Scharapowa - Fall einer Diva

Maria Scharapowa wurde zur bestbezahlten Sportlerin der Welt. Nun bezahlt sie teuer für ihr Vergehen.

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Da war es wieder, dieses Divenhafte, Spöttische, Abweisende; dieses überlegen Wirkende, das sie schon begleitet hatte, als sie als 17-Jährige wie eine Lichtgestalt in der Tenniswelt erschienen war. Selbst in der härtesten Stunde ihrer Karriere konnte es Maria Scharapowa nicht unterlassen, einen zwar lustig gemeinten, aber schlecht getimten Spruch zu platzieren, der ihre tiefe Abneigung gegen das Biedere, Gewöhnliche, Unvollkommene offenbarte. «Falls ich je den Rücktritt verkünden sollte», sagte sie also an diesem Montag, als sie über ihr Dopingvergehen orientierte, «dann wäre es bestimmt nicht in einem Hotel in Downtown Los Angeles mit diesem ziemlich hässlichen Teppich.»

So war sie schon immer, und so ist sie auch geblieben, Marija Jurjewna Scharapowa, nachdem sie schlagartig vom ­glamourösen Weltstar zur geächteten Dopingsünderin wurde. Sie, die Tennisgöttin, die Diva, die über allen anderen zu schweben schien, die ihre ­eigene Grösse von 1,88 m auch physisch noch gern zu überhöhen pflegte, indem sie in High Heels auftrat, fiel wie wohl noch keine andere Tennisspielerin vor ihr ins Bodenlose.

Die Bestverdienende

Dieses tief verwurzelte Selbstverständnis, etwas Besonderes, etwas Besseres zu sein, hatte mitgeholfen, die 28-Jährige zur am besten vermarktbaren Sportlerin der Welt werden zu lassen, zusammen mit ihrer modelhaften Erscheinung und, natürlich, ­ihren Erfolgen.

Schon seit 2006 – vier Jahre bevor sie mit Nike einen angeblich mit 70 Millionen Dollar dotierten Werbevertrag über acht Jahre abschloss – gilt sie gemäss dem Wirtschaftsmagazin «Forbes» regelmässig als weltweit bestverdienende Sportlerin. Clever betreut von ihrem ­Manager Max Eisenbud, der sie für die Agentur IMG von Anfang an vertrat, schloss sie Vertrag um Vertrag ab. Zu ­ihren Werbepartnern gehören und gehörten neben Nike Firmen wie Audemars Piguet, TAG Heuer, Head, Porsche, Evian, Canon, Motorola, Land Rover, Tiffany, Gatorade, Tropicana ... Zur Erfolgsstory wurde schliesslich auch die 2012 erfolgte Lancierung der Bonbon-Marke Sugarpova; bereits 2014 wurden weltweit in über 30 Ländern drei Millionen Säckchen davon verkauft.

Gemäss Forbes nahm die 28-Jährige im vergangenen Jahr allein dank ihren Verträgen 23 Millionen Dollar ein – mehr als das Dreifache ihres Preisgeldes. Auffallend ist aber auch, wie schnell nun ­aktuelle Partner wie Nike, TAG Heuer oder Porsche nun auf Distanz gingen.

Die 17-jährige Wimbledonsiegerin

Kein Zweifel, Scharapowas Image kam an. Im Gegensatz zum umschwärmten Tennissternchen Anna Kurnikowa, das ohne Turniersieg abtrat, sah sie nicht nur blendend aus, sondern war auch sportlich sehr erfolgreich. Zwar waren ihre Triumphe nicht einmal besonders zahlreich, verglichen mit den Besten ihres Sports – aber dafür von aussergewöhnlicher Qualität und zudem schön über die Jahre verteilt. Schon als 17-Jährige gewann sie als drittjüngste Spielerin 2004 Wimbledon – mit einem 6:1, 6:4 gegen Titelverteidigerin Serena Williams. Damit hatte sie ihre Marke gesetzt, ihre Karriere lanciert. Und selbst die 18 Niederlagen, die sie in den vergangenen elf Jahren gegen die gleiche Spielerin in ebenso vielen Partien hinnehmen musste, konnten ihrem Image nicht nachhaltig schaden.

