Der Clash der Alphatiere

Wie es zum Konflikt zwischen Roger Federer und den Swiss Indoors kam.

Verletzte Eitelkeiten: Nicht nur das Geld hat zwischen Roger Brennwald und Roger Federer zu Unstimmigkeiten geführt.

Verletzte Eitelkeiten: Nicht nur das Geld hat zwischen Roger Brennwald und Roger Federer zu Unstimmigkeiten geführt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Roger Federer spät am Montag den Interviewraum der Londoner 02-Arena verliess, sagte er zu Westschweizer Journalisten: «Und ihr Medien denkt, es gehe nur um Geld …» Die letzten Fragen hatten sich um die Swiss Indoors und die Verlängerung seines Vertrags gedreht - eine Geschichte, in der, wie er sagte, «ein riesiges Puff» entstanden war. Nach verschiedenen Treffen in London stehe einer gemeinsamen Zukunft aber nichts mehr im Weg, hatte er zuvor erklärt.

Wenn nicht (nur) um Geld - worum ging es dann? Kurz: Um verletzte Eitelkeiten, das Gefühl mangelnden Respekts, fehlender Anerkennung und missachteter Fairness; um aufgestaute Beziehungsstörungen im Umfeld beider Parteien und darum, dass zwei Philosophien aufeinanderprallten.

Hier der unabhängige, 66-jährige Selfmade-Manager Roger Brennwald, das unumstrittene Alphatier der Indoors, die sein Reich sind, sein Lebenswerk, und der es sich nicht nehmen lässt, die Spieler stets als Letzter auf die Courts zu verabschieden. Dort der umjubelte Rekordbrecher mit seinem Manager Tony Godsick, die bis Anfang Juni der im Tennis lange dominierenden Agentur IMG angeschlossen waren. Als sie 2010 ihr Interesse bekundeten, Brennwald die Swiss Indoors abzukaufen, reagierte dieser pikiert und bezeichnete sie als «unverkäuflich». Seither scheinen ihm Federer und Godsick auch eine Bedrohung.

Federer-Festspiele

Die Swiss Indoors sind Brennwald - und Brennwald ist die Swiss Indoors: So lautete seit 1970 die Losung. Bis mit Federer ein anderes Alphatier auftauchte. Die Indoors wurden unvermittelt zu den Federer-Festspielen, Brennwald und sein OK waren, überspitzt formuliert, nur noch die Kulissenschieber, nicht mehr Herr im Haus.Dass Federer mit Godsick ein weiteres Alphatier mitbrachte, vereinfachte die Ausgangslage nicht, als der ausgelaufene Mehrjahresvertrag verlängert werden sollte. Zumal der Amerikaner der Überzeugung ist, dass Federer zuletzt nicht die angemessene Wertschätzung erhielt, das Turnier von ihm enorm profitiert habe. Federer, konsequent wie er ist, mischte sich nicht ein in die Verhandlungen, überliess sie seinem Topangestellten - bis es nicht mehr anders ging. Vielleicht hätte er früher intervenieren müssen.

Dabei standen die Gespräche im Frühling kurz vor dem Abschluss, als gemäss Federer Brennwald wegen Details einen Rückzieher machte und die Verhandlungen auf die Zeit nach dem Turnier verschoben wurden. Gemäss Brennwald waren diese Verzögerungen auch eine Folge davon, dass die beiden IMG verlassen hatten.

Während der Indoors eskalierte die Geschichte. Als die «Aargauer Zeitung» nach Indiskretionen schrieb, dass Godsick statt wie bisher etwa eine halbe Million Franken Antrittsgage nun eine siebenstellige Summe fordere, ging die Lawine los. Federer stand als Vampir da, der sein Heimturnier aussaugen wollte. Und selbst Leute, die keine Ahnung von den Mechanismen des Profitennis und den finanziellen Dimensionen besitzen, in denen sich der vierfache Weltsportler bewegt, sahen sich befugt, ihn Abzocker zu schimpfen.

Die Frage nach dem grossen Los

Brennwald pflegt sein Turnier stets mit der grossen Kelle anzurichten, allein vier Millionen Franken steckt er jährlich in die Infrastruktur der St.-Jakobs-Halle. Er verhehlte während des Turniers seine Verstimmung über die Forderungen nicht und klagte, nicht jeder könne sich einen Rolls-Royce leisten. Auf die Frage, ob er mit Federer das grosse Los gezogen habe, antwortete er: «Das grosse Los? Okay, dann habe ich halt das grosse Los gezogen. Dann schreibt das doch. Man vergisst, dass wir 35 Jahre eine volle Halle hatten. Grosses Los? Soll ich jetzt Vor- und Nachteile aufzeigen? Hat ihn schon jemand gefragt, ob er das grosse Los gezogen hat?» So war die Stimmung.Die finanzielle Lage der Swiss Indoors hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert, auch wegen der Wirtschaftskrise, vor allem aber wegen des Wegfalls von Titelsponsor Davidoff, der vor zwei Jahren wegen Werberestriktionen nach 17 Jahren abspringen musste.

