern. Zum Beispiel habe ich ja noch keine Turniere der 500er- oder 1000er-Kategorie gewonnen.

Als Grand-Slam-Sieger haben Sie einen neuen Status erreicht. Was ist der grösste Unterschied?
Vor allem die vielen Anfragen der Medien, die grössere Popularität bei den Fans. Es ist wirklich ein riesiger Unterschied zu vorher, auch wenn ich sehr vieles absage. Es kommen auch mehr Zuschauer zu meinen Trainings, und ich spiele gleich in den grössten Stadien.

Sie sind ein ruhiger Typ. Nun stehen Sie fast überall im Zentrum. Stört Sie das?
An Turnieren habe ich damit kein Problem. Das gehört dazu, ich habe ja auch die Resultate erzielt, die das rechtfertigen. Doch dies hindert mich nicht daran, ein ruhiger Typ zu bleiben, meine Karriere und den Alltag in Ruhe zu führen. Klar: Gerade in der Schweiz hat sich alles massiv verändert. Immer kommt jemand, will ein Foto, ein Autogramm. Ich mache es gern, wenn ich kann. Aber wenn ich mit der Familie zusammen bin, habe ich am liebsten Ruhe.

Merken Sie, dass sich Ihr Image verändert hat?
Sicher. In der Schweiz und in der Tenniswelt habe ich jetzt das Image eines Siegers, eines Grand-Slam-Champions, eines Weltranglistendritten. In diesen Bereich stossen wenige vor, vor allem in den letzten Jahren mit der Dominanz von Federer, Nadal und Djokovic. Es ist schon aussergewöhnlich, dass ich das geschafft habe.

Sie wiederholen oft, dass es nicht Ihr Ziel sei, ein weiteres Major-Turnier zu gewinnen. Ist das nur eine taktische Aussage, um sich etwas Ruhe zu verschaffen?
Das ist nicht der Grund. Ich weiss, dass es möglich ist, ein weiteres Grand-Slam-Turnier zu gewinnen – wenn ich mein Niveau weiter steigern kann und meine Topform erreiche. Aber ich kann mir das nicht als Ziel setzen, das wäre zu hart. Denn ich weiss, wie stark Nadal, Federer und Djokovic sind und wie viel es braucht, um diese Titel zu holen. Nur wegen Melbourne kann ich nun nicht sagen: Jetzt will ich auch Roland Garros gewinnen. Vielleicht komme ich in den Halbfinal oder in den Final, vielleicht verliere ich früher. Ich nehme einfach Schritt für Schritt.

Anfang April spielen Sie in Genf gegen Kasachstan. Wie wichtig ist der Davis-Cup dieses Jahr für Sie?
Er war mir schon immer enorm wichtig. Der Unterschied ist, dass Federer dieses Jahr von Anfang an dabei ist und wir vom Potenzial her ein Team haben, das den Titel gewinnen kann. Das ist klar, das wissen wir, und wir haben eine gute Auslosung. Und wir wissen auch, dass es im Tennis und im Davis-Cup viele Überraschungen gibt. Es könnte auch eine Überraschung für uns sein, und darauf bereiten wir uns bestmöglich vor.

Betrachten Sie es als Anerkennung Federers Ihnen gegenüber, dass er gegen Serbien spontan antrat?
Ich denke nicht und sehe das auch nicht so. Es war super für mich, eine tolle Neuigkeit – aber er spielt nicht für mich, sondern auch für sich selber. Das hatte nichts mit meinem Sieg zu tun.

Stimmt der Eindruck, dass Ihre Beziehung zu Federer in den letzten Wochen enger geworden ist?
Unser Verhältnis war schon immer so (macht mit der Hand eine Wellenbewegung). Die Basis war immer sehr gut, aber es gab Hochs und Tiefs, je nachdem, wie oft wir uns sahen. Nun stehen wir uns wieder näher, weil wir im Davis-Cup spielen. Wir sehen uns deswegen mehr, spielen hier Doppel, diskutieren. Das hat nichts mit Melbourne zu tun.

Aber Sie haben jetzt noch mehr Gemeinsamkeiten.
Bezüglich Karriere schon. Es gab einfach Jahre, in denen wir uns wenig sahen, weil wir beide eine Familie haben.

Sie sagten hier, dass Sie die immer wiederkehrende Frage stört, was es Ihnen bedeute, Federer als bester Schweizer abgelöst zu haben. Weshalb?
Weil dies nie mein Ziel war. Mein Ziel war stets, das Maximum zu erreichen. Dass ich nun auch Roger überholt habe, ist umso besser. Aber ich führe keinen Kampf gegen einen einzelnen Spieler, um vor ihm klassiert zu sein. Dass ich als Nummer 3 vor Federer klassiert bin, bedeutet mir nicht mehr, als dass ich vor Berdych und Tsonga stehe.

Haben Sie sich bereits daran gewöhnt, ein Grand-Slam-Champion zu sein?
Ich brauchte schon Zeit, zu realisieren, was ich erreicht habe. Mein Vorteil ist, dass ich bereits 28 bin, schon zehn Jahre auf der Tour spiele und alles kenne. Ich habe mein Leben im Griff, bin glücklich damit und will es nicht ändern. Das alles hilft mit, dass ich es ruhiger nehme, als wenn ich erst 20 wäre.

Welches waren für Sie die stärksten Reaktionen nach Melbourne?
Es gab so viele, dass keine wirklich herausragt. Für mich war es kapital, dass ich zu meiner Familie zurückkehren und mit ihr Zeit verbringen konnte. Dass ich zusammen mit ihr alles in Ruhe betrachten konnte.

