«Die Kritik an Federer ist absurd»

Heinz Günthardt, Tennis-Kommentator und ehemaliger Spitzenspieler, über den Davis-Cup, Nationalstolz und schweigsame Frauen.

«In Lille werden wir ein Publikum erleben, wie wir es sonst vom Fussball her kennen»: Heinz Günthardt über den Davis-Cup-Final.

«In Lille werden wir ein Publikum erleben, wie wir es sonst vom Fussball her kennen»: Heinz Günthardt über den Davis-Cup-Final. Bild: Bild: Kostas Maros

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Heinz Günthardt, Ihre Platzinterviews an den Swiss Indoors sind längst Kult. Was würden Sie Heinz Günthardt für eine Frage stellen, wenn Sie ihn interviewen würden?
Heinz Günthardt: Da ich mich selbst sehr gut kenne, fällt mir im Moment nichts Interessantes ein (lacht).

Gibt es eine Frage, bei der Sie als ­Interviewter sofort den Platz verlassen würden?
Ich glaube nicht, dass es die gibt. Das Motto muss sein: Die Frage muss nicht immer gescheit sein, um eine gute Antwort zu provozieren.

Was ist für Sie eine dumme Frage?
Im Idealfall stellt der Interviewer keine Frage, die das Gegenüber mit Ja oder Nein beantworten kann. Vor allem, wenn der Interviewpartner schlecht gelaunt ist, was ja hin und wieder vorkommt, sollte man dies vermeiden, sonst kann die ganze Sache ziemlich holprig werden.

Wenn man Ihnen beim Kommentieren zuhört, dann stellen Sie sich einige der Fragen, die Sie danach auf dem Court aussprechen werden, auch schon ­während des Spiels.
Das ist ja auch sinnvoll so. Mich interessiert, was der Spieler zu einer Schlüsselszene meint. Am besten ist es, wenn der Zuschauer das Gefühl hat, dass der Spieler und ich uns sehr gut kennen. Dafür braucht es keine vorbereiteten Fragen, sondern sie entstehen spontan, indem ich meinem Gegenüber zuhöre, wie in einer richtigen Konversation. Leider funktioniert es nicht immer.

Mit wem funktionierte es nicht?
Mit Milos Raonic hatte ich an den Swiss Indoors meine liebe Mühe. Von drei Minuten habe ich schätzungsweise zwei Minuten fünfundvierzig selber geredet.

Wen haben Sie auf der Tour sonst noch als schwierigen Interviewpartner kennengelernt?
Statt einen einzelnen Namen zu nennen, sage ich es so: Auf der Frauentour sind die Interviews schwieriger als auf der Männertour.

Warum?
Ich denke, das liegt zum einen daran, dass die Spielerinnen etwas jünger sind und sich spürbar unsicherer fühlen. Zum andern behandelt die ATP ihre Spieler anders als die WTA. Bei einem Medientraining der Frauen, an dem ich einmal teilnahm, lautete die erste Frage: Wie sage ich möglichst gar nichts? Das ist doch nicht der Sinn. Der Fragesteller und der Interviewte sitzen im gleichen Boot. Es gibt allerdings auch Ausnahmen: Agnieszka Radwanska beispielsweise ist sehr schlagfertig. Schliesslich stelle ich Männern andere Fragen, die durchaus auch privater Natur sein können. Bei einer Frau würde ich mich nie getrauen, übers Fischen zu reden. Mit Rafael Nadal hingegen hätte ich kein Problem damit.

Das Männertennis ist derzeit eindeutig populärer als das Frauentennis. Hängt das damit zusammen, dass es bei den Frauen weniger grosse Figuren gibt?
Da muss ich widersprechen. Es gibt bei den Frauen sehr wohl grosse Figuren. Nehmen wir Serena Williams: Also mehr Ecken und Kanten kann man nicht haben.

Und sonst?
Es gibt Orte, wo das Frauentennis so richtig populär ist. In Asien zum ­Beispiel ist Maria Scharapowa eine Riesennummer.