Die Beispiele Graf, Gaga, Gölä

Federer und Godsick schwiegen und schweigen zu den Details. Würden sie reden, dürften sie darauf hinweisen, wie loyal der sechsfache Sieger zu Basel immer war - seit 1997 war er stets am Start, mit Ausnahme von zwei Jahren, als er verletzt war. Oder wie viel er für Basel geopfert hat, dass er dafür Offerten von Turnieren in Bangkok, Tokio oder Peking ablehnte, wo ihm bis zu drei Millionen Dollar Gage geboten werden. Sie würden vielleicht darauf hinweisen, dass es hauptsächlich ihm zu verdanken ist, dass die Indoors 2009 in den begehrten Kreis der ATP-500-Turniere aufstiegen, wodurch TV-Einnahmen und -Verbreitung massiv gesteigert werden konnten, die Sponsoren, Partner, Zuschauer und Logenbesitzer einen höheren Gegenwert erhalten und entsprechend tiefer in die Tasche greifen müssen. Das Turnier eilt von Zuschauerrekord zu Zuschauerrekord - und die Eintrittspreise sind massiv gestiegen. Kostete eine Dauerkarte 2007 für acht Turniertage 850 Franken, musste dafür dieses Jahr (neun Tage) 1250 Franken bezahlt werden, was einer Verteuerung von netto 47 Prozent entspricht. Sie könnten erwähnen, dass bis 1500 Zuschauer weniger kommen (wie am Dienstag dieses Jahres), wenn Federer nicht spielt, oder dass das Budget seit 2007 um rund ein Viertel auf 18,5 Millionen angestiegen ist.

Vielleicht würden sie auch bemerken, dass das Geld, das Brennwald bei Federer einsparen würde, dafür in den Taschen anderer Stars landen dürfte - mit dem Effekt, dass es für ihn noch schwieriger werden würde, den Titel zu holen. Und sie könnten die Frage aufwerfen, weshalb es Basel nicht gelungen ist, Davidoff zu ersetzen, oder weshalb die meisten von Federers Schweizer Sponsoren am Turnier nicht engagiert sind. Die Antwort will öffentlich keiner geben. Ein Vertreter eines im Tennis investierenden grossen Unternehmens sagte es krass: «Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist halt schon nicht so gut. Und wenn Roger einmal nicht mehr spielt, ist das Turnier ohnehin gestorben.»

Zudem stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine moralische Verpflichtung für Federer gibt, immer in Basel zu spielen, zumal dessen Platz im Turnierkalender kurz vor Paris und dem ATP-Finale nun für ihn deutlich ungünstiger geworden ist. Steffi Graf etwa liess während ihrer Karriere das Turnier in Stuttgart/Filderstadt konsequent aus und spielte stattdessen in Zürich. Wird von Lady Gaga verlangt, jährlich zu einer Discountgage in New York zu spielen, damit sich ein Veranstalter gesund verdienen kann, oder von Gölä in Thun?

Wie es scheint, hat die Vernunft gesiegt. Wäre auch zu bedauerlich gewesen, wenn sich die beiden Rogers nicht mehr finden würden, schrieben sie doch einige der schönsten Geschichten im Schweizer Sport, jeder für sich und beide zusammen.

Die Losung lautete: Die Swiss Indoors sind Brennwald. Dann tauchte Federer auf.

(Erstellt: 15.11.2012, 10:28 Uhr)

Artikel zum Thema

«He is simply the best»

Nach dem spannenden Saisonfinale beim Masters in London würdigen die internationalen Medien Sieger Novak Djokovic – aber auch Verlierer Roger Federer. Mehr...

Djokovic gab alles für seinen kranken Vater

Novak Djokovic erklärte nach seinem Finalsieg gegen Roger Federer beim ATP-Masters in London, warum er während des gesamten Turniers speziell motiviert gewesen war. Mehr...

Nicht mehr der König – aber klar die Nummer 2

Roger Federer hat seine Position als Nummer 2 der Welt behauptet. Er ist weiterhin zu allem fähig. Mehr...

René Stauffer ist Tennis-Experte beim «Tages-Anzeiger». (Bild: Tages-Anzeiger)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Marktplatz

Blogs

Mamablog Werden Sie wie Ihre Mutter? Machen Sie unseren Test
Blog Mag Der Vater und das tote Baby
Private View Kunst in allen Stellungen

Die Welt in Bildern

Sauberes Synchrontrocknen: Nach einem Wolken- und einem damit verbundenen Spielunterbruch versuchen Mitarbeiter des US Open, einen Tennisplatz zu entwässern (31. August 2014).
(Bild: Eduardo Munoz) Mehr...