Hätten Sie nicht Lust, wie Federer mehr mit der Familie zu reisen?
Wegen eines Grand-Slam-Titels werde ich nicht plötzlich alles verändern. Wir entschieden uns vor einigen Jahren, so zu leben. Für ein Kind ist das Reisen schwierig, wenn es nicht so normal ist wie bei Roger, bei dem die Familie schon immer dabei war. Meine Tochter braucht ihren geregelten Tagesablauf, sie geht in die Schule, muss zu Hause sein. Ich achte bei meinem Programm darauf, nicht allzu lange unterwegs zu sein.

Stimmt es, dass Ihre Tochter eine schlechte Erfahrung machte mit dem Fliegen?
Ja, als sie klein war. Sie fühlt sich nicht wohl, wenn sie reisen und in Hotels wohnen muss.

Wer – ausser Ihnen – hat den grössten Anteil am Erfolg: Magnus Norman, Pierre Paganini, Severin Lüthi?
Da gibt es kein Ranking. Aber von allen Leuten in meinem Umfeld ist Pierre (Paganini) jener, der von Anfang an dabei und immer für mich da war. Er hat mich physisch geformt, seit Jahren verfolge ich sein Programm, mit ihm hatte ich eine langfristige Vision. Er ist nicht nur der Fitnesstrainer, sondern auch ein Freund, ein Mentor, der mir nicht nur für die Karriere, sondern auch privat sehr viel gebracht hat.

Sie sind auch finanziell in neue Dimensionen vorgestossen. Wie ist Ihre Beziehung zum Geld? Belohnen Sie sich nach einem solchen Sieg, kaufen Sie bald eine neue Villa?
Ich habe mir nichts gekauft. Mein Bezug zum Geld ist, wie ich selber bin: ruhig. Ich bin keiner, der Verrücktes macht. Ich bemühe mich, mich gut um meine Familie zu kümmern. Ich habe dank des Tennis schon seit einigen Jahren ein sehr schönes Leben. Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern.

Beabsichtigen Sie und Ihr Manager Lawrence Frankopan, neue Verträge abzuschliessen?
Es gibt viele Offerten und Anfragen, und wir sind an neuen Partnerschaften interessiert. Aber ich will mich nicht stressen lassen. Ich nehme mir Zeit zu prüfen, was zu mir passt und mir gefällt.

Wurde Ihr Management überrumpelt?
Es war schon verrückt: Jeder wollte mich plötzlich kennen, jeder wollte etwas, jeder wollte gewusst haben, dass ich einen Grand Slam gewinnen würde, es ging drunter und drüber. Und leider gibt es Journalisten, die ihre Quellen nicht überprüfen. Aber auch das hat sich inzwischen beruhigt.

Als Sie in Melbourne gewannen, jubelten Sie kaum. Wie blicken Sie mit Abstand darauf zurück?
Viele fragen mich: Warum bist du nicht auf den Boden gefallen, warum hast du nicht dein Racket weggeworfen? Aber ich habe keine Lust, Show zu machen. Ich spiele nichts vor, sondern versuche, so natürlich wie möglich zu sein. Ich feierte auf meine Art, hob die Hände gegen den Himmel. In diesen 5, 10 Sekunden ging mir alles durch den Kopf.

Wie gross ist Ihre Lust, dies noch einmal zu erleben?
Je mehr du gewinnst, desto mehr willst du noch gewinnen. Auf jedem Niveau. Und wenn du einmal solche Emotionen erlebt hast, kannst du davon nur immer noch mehr wollen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.03.2014, 07:13 Uhr)

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Indian Wells

15. Duell mit Doppelpartner Federer?
Stanislas Wawrinka verlängerte seine Siegesserie am Montag in Indian Wells problemlos auf 13 Einheiten. Dabei gelang ihm eine bestechende Leistung sowie ein persönlicher Rekord: 49 Minuten reichten ihm zum 6:0, 6:2 über Andreas Seppi (ATP 29), schon nach 19 Minuten war der erste Satz gewonnen. «Ich habe das Gefühl, dass ich noch stärker geworden bin», sagte Wawrinka, der von einem perfekten Match sprach. «Seppi konnte mir nicht wehtun.» Damit fehlen noch zwei Siege, und im Viertelfinal kommt es zum 15. Duell zwischen ihm und Roger Federer.

Nach dem gestrigen Ruhetag trifft der Lausanner im Achtelfinal heute ab ca. 22.30 Uhr (Teleclub) auf Kevin Anderson (SA, 18), gegen den er 3:0 führt, vor dem er aber viel Respekt zeigt: «Er schlägt hervorragend auf und wird auch sonst immer stärker.» Federer muss anschliessend gegen Tommy Haas (12) antreten, mit dem er befreundet ist und gegen den er 3 von 15 Duellen verlor.

Gemeinsam erreichten Wawrinka/Federer die Viertelfinals bereits, dank eines 7:6, 7:6 über Milos Raonic/Ernests Gulbis; sie treffen nun auf Paes/Stepanek. Mit dem gleichen Resultat hatte Roger Federer Stunden zuvor den Russen Dimitri Tursunow bezwungen, womit er bei acht Siegen in Folge angelangt ist. Er weilt inzwischen ohne Coach in ­Kalifornien, da Stefan Edberg nach Stockholm an ein Legendenturnier reiste, für das er schon lange zugesagt hatte.
(rst)

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