Was sind die grössten Unterschiede, wenn man als Coach mit einem Mann oder einer Frau zusammenarbeitet?
Frauen haben mehr emotionale Schwankungen. Zugleich begreift eine Frau eine Situation intuitiv, ohne dass ein Wort gesprochen werden muss. Wir Männer ergründen die Dinge analytischer, was manchmal auch eine Schwäche sein kann. Und wir zerreden sehr oft alles.

Was bedeutet das für das Coaching einer Frau?
Das bedeutet beispielsweise, dass der Körpersprache und der Gestik bei Gesprächen mit einer Frau mehr Bedeutung zukommt als bei Männern. Es ist entscheidend, wie leise man etwas sagt, wie laut, zu welchem Zeitpunkt.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für das richtige Timing?
Vor sieben Jahren sprang ich bei den Sports Awards kurzfristig als Laudator ein. In letzter Sekunde erfuhr ich, dass es in meiner Rede aus dem ­Steg­reif heraus um Frauensport gehen sollte. Was macht man da? Man erzählt eine Geschichte. Et voilà: Als ich noch Steffi Graf betreute, kam sie in einem Training auf den Platz. Ich dachte: Oje, dieser Gesichtsausdruck ist ja furchtbar! Die Bälle, die sie abfeuerte, landeten denn auch überall, nur nicht dort, wo sie landen sollten. Also fragte ich sie, was los sei. Sie antwortete: Es ist alles in Ordnung. Nach dreissig weiteren Minuten mit Bällen in alle Richtungen fragte ich nochmals nach und erhielt dieselbe Antwort. Als ich sie wenig später nochmals fragte, fuhr sie mich an: Merkst du eigentlich nicht, dass ich nicht darüber sprechen will? Am Abend rief ich meine Frau an und erzählte ihr die Geschichte. Natürlich hoffte ich auf ihr Verständnis, stattdessen bekam ich zu hören: Also das war ja so etwas von offensichtlich, dass schweigen manchmal besser ist. Unglaublich, dass du das nicht gemerkt hast! Wir Männer sind sehr schlecht darin, so etwas zu erkennen.

Umso mehr ist es erstaunlich, dass Sie nur Frauen trainiert haben, wenn Sie sie so wenig verstehen.
Ganz stimmt das nicht. Ganz zu Beginn meiner Coaching-Karriere habe ich für fünf Jahre das Bundes­liga-Team von Rot-Weiss Berlin trainiert, das aus zwölf Männern bestand. Aber sonst stimmt es, ich habe immer mit Frauen zusammengearbeitet. Mit Steffi Graf acht Jahre lang, die anderen Stationen waren eher Aushilfs-Jobs, bis auf jenen mit Ana Ivanovic, die ich ein Jahr lang trainierte.

Wie begann alles mit Steffi Graf?
Sie hatte gute Beziehungen zu Rot-Weiss Berlin und suchte jemanden, der gut Tennis spielen kann, Deutsch spricht. Ihrem Vater war vor allem wichtig, dass der neue Trainer verheiratet ist. Ich wurde zuerst als Aushilfe angefragt, denn zu diesem Zeitpunkt war Pavel Slozil ihr Coach, mit dem ich Doppel spielte. Das war 1992, als sie schon jede Menge gewonnen hatte. Es lief dann so gut, dass ich sie überallhin begleitete.

Reden wir vom Davis-Cup-Final. Sie haben schon so viel erlebt. Ist er trotzdem etwas Besonderes für Sie?
Absolut. Vielleicht gibt es nur noch diese Chance, dass die Schweiz ihn gewinnt. Zudem bin ich dem Davis Cup sehr verbunden, weil ich selber so oft mitgespielt habe.

Stand der Davis Cup für Sie nie hinter der Einzelkarriere?
So etwas wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Aber verstehen Sie Roger Federer, dass bei ihm genau das so lange der Fall war?
Ich habe vollstes Verständnis dafür. Ich spielte noch in einer völlig anderen Zeit Tennis. Wer wie Federer während Jahren kaum verliert, entsprechend oft spielt, der muss Prioritäten setzen. Dass er sich dabei im Zweifelsfall für die Grand Slams und die Weltrangliste entschied, ist nur logisch.