Zwei Jahre später triumphierte sie auch am US Open, weitere zwei Jahre später am Australian Open. Und als sie 2012 ihr erstes French Open gewann, hatte sie mit nur vier Majortiteln gleich auch den Karriere-Grand-Slam geschafft, als erst zehnte Spielerin.

Scharapowas Doping-Geständnis. Video: Reuters

Ihr Image wurde vor allem geprägt von diesem Sphinxhaften, Unnahbaren, Abgehobenen, Unangreifbaren. Ein Bild, das in der Öffentlichkeit viel besser ankam als im Tenniscircuit. Denn dort galt sie rasch als Einzelgängerin, die kommt, spielt und wieder geht und sich, wenn immer möglich, von den Gegnerinnen abwendet. Und das im Wortsinn: Maria Scharapowa, das war immer auch dieses Gekünstelte, Theatralische, dieses Der-Gegnerin-den-Rücken-Zuwenden vor Return und Aufschlag, dieses Schultern-hochziehen-und-tief-Durchatmen, dieses ohrenbetäubende Stöhnen, das umso lauter zu werden schien, je wichtiger der Punkt.

So entfremdete sie sich immer mehr von den meisten ihrer Kolleginnen, weshalb es nun auch nicht überraschen darf, dass diese nun wenig Mitgefühl zeigen für ihre Vergehen und ihre Lage (zumindest hinter vorgehaltenen Händen).

Scharapowas Art, auf die Konkurrenz – und viele andere, darunter auch Journalisten – hinunterzublicken, dürfte auch in ihrer Jugend gründen. Schon früh muss sie zur Überzeugung gelangt sein, etwas Aussergewöhnliches zu sein. Ihre Eltern lebten im weissrussischen Gomel, etwa 130 km nördlich von Tschernobyl, als es dort im April 1986 in einem Kernkraftwerk zur verheerenden ­nuklearen Katastrophe kam. Als Mutter Jelena bald darauf schwanger wurde, verliessen sie die Gegend fluchtartig – aus Angst vor den Folgen der Verseuchung für das noch ungeborene Kind. Sie zogen weit weg, ins sibirische Nyagan, dort kam ­Maria am 19. April 1987 zur Welt.

Die amerikanisierte Russin

Zwei Jahre später dislozierte die Familie nach Sotschi, wo Vater Juri – ein Mann, der um jeden Rubel kämpfen musste – den Vater des späteren Tennis-Olympiasiegers Jewgeni Kafelnikow kennen lernte. Die kleine Maria begann mit vier Jahren auch zu spielen und wurde als Sechsjährige bei einem Sichtungsturnier in Moskau von der grossen Martina Navratilova entdeckt. Bald darauf, mit sieben, tauchte sie mit ihrem Vater in die Tennisakademie der Agentur IMG bei Nick Bollettieri in Florida auf, wo sie bleiben sollte – weshalb sie längst viel mehr Amerikanisches als Russisches an sich hat. Fast zwei Jahre vergingen, bis auch die Mutter nachreisen konnte.

«Ich freue mich auf viele weitere ­Duelle gegen sie», sagte Scharapowa, als sie am 24. Januar 2016 in Melbourne ­Belinda Bencic 7:5, 7:5 geschlagen und 58 Winner und 21 Asse – mehr als je zuvor – produziert hatte. Ob sie je wieder auf den Tenniscourt zurückkehrt, steht nun in den Sternen. Zwei Tage und eine Partie später gab sie die verhängnisvolle ­Dopingprobe ab, die das seit 2016 ver­botene Meldonium enthielt. Eine Probe, die die 35-fache Turniersiegerin, die schon mit 18 die Nummer  1 der Welt wurde, in Ungnade fallen liess und ihre Karriere sogar beenden könnte. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.03.2016, 09:32 Uhr)

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Stand: 20.06.2016 13:40

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