Die Federers – Wimbledon feiert eine Familie

Die Zwillingssöhne waren die heimlichen Stars beim Londoner Finale vor 15'000 Zuschauern.

Erstmals auch im Stadion vor grossem Publikum: Die Zwillinge der Federers beim Wimbledon-Finale. (Video: SRF, bearbeitet von Lea Koch)

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Wenn Roger Federer einen Wimbledon-Final spielt, bleibt selten ein Auge ­trocken. Diesmal flossen die Tränen zuerst bei Marin Cilic, doch auch Roger ­Federer enttäuschte nicht. Als alles vorbei war, nach nicht einmal zwei Stunden, und der Schweizer auf seiner Bank Platz nahm und auf die Siegerzeremonie ­wartete, schossen auch ihm die Tränen in die Augen. Als dies am Henman Hill auf Grossleinwand übertragen wurde, jubelten die Massen wie nach einem Zauberschlag. Es rührt die Tennisfans zu sehen, wie viel ihm dieser Sport und ­insbesondere Wimbledon nach all den Jahren noch bedeutet.

Als sich der Maestro den ­Reportern stellte, trug er stolz ein T-Shirt mit der Aufschrift: «Ro8er». Den achten Titel, mit dem er an seinem Lieblingsturnier der alleinige Rekordsieger ist, hatte er lange erdauern müssen. 1834 Tage ­liegen zwischen den Wimbledon-­Titeln 7 und 8. 2014 und 2015 fügte ihm Novak Djokovic zwei schmerzhafte Final-Niederlagen zu, die Chancen auf einen weiteren Pokal schienen für ­Federer zu ent­schwinden. Und nun das: Wie Rafael Nadal in Paris stürmte auch der Schweizer in Wimbledon ohne Satzverlust zum ­Titel. Erstmals.

Keine Spannung? Umso besser!

Dass der Final gegen Cilic wenig Spannung bot, kümmerte den Baselbieter herzlich wenig. «Es war nie die Atmosphäre wie bei einem Fünfsatz-Thriller», sagte er. «Aber das war ganz gut so. ­Davon habe ich schon genug gehabt.» Der Herausforderer, der sich vor dem grossen Duell selbstbewusst gezeigt hatte, warf in der ersten Viertelstunde alles in die Offensive. Nachdem ­Federer den Sturm überstanden und sein erstes Break zum 3:2 geschafft hatte, kontrollierte er den Match. Die Körpersprache von Cilic und die Präzision bei seinen Schlägen verschlechterte sich zusehends. Bei 0:3 im zweiten Satz verlangte der Kroate nach dem Physiotherapeuten. Nach einer kurzen Unterredung warf er das Handtuch über seinen Kopf und weinte, derweil Federer schon an der Grundlinie aufs nächste Game ­wartete.

Infografik: Federer mit 35 Jahren allen voraus Grafik vergrössern

Von da an schlug sich das Publikum eine Weile auf die Seite des 28-Jährigen. Es wollte noch mehr Tennis sehen. Dass Federer siegen würde, schien da schon allen klar. Auch Cilic. Der liess sich nach dem zweiten Satz den linken Fuss neu eintapen und erklärte später, ihn habe eine Blase behindert. «Jedes Mal, wenn ich schnell die Richtung ändern musste, spürte ich einen Schmerz.» Schon im Halbfinal gegen Sam Querrey habe er ­darunter gelitten. Er sei froh ­gewesen, dass er nicht genau gewusst habe, was Cilic gestört habe, sagte ­Federer. «Als er den Arzt bestellte, dachte ich, er fühle sich schwindlig. Er bewegte sich ­immer noch gut und schlug stark auf.»

Der Schweizer spielte also unbeeindruckt weiter und versuchte nicht etwa, die für ihn rätselhafte Verletzung des Gegners auszunützen. Nach 1:41 Stunden und einem 6:3, 6:1, 6:4 war es vollbracht. In seiner Box versammelte sich die ganze Familie, um diesen speziellen Moment zu feiern. Die siebenjährigen Zwillingstöchter Myla und Charlene ­haben schon Routine bei Siegerzeremonien, für die dreijährigen Leo und Lenny war es die Premiere. Die beiden Blondschöpfe waren adrett gekleidet in weisse Hosen, Hemden und hellblaue Vestons und beobachteten die Szenerie neugierig. Ihre Schwestern zeigten ­ihnen, wie man richtig klatscht.

«Die Jungs haben keine Ahnung, was da vor sich geht», sagte Federer schmunzelnd und schaute hinauf. «Sie geniessen einfach die Aussicht.» Und wie gerne schauen seine Töchter Tennis? «Sie sind wählerisch. Sie kommen nur für den ­Final.» Glücklicherweise spielte ihr ­Vater gut ­genug, um einen vergnüglichen Familienausflug zu ermöglichen.

Er sei sich nach dem letzten Jahr nicht sicher gewesen, ob er in Wimbledon jemals wieder ein Endspiel erreichen würde, sagte der 35-Jährige auf dem Court. «Aber wenn man fest an ­etwas glaubt, kann man viel erreichen. Und das tat ich: Ich glaubte und träumte weiter.»

Das Positive der Knieverletzung

Jene ominöse Szene im Februar 2016 nach dem Australian Open, als er seinen Töchtern ein Bad einliess, ein Klicken im linken Knie spürte und sah, wie dieses anschwoll, markierte für Federer nochmals einen späten Wendepunkt in seiner Karriere. Die kurzfristigen Konsequenzen waren für ihn, der erstmals unters Messer und sich den Meniskus operieren musste, zwar äusserst unangenehm. Und die vergangene Saison, die er nach Wimbledon abbrach, eine schmerzliche. Doch erst durch diese Zäsur sah er sich gezwungen, sich als Spieler nochmals neu zu erfinden. Mit seinem frischen ­Offensivgeist ist er auf gutem Weg zu einer seiner besten Saisons.

«Ich muss wohl öfter frei nehmen», scherzte er bezüglich seiner längeren Pause vor der Rasensaison. Es fühle sich inzwischen fast so an, als arbeite er nur noch Teilzeit. Fünf seiner sieben Turniere in diesem Jahr hat er gewonnen, seine Bilanz steht bei 31:2. Wenn sein 19. Grand-Slam-Titel eine Botschaft ­beinhaltet, die übers Tennis hinausgeht, dann die: In diesen hektischen Zeiten, in denen sich die Welt immer schneller dreht, lohnt es sich, sich zuweilen herauszunehmen aus dem ganzen Rummel und sich klar zu werden, was einem wirklich wichtig ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 08:21 Uhr

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