Hatte der Davis Cup früher eine grössere Bedeutung?
Das ist sehr schwierig zu beurteilen. Heutzutage sind die Spieler weltweit viel bekannter. Björn Borg war ein Weltstar, aber durch die ganzen Medien und die Social Media stehen die Tennisstars heutzutage viel mehr im Rampenlicht. Egal, wo die Spieler antreten, es ist ein grösserer Hype um sie. Deshalb ist seine Bedeutung wohl eher gestiegen.

Rafael Nadal findet, dass er weniger wert sei, weil immer wieder wichtige Spieler verzichten.
Das gab es auch schon früher. Das US-Team zum Beispiel hatte immer wieder Mühe, eine Mannschaft auf die Beine zu stellen.

Man könnte den Davis Cup für die Spieler noch attraktiver machen, indem man für die Teilnahme noch mehr Weltranglistenpunkte verteilt. Was halten Sie davon?
Die Weltrangliste sollte widerspiegeln, wie gut die Leute auf der Tour spielen und wer der Beste ist. Für den Davis Cup muss man nominiert werden, deshalb ist es ungerecht, wenn es dafür Punkte gibt. Jeder sollte die gleichen Chancen besitzen, um zu punkten. Auch beim Masters sollte es keine Punkte geben, können da doch nur die acht besten teilnehmen. Wir müssen aufpassen, dass Weltranglistenpunkte nicht inflationär verteilt werden und sie so an Aussagekraft einbüssen. Die Grand-­Slam-Turniere sind immer noch das Wichtigste. Deshalb ist es merkwürdig, wenn einer mit drei Siegen an Masters-1000-Turnieren einen Grand-­Slam-Gewinner überflügelt.

Was erwarten Sie von den Schweizern in Lille?
Ich erwarte, dass das erste Mal seit zehn Jahren in einem Stadion alle, mit Ausnahme der paar mitgereisten Schweizer Fans, gegen Roger Federer sein werden. Sonst ist er ja überall der Liebling der Zuschauer. In Lille werden wir ein Publikum erleben, wie wir es sonst vom Fussball her kennen. Trotzdem scheinen die Franzosen ihrer Sache nicht ganz sicher zu sein, sonst hätte Gilles Simon nicht bereits ans französische Publikum appelliert, bei einem Punkt von Federer nicht zu applaudieren.

Was würde es bedeuten, wenn Federer nach seiner Rückenverletzung von London doch nicht rechtzeitig fit wird?
Wenn er nicht spielt, werden die Schweizer auf einen Schlag zu Aussenseitern …

… zu krassen Aussenseitern…
… so würde ich es nicht formulieren. Klar ist, dass Wawrinka seine beiden Einzel zwingend gewinnen müsste. Gelänge ihm das, würde es ganz schön spannend.

Verstehen Sie die Kritik, Federer habe zu viel gespielt, statt sich für den Davis-Cup-Final zu schonen?
Nein, damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Ich finde die Kritik absurd. Gewissen Verletzungen kann man nicht vorbeugen – ausser man verzichtet darauf, zu spielen. Gerade Federer wurde jahrelang für seine kluge Saisonplanung gerühmt. Er hätte vor den ATP World Tour Finals in London auch einen Monat pausieren und sich gegen Wawrinka im Halbfinal trotzdem verletzen können. So ist eben Spitzensport. Da gehen die Spieler an die Grenzen, und manchmal reicht eine falsche Bewegung, um sich zu verletzen.

Die Franzosen konnten sich wochenlang auf den Final vorbereiten, Federer hat bloss ein paar Stunden zur Verfügung. Reicht das?
Ja, ich glaube schon. Wenn er ein, zwei Trainings auf Sand machen kann, bevor es am Freitag losgeht, dann sollte das reichen. Denn eines darf man nicht vergessen: Federer ist in einer guten Form, er hat in den letzten Wochen auf einem sehr hohen Niveau gespielt und ist voller Selbstvertrauen.

Wer steht mehr unter Druck – die Schweizer oder die Franzosen?
Im Endeffekt sind es die Schweizer. Die Franzosen dürfen gegen die auf dem Papier stärkeren Schweizer verlieren. Diese sind zwar normalerweise im Vorteil, doch der Heim­bonus, der Sandbelag und die viel bessere und längere Vorbereitung auf den Final schmälern diesen Unterschied zwischen den beiden Teams auf ein Minimum.

Wen würden Sie, wenn Sie der Trainer der Franzosen wären, spielen lassen?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Klar ist nur: Sie können aus dem Vollen schöpfen, haben gleich eine Vielzahl an Variationen zur Verfügung. Die Schweizer hingegen haben, vom Doppel abgesehen, keine wirklichen Optionen.

Wer soll das Schweizer Doppel bilden?
Das hängt davon ab, wie sehr Federer und Wawrinka in ihren Einzeln Kräfte lassen müssen. Gewinnen sie beide problemlos in drei Sätzen, warum sollen sie dann nicht auch im Doppel auflaufen? Aber wenn sie einen kräfteraubenden Fünfsätzer spielen müssen, ist es vielleicht besser, wenn sie sich nachher ganz auf ihre Einzel ­konzentrieren.

Seit den Olympischen Spielen haben die beiden zusammen aber im Doppel keine grossen Stricke mehr zerrissen.
Sie haben auch nie mehr richtig trainiert zusammen.

Warum nicht? Aus Bequemlichkeit?
Nein. Man macht es dieses Jahr aus der Stärke heraus. Sie haben sich beide aufs Einzel im Davis Cup konzentriert und auch fast jede Begegnung gewonnen, also haben sie nichts falsch gemacht. Sie müssten sich einfach entscheiden, ein bisschen Doppel zu trainieren. Das kann nicht schaden, wie man bei Olympia gesehen hat. In diesem Jahr blieb dafür jedoch nur wenig Zeit.

Wie wichtig ist der Davis Cup für Swiss Tennis?
Sehr wichtig. Er hat Signalwirkung. Ich verstehe den Elitesport als beste Werbung, um die Jungen zum Tennisspielen zu bringen. Um das Tennis für die Jungen attraktiv zu machen, müssen das Preis-Leistungs-Verhältnis und die Rahmenbedingungen stimmen. Vor allem aber müssen die Jungen Vorbilder haben, die sie zu diesem Sport bringen. Sie müssen sich sagen: Ich gehe Tennis spielen, weil ich Roger Federer in Wimbledon einen so tollen Match spielen sah.

Wie war es für Sie, Davis Cup zu spielen? Haben Sie so etwas wie Nationalstolz gefühlt?
Nationalstolz war sicher vorhanden. Wenn man dort draussen steht und die Hymne erklingt, ist es ein schönes Gefühl. All diese Nationenwettbewerbe habe ich schon als Kind verfolgt, zum Beispiel wenn die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft spielte oder sogar wenn es im «Concours Eurovision de la Chanson» um den Sieg ging.

Die Frage mag merkwürdig klingen: Aber ist der Sieg für Roger Federer im Davis Cup überhaupt wichtig? Er hat mehr als alle anderen gewonnen, da fällt es nicht mehr ins Gewicht, ob auch der Davis Cup darunter war.
Doch, es ist ihm wichtig. Er hat den Ehrgeiz, jeden grossen Titel im Tennis zu gewinnen, und da gehört der Davis Cup zwingend dazu.

Wie sehr hätte es Sie überrascht, wenn Federer in diesem Jahr nochmals die Nummer 1 geworden wäre?
Das hätte mich sehr gewundert. Es wäre vermessen, von einem 33-Jährigen zu erwarten, dass er noch einmal die Nummer 1 der Welt wird. Zugleich ist ja alles überraschend, was Roger leistet. Ich lasse mich deshalb immer wieder gerne von ihm überraschen.

Wenn Sie Federers Coach wären, woran würden Sie mit ihm arbeiten?
In seinem Alter geht es nur noch ums Konservieren des Niveaus.

Wie lange wird Roger Federer noch ­Tennis spielen?
Keine Ahnung. Ein schönes Beispiel ist Jimmy Connors, der es mit 39 noch in den Halbfinal eines Grand-­Slam-Turniers schaffte. Bei Federer ist nichts unmöglich und wie gesagt vieles unerwartet. Ich denke aber nicht, dass er noch so lange wie Jimmy ­Connors spielen wird.

Wie sehr hängt Ihre Kommentatorenkarriere bei SRF davon ab, wie lange Roger Federer noch Tennis spielt? Oder anders gefragt: Wenn er aufhört, machen Sie dann auch gleich Schluss?
Ich weiss nicht, was dann sein wird. Ich denke aber nicht, dass man beim Schweizer Fernsehen den Tennis­sport gleich auf null herunterfahren würde. Man hat herausgefunden, dass der Livesport am Fernsehen am meisten Zukunft hat. Alles andere kann man heutzutage schauen, wann man will. Online oder auch im Fernsehen zeitverschoben. Livesport will man jedoch dann geniessen, wenn er stattfindet. Für einen Montagnachmittag, an dem nichts läuft, gibt es nichts Besseres als ein Tennis-Live­spiel.

Sie könnten sich sagen: Ich höre als Co-Kommentator gleichzeitig mit ihm auf und wende mich anderen Dingen zu.
Aber ich kann doch gar nichts anderes (lacht).

Können Sie in einem Satz sagen, was die Faszination des Tennissports ausmacht?
Also in einem Satz ist etwas zu viel verlangt, in drei sollte es vielleicht gehen. Tennis ist eine Kombination aus Athletik, Ausdauer, Koordination, Instinkt und Zweikampf. Es ist ein Zwitter aus Boxen und Golfen. Tennis ist so kompliziert, dass es nicht zu fassen ist, und das macht es immer wieder aufs Neue spannend.

Was kommt in der Schweiz nach Roger Federer und Stan Wawrinka?
Roger Federer kann man nicht ersetzen. Nicht anders sieht es bei Stan Wawrinka aus. Wenn man als Massstab nimmt, dass wir nach ihrer Ära unter den ersten zehn Spielern der Weltrangliste gleich wieder zwei Schweizer haben, dann sieht es übel aus: Denn da sind wir in der Schweiz nicht in einem Tal, sondern im puren Flachland. Das realistische Ziel für die Schweiz sollte es deshalb sein, dass wir immer Spieler im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers dabei haben. Das wäre doch schon mal was. Wenn wir zwei unter die ersten hundert bringen, stehen wir gut da – was aber viel schwieriger ist, als es aussieht. Was den Davis Cup betrifft, sollten wir von der Grösse her eine Pendlernation sein, also mal in der Weltgruppe spielen, dann wieder in der Kontinentalgruppe.

Gibt es denn Nachwuchsspieler, die das Zeugs haben, um später einmal oben mitzuspielen?
Natürlich haben wir einige Spieler, die talentiert sind. Den ganz grossen Überflieger sehe ich jetzt aber noch nicht, wir haben derzeit keinen wie Borna Coric in unseren Reihen.

Wie oft spielen Sie selbst noch Tennis?
Das kommt darauf an, wie viel ich unterwegs bin. Manchmal wochenweise nicht, dann, wenn ich im Leistungszentrum von Swiss Tennis in Biel bin, bis zu vier Stunden am Tag.

Würden Sie Stan Wawrinka ein Game abnehmen?
Niemals! Einen Aufschlag könnte ich aber vielleicht schon noch retournieren. Aus dem Stand heraus spiele ich sehr gut und auch mental bin ich stark (lacht).

Haben Sie früher mit Steffi Graf im Training ebenfalls um Punkte gespielt?
Andauernd. Ich hatte natürlich als Mann einen Vorteil. Aber wie sagt man so schön: Ein Gentleman geniesst und schweigt.

Heute sind Sie als Mister Tennis in der Schweiz bekannt.
Das haben Sie jetzt gesagt. Für mich ist Roger Federer Mister Tennis.

Ihr Rat ist aber dennoch begehrt. Wie sehr fühlen Sie sich gebauchpinselt? Jeder wird gerne geschätzt. Das Interessante ist, dass nichts geplant war bei all dem, was ich mache.

Wie das?
Ich bin kein Mensch, der viel vorausplant. Das macht es auch spannend. In vieles bin ich hineingerutscht. Niemand konnte wissen, dass Roger Federer so gut Tennis spielen und ich deshalb auch als Experte so gefragt sein würde. Ich habe nie davon geträumt, Fernsehreporter zu werden. Ich war ein Pionier in diesem Metier: Als ich 1986 begann, Spiele zu kommentieren, war ich einer der Ersten. Zuerst arbeitete ich mit Roger Rohner zusammen, danach mit Heinz Pütz.

Und wie kam es, dass Sie in der Schweiz die Platz-Interviews führen?
Auch das war ein Zufall. Am Turnier von Gstaad stritten sich das Westschweizer und das Deutschschweizer Fernsehen darum, wer das Interview auf dem Platz führen durfte. Da sie sich nicht einigen konnten, entschied Heinz Pütz: Dann machst du es! Das wiederum kam bei den Fernsehjournalisten nicht so gut an. Bei meinem allerersten Interview nahm mir der Westschweizer Kollege einfach das Mikrofon aus der Hand. Pütz fragte mich danach, warum ich es nicht festgehalten hätte. Stellen Sie sich vor, wie das ausgesehen hätte, wenn wir uns vor allen ums Mikrofon gerangelt hätten!

Kommentator, Experte, Platz-Interviewer, Trainer, ausserdem sind Sie auch Fed-Cup-Chef und Berater des Verbands – was können Sie von all dem am besten?
Das hängt ja alles irgendwie zusammen. Ich glaube, ich kann sehr gut ein Spiel analysieren, das musste ich schon als 14-Jähriger können. Ich spielte damals bei den Schweizer U18-Meisterschaften mit und war natürlich körperlich unterlegen. Aber mit Spielgeschick und besagtem Antizipationsvermögen konnte ich dies kompensieren. Ich habe Tausende von Bildern und Situationen in mir abgespeichert, sodass ich oft schon sehr früh weiss, was im nächsten Moment geschieht.

Wie lange dauerte die längste Session, die Sie jemals kommentieren mussten?
Die dauerte wohl elf bis zwölf Stunden. Dabei redet man jedoch nicht die ganze Zeit – ein Professor, der das untersucht hat, kam auf eine Rededichte von 40 Prozent. Der Löwenanteil findet während der Seitenwechsel statt. Letztes Jahr habe ich insgesamt über 270 Stunden Tennis kommentiert. Das ist mehr als alle Fussball­reporter bei SRF zusammen.

Erhalten Sie im Tennis viele Reaktionen, vielleicht auch Beschwerden vonseiten der Zuschauer auf Ihre Aussagen?
Es sind nicht so viele. Am ehesten werden deutsche Ausdrücke von mir kritisiert. Wenn ich also Finale statt Final sage, was mir immer wieder passiert.

Kam es auch schon vor, dass Sie von Spielern kritisiert wurden, beispielsweise von Federer?
Nein, das ist mir noch nie passiert. Horst Skoff beschwerte sich in Gstaad einmal bei seinem Trainer über meine Worte. Der Coach kam dann zu mir und sagte, dass ich völlig recht hatte mit meiner Kritik.



(Basler Zeitung)

(Erstellt: 20.11.2014, 09:43 Uhr)

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Was Heinz Günthardt (55) in seinem Leben schon alles machte – sagenhaft! Er war als Spieler im Einzel die Nummer 22 der Welt, gewann im Doppel mit Balázs Taróczy und im Mixed an der Seite von Martina Navratilova vier Grand-Slam-Turniere. Nach seinem Rücktritt betreute er während acht Jahren bis zum Ende ihrer Karriere Steffi Graf. Später folgten weitere Engagements, unter anderem bei der Wahlbaslerin Ana Ivanovic. Günthardt arbeitet seit einer Ewigkeit als Co-Kommentator für SRF. Bei Swiss Tennis ist er als Berater tätig, zugleich hat er bei den Frauen das Mandat als Fed-Cup-Chef inne